Leichter shoppen

Drehkreuze, hohe Regale und Kassenbereiche – die Einrichtung von Geschäften wird für Kunden mit Behinderung schnell zur Barriere. Eine Initiative des Handelsverbands will Abhilfe schaffen. Kübra Sekin hat getestet, ob das funktioniert.
 

Einkaufen macht Spaß Kübra Sekin auf Testkauftour in Geschäften mit dem Siegel „Generationenfreundliches Einkaufen“.

Text  Saskia Kaufhold
Fotos  Sandra Stein

„Es ist geräumig und die Gänge sind breit. Außerdem hat die Kasse eine gute Höhe.“

Kübra Sekins Elektrorollstuhl surrt leise durch den breiten Gang. Die Hosen, die auf den Podesten ausliegen, gefallen ihr gut. Sie schnappt sich zwei und fährt zu den Umkleidekabinen. Dort verfliegt ihre Begeisterung – wie so häufig in Boutiquen und Kaufhäusern. „Umkleidekabinen sind selten rollstuhlgerecht. Meistens sind die Vorhänge so kurz, dass man bei mir alles sehen kann. Ich nehme die Sachen dann mit und probiere sie zu Hause an.“ Im Supermarkt nebenan kommt sie besser klar. Die Produkte in den Regalen links und rechts des Gangs sind in Reichweite, der Boden rutschfest. Kübra ist begeistert. „Das ist echt nicht die Norm. Hier habe ich mal genug Platz.“ Der Supermarkt ist einer von mehreren Tausend in Deutschland, die das Siegel „Generationenfreundliches Einkaufen“ tragen. Das Logo mit dem orangefarbenen Einkaufswagen zeigt an, dass man hier barrierearm einkaufen kann.

Ins Leben gerufen haben das Siegel und die dahinterstehende Initiative der Handelsverband Deutschland zusammen mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie verschiedenen Interessengemeinschaften. Einzelhändler aller Branchen können sich beim Handelsverband um die Auszeichnung bewerben und werden von Vertretern der Organisation vor Ort geprüft. Einige Kriterien müssen ohne Wenn und Aber erfüllt werden, damit die Zertifizierung erfolgen kann. Dazu gehört ein ebenerdiger Zugang zu den Verkaufsräumen, sich automatisch öffnende Einkaufstüren und eine Gangbreite von mindestens 90 Zentimetern.

Für Kübra Sekin ist die Initiative ein Schritt in die richtige Richtung. Die 26-Jährige hat Glasknochen und sitzt seit ihrem dritten Lebensjahr im Rollstuhl. Früher war sie mit einem Standardrollstuhl unterwegs, später bekam sie einen E-Rolli. Der ist zwar komfortabler, aber auch viel größer und schwerer. „Mir passiert es oft, dass ich in Läden gar nicht erst reinkomme. Zum Beispiel, wenn im Eingang ein Drehkreuz angebracht ist. Teil­weise sind die viel zu klein und zu eng“, erklärt die Studentin.

„Tiefkühltruhen und Regale sind zu hoch für mich. Das kenne ich aus vielen Läden."

Ein barrierefreies WC gibt es nicht überall

Im generationenfreundlichen Kölner Supermarkt ist sie recht gut unterwegs: kein Drehkreuz am Eingang, alle Türen öffnen sich automatisch, die Gänge bieten genug Platz für das Manövrieren mit dem E-Rolli. Noch ein Plus: Es gibt ein behindertengerechtes WC und einen Aufzug, mit dem man die zweite Etage erreichen kann. Auch solche Ausstattungsmerkmale werden für das Siegel berücksichtigt, zählen allerdings zu den sogenannten B-Kriterien. Eine bestimmte Anzahl dieser B-Kriterien muss erfüllt werden, aber das Geschäft darf festlegen, welche. „Das Zertifikat garantiert Barrierearmut“, sagt Wilfried Malcher, Geschäftsführer Bildung und Berufsbildung beim Handelsverband Deutschland. „Außerdem sollten die Mitarbeiter für die Bedürfnisse von Kunden mit Einschränkungen sensibilisiert worden sein und auf sie zugehen.“ Das Siegel ziele vor allem auf Senioren mit altersbedingten Einschränkungen, aber auch auf Menschen mit Behinderung oder Eltern mit Kinderwagen.

Im Supermarkt steht Kübra vor einer Tiefkühltruhe. „Die sind echt doof“, sagt sie, „weil ich kaum hineinschauen kann.“ Außerdem sind die Regale im getesteten Markt genauso hoch wie in anderen Märkten auch. Viele Produkte kann Kübra nicht erreichen, selbst wenn sie ihren E‑Rolli hochfährt. Ärgerlich, beispielsweise, wenn man aufs Geld achten muss und so nicht an die preiswerten Produkte drankommt. „Meistens habe ich Glück, und die günstigen Sachen stehen unten.“ Falls nicht, spricht sie die Mitarbeiter im Laden an. „Die meisten sind supernett. Sie kommen zwar in der Regel nicht ungefragt auf mich zu, sind aber sehr hilfsbereit.“

„2010 haben wir die erste Zertifizierung durchgeführt, mittlerweile sind es um die 2.000 jedes Jahr. Aktuell haben über 11.000 Geschäfte das Siegel“, sagt Wilfried Malcher. Darunter sind nicht nur Shoppingcenter mit Hunderten Läden, Baumärkte oder Elektronikgeschäfte, sondern auch kleine Fachgeschäfte. Wie der Kölner Schuhladen, den Kübra als Nächstes testet: schmaler Eingang, eine Etage, viele Stühle. Aber: Kübra kommt mit ihrem E-Rolli ins Geschäft und kann dort rangieren. Schuhe kaufen kann sie meist auch in gewöhnlichen Läden ohne große Probleme. „Die Mitarbeiter kommen sofort zu mir und bringen mir, was ich anprobieren möchte.“

Der Handelsverband  Deutschland will erreichen, dass das Bewusstsein für Kunden mit Einschränkungen wächst. Ein Gesetz, das den Abbau von Barrieren in der Privatwirtschaft vorschreibt, gibt es nicht. „In Deutschland sind wir noch ziemlich hintendran“, sagt Kübra. Übrigens: Die Hosen nimmt sie zum Anprobieren mit nach Hause. „Man kann ja zwei Wochen lang umtauschen“, sagt sie und lacht.


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