Sehen wie die Fledermaus

Text Anja Schimanke
Fotos Alex Büttner

Mit den Ohren sehen? Für Fledermäuse kein Problem. Das Prinzip der Echoortung können auch blinde Menschen für sich nutzen: mit dem sogenannten Klicksonar.

Mithilfe des Klicksonars erforscht Anton Müller (Name geändert) die Räume seiner neuen Schule. Schon bald wird er sich hier mühe- und gefahrlos bewegen können.

Zunge fest am Gaumen andocken, anspannen, loslassen. Dann ertönt ein scharfer, spitzer Ton: Klick! Dreimal schnalzt Anton Müller* so mit seiner Zunge, während er durch den Flur geht, bis er aufhorcht und stehen bleibt. „Da geht’s nicht weiter“, erkennt der Sechsjährige. „Da ist eine Wand!“ Anton Müller ist von Geburt an blind. Aber er kann hören, was andere sehen. Ob Wand oder Tür, Lichtmast oder Baum – alle Objekte in seiner Nähe erzeugen ein Echo, wenn er mit der Zunge schnalzt. So kann er Hindernisse orten, ohne sie berühren zu müssen. Form, Größe und Lage der Gegenstände lernt Anton Müller zu erkennen, sodass er sich ein Bild von seiner Umgebung machen kann. Diese Technik ähnelt der Echoortung, wie sie Fledermäuse nutzen, um sich im Dunkeln zu orientieren. Man nennt sie Klicksonar.

Mit der Zunge geschnalzt hat Anton Müller schon, bevor er krabbeln konnte und die Welt um sich herum entdeckte. Klick, klick – machte er aus dem Kinderwagen, dem Bettchen, dem Hochstuhl. Mit jedem Klick beschafft er sich Informationen, die im Gehirn eine Art Radarbild entstehen lassen (siehe Infos links). Dabei nutzt Anton Müller die Hirnareale, die für das räumliche Sehen zuständig sind. „Wie bei einer Festplatte wird freier Speicherplatz genutzt“, erklärt Klaus Mönke­meyer vom Institut für soziale Integration Sehbehinderter und Blinder in Köln. Er ist seit 27 Jahren Mobilitätstrainer und vermittelt die Klicksonartechnik, seit er sie 2011 kennenlernte. Er zeigt Anton Müller, wie er sie bewusst einsetzt. „Blinde Kinder bekommen einen sinnlich-konkreten Rahmen zur Verfügung gestellt, der ihren Radius erweitert“, sagt Klaus Mönkemeyer. „Das ist eine elementare Grundlage für ein selbstbestimmtes  Leben!“

Mobilitätstrainer Klaus Mönkemeyer zeigt Anton, welches Echo die nahe Metallschüssel erzeugt.

Training früh beginnen

Mehr Mobilität, Orientierung, Sicherheit und Tempo verspricht Klicksonar, wenn es Kinder bereits in der Frühförderung üben. Dann fällt der Lernprozess mit wichtigen Entwicklungsphasen des Gehirns zusammen, und sie lernen von Anfang an, sich einen Raum akustisch zu erschließen. Blaue Flecken hat Anton Müller manchmal trotzdem. Ecken, niedrige Gegenstände und Vertiefungen im Boden sind nur schwer oder gar nicht zu orten. Der Langstock ist darum unerlässlich. Anton Müller besucht die Frühförderstelle der Severinschule in Köln, die Kinder bereits ab zwei Jahren in Klicksonar unterrichtet. Das Pilotprojekt vom Landschaftsverband Rheinland ist in Deutschland einzigartig. Normalerweise erhalten blinde Kinder vor der Einschulung nur eine Stunde Frühförderung pro Woche, in einigen Bundesländern sogar weniger. Den Langstock, auch Blindenstock genannt, mit dem blinde Menschen Unebenheiten und kleine Hindernisse ertasten können, finanzieren die Krankenkassen meist erst ab einem Alter von sechs Jahren. Die Kleinkindphase, in der Kinder besonders leicht solche grundlegenden Dinge lernen, bleibt so für die Entwicklung der Orientierungsfähigkeit oft ungenutzt.

 „Was Bildung, Mobilität und Orientierung angeht, herrscht in Deutschland ein Missstand“, hat auch Steffen Zimmermann seit der Geburt seiner Tochter Juli vor fünf Jahren immer wieder festgestellt. Bilderbücher oder Blindenstöcke für blinde Kinder? Fehlanzeige. Auf der Suche nach Anregungen stieß er im Internet auf Klicksonar – und auf den blinden US-Amerikaner Daniel Kish (siehe Interview), der sich die Technik als Kind selbst beibrachte und heute weltweit meist allein unterwegs ist. Auch Fahrradfahren und Bergwandern sind für ihn kein Problem. Die Zimmermanns waren beeindruckt. Sie luden Daniel Kish zu sich ein und lernten von ihm. „Uns hat sich durch Daniel eine neue Welt eröffnet, in der wir unser Kind viel besser fördern können“, sagt Steffen Zimmermann. „Wir trauen unserem Kind nahezu alles zu, was wir einem sehenden Kind zutrauen würden.“

Nach dem Besuch Kishs war für ihn und seine Frau Ellen Schweizer klar: Sie wollten Klicksonar in Deutschland populär machen. 2011 gründeten sie den Verein Anderes Sehen e. V. und veranstalteten Workshops. Über 300 Menschen haben sie seither im Klicken und Orientieren unterrichtet.

Klaus Mönkemeyer war einer der ersten Workshopteilnehmer und ist von der Methode überzeugt. Auch wenn man keine Wunder erwarten darf. „Man kann nicht einfach den Schalter umlegen, und dann funktioniert es sofort“, sagt er. „Klicksonar muss geübt und entwicklungsbegleitend wiederholt werden.“ Steffen Zimmermann freut sich über die Fortschritte, die seine Tochter in Richtung unabhängige Mobilität macht: Am Wochenende ist sie eine Dreiviertelstunde durch den Wald gelaufen. Ohne seine Hand. Nur mithilfe ihres selbst gebauten Langstocks und jeder Menge klick, klick, klick.


Weitere Artikel

Vor dem Spiel
Reden wir drüber

Ein Bad Godesberger Projekt nutzt das Fußballspiel als Mittel zur Sprachförderung und zum respektvollen Umgang miteinander.

zum Projekt
Wafi Al Batran am Steuer des Tuk-Tuks, auf der Landefläche Nour und seine Bruder
Nicht zu bremsen

In Gaza ist das Leben für Menschen mit Behinderung besonders beschwerlich. Dem trotzen sie mit Mut und Eigeninitiative.

zum Artikel
Rudi Cerne knozentriert sich auf die Fragen der Redakteure mit Down-Syndrom
Ohrenkuss-Interview

Rudi Cerne, der neue Botschafter der Aktion Mensch, steht Redakteuren der Zeitschrift Ohrenkuss Rede und Antwort.

zum Interview

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?