Unabhängig von der Echoortung

Daniel Kish ist der Pionier der Klicksonartechnik. Er gründete im Jahr 2000 die Organisation World Access for the Blind.
 

Daniel Kish mit Blindenstock beim Wandern im Gebirge

Interview Jessika Knauer

Foto Baldur Gylfason

 

Manche nennen Sie Batman. Ist das ein passender Spitzname?

Batman ist der einzige Superheld, der sich – in seiner ursprünglichen Inkarnation – aus seiner eigenen Menschlichkeit heraus entwickelt hat. Seine Superkräfte hat er aus seiner Persönlichkeit und seinem Charakter entwickelt. In diesem Sinne ist Batman der einzige Superheld, den wir als Menschen wirklich verstehen und dem wir nachstreben können. Das macht ihn für mich zu etwas ganz Besonderem. Denn das ist ja der Kern unserer Arbeitsphilosophie: Dass wir alle versuchen können, unsere Grenzen zu erweitern. Um also auf die Frage zurückzukommen: Ich empfinde den Spitznamen als Ehre.

 

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie begonnen haben, die Klicksonartechnik einzusetzen?

Ich war erst ungefähr 15 Monate alt. Ich erinnere mich, dass ich mich mit etwa zweieinhalb Jahren nachts aus dem Haus gestohlen habe. Ich habe durch den Zaun hinter unserem Haus geklickt und dahinter Dinge in verschiedenen Größen entdeckt. Dass ich die Klicksonartechnik entwickelt habe, ist das direkte Resultat des Umgangs meiner Eltern mit mir. Sie haben meine persönliche Freiheit, Integrität und Würde immer über alles andere gestellt. Und diese Dinge vor meiner Blindheit gesehen. Die Betonung lag nie darauf, was ich als blinder Mensch nicht tun konnte oder sollte, sondern auf meinen Möglichkeiten, etwas zu erreichen. Sie wollten und erwarteten, dass ich die gleichen Freiheiten und Verantwortlichkeiten hätte wie andere Menschen auch.

 

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das Klicksonar als Orientierungshilfe nutzen konnten?

Ich konnte mit der Technik immer schon jeweils altersgerechte Dinge selbstständig tun. 

 

Wann haben Sie begonnen, die Technik zu professionalisieren? Was war der Auslöser für Ihr Engagement?

Ich habe mein Abschlussprojekt im Studium zum Thema Klicksonar gemacht. Mein Ziel war, die Grundlage für ein Programm zu schaffen, das blinde Kinder unbhängiger und mobiler machen sollte. So wurde ich der erste blinde Orientierungs- und Mobilitätsspezialist mit Uni-Zertifikat. Inzwischen gibt es in den USA Dutzende von uns.

 

Gab es auch Rückschläge? Und wie sind Sie damit umgegangen?

Rückschläge gab es vor allem bei der Finanzierung und der Beschaffung von Ressourcen für unsere Arbeit. Und auch das mangelnde Interesse innerhalb des etablierten Bildungssystems für blinde Kinder, etwas zu ändern, war ein Hindernis.
Der Grundgedanke dieses Systems ist, dass etwas nicht stimmt mit dem Kind. Dass etwas kaputt ist und man alles, was möglich ist, tun muss, um den Defekt so weit wie möglich zu beheben. Unser Ansatz ist ein ganz anderer. Wir gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn dafür gemacht ist, sich an verschiedene Herausforderungen anzupassen. Blindheit ist eine Herausforderung – nicht mehr und nicht weniger. Und wie bei jeder Herausforderung kann man das Gehirn dabei unterstützen, sich anzupassen, neue Vernetzungen zu schaffen und seine Fähigkeit, mit fast jeder vorstellbaren Situation fertigzuwerden, zu nutzen.

 

Wann sollten Kinder mit dem Erlernen der Klicksonartechnik beginnen?

Je früher, desto besser. Zu spät ist es aber nie.

 

Gibt es Orte, die sich besser für die Verwendung von Klicksonar eignen als andere? Wo ist der Einsatz der Technik besonders schwierig?

Man kann die Technik überall und unter allen Umständen einsetzen. Es wird allerdings umso schwieriger, je lauter die Umgebung ist.

 

Was waren die schönsten Orte, die Sie mit dem Klicksonar erkundet haben?

Die Schweizer Alpen und Wasserfälle in Island.

 

Welches Material erzeugt für Sie das schönste Echo? Und warum? Und welches Echo mögen Sie gar nicht?

Ich mag Schlösser. Die vielen Bauornamente lassen sie sehr lebendig und strahlend klingen. Kuppeln und Gewölbe mit ihrem starken Widerhall mag ich auch. Ein Material, dessen Echo ich nicht mag, gibt es eigentlich nicht.

 

Welche Ziele haben Sie für die Zukunft?

Ich möchte, dass blinde Menschen das Know-how und die Ressourcen haben, um ihre Unabhängigkeit einfordern zu können, statt weiterhin quasi unter Anleitung anderer zu leben und zu handeln. Ich möchte, dass blinde Menschen sich selbst respektieren und von anderen respektiert werden und dass sie wissen, dass sie das gleiche Recht haben wie alle anderen, den Reichtum dieser Welt zu genießen. Ich möchte, dass alle blinden Kinder sich frei und unabhängig bewegen können so wie sehende Kinder und dass sie alle zusammen lernen und spielen können. Ich möchte, dass blinde und sehende Menschen gleichermaßen lernen, besser zu sehen.

 

 


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