Begegnungen auf und neben der Bühne

Beim Klavier-Festival Ruhr tanzen Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam. Die Choreografie erarbeiten sie sich selbst.

Text: Andrej Klahn
Fotos: Markus Feger

Die Proben haben noch nicht begonnen, als Heike Sana-Claußnitzer die Hauptdarsteller lautstark von der leer geräumten Bühne der Aula des Duisburger Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums bitten muss. Hier proben die Gymnasiasten gemeinsam mit Förderschülern der Buchholzer Waldschule. „Das ist kein Spielplatz!“, ruft die stellvertretende Leiterin der Buchholzer Waldschule Richtung Podium. Dort toben einige ihrer Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung zwischen den aufgezogenen Vorhängen herum. Bevor sie in ein paar Tagen auf einer viel größeren Bühne stehen werden, müssen sie sich zunächst einmal im Parkett einfinden. Dort wartet Yasha Wang auf sie.

Die Kölner Choreografin trägt ein T-Shirt, auf dem ein bunter Fisch zu sehen ist. Darunter steht „Ich will Meer“. Yasha Wang hat an diesem Morgen eine Menge vor. Sie muss der Choreografie, die sie in den letzten Monaten gemeinsam mit Jugendlichen unterschiedlichen Alters entwickelt hat, den letzten Schliff geben. Neben den Buchholzer Waldschülern sind auch der Sportkurs des Gymnasiums und Grundschulklassen an dem Projekt beteiligt. Sie alle gilt es nun zusammenzubringen.

Musizieren, tanzen und kleine Aufführungen

Dafür hat Wang die Jugendlichen einen großen Kreis bilden lassen. Jeweils zwei von ihnen laufen bis zur Mitte, begrüßen sich mit Handschlag und Umarmung, klatschen sich ab oder werfen sich Kusshände zu. Das Begrüßungsritual ist streng durchchoreografiert. Es ist Teil der Aufführung. Immer wieder proben die Jugendlichen die Bewegungsabläufe. „Am Anfang habe ich gedacht: Das wird niemals klappen“, erinnert sich Heike Sana-Claußnitzer an die ersten Probeneindrücke. „Einige unserer Schüler haben Schwierigkeiten, rechts und links auseinander zu halten und Arme und Beine zu koordinieren.“

Doch diese Befürchtungen waren unbegründet. Es funktioniert, und wie! Die Kinder zeichnen mit ihren Füßen synchron Kreise auf den Boden, sie wirbeln die Arme durch die Luft, um plötzlich inne zu halten und den Kopf auf dem Rücken des Nachbarn abzulegen.

Seit 2008 kooperiert das Klavier-Festival mit der Buchholzer Waldschule. Es schickt Tanz- und Musikpädagogen in die Klassen, die mit den Jugendlichen künstlerisch arbeiten. Sie musizieren, tanzen und entwickeln kleine Aufführungen. Zunächst jede Schule für sich, bis die Klassen dann gemeinsam im Rahmen einer Intensivwoche proben. „Wir suchen das Thema und die Musik aus“, sagt Yasha Wang. „Aber die Schritte und die Bewegungen entwickeln die Kinder selbst, häufig aus Alltagsgesten heraus.“

In diesem Jahr steht die Tanz-Suite des ungarischen Komponisten Béla Bartók auf dem Programm. Das in den frühen 1920er Jahren komponierte Stück ist durch unterschiedliche kulturelle Einflüsse und Traditionen geprägt. „Das passt gut zu diesem Projekt. Bei unserer Arbeit hier geht es auch um Vielfalt und Begegnung“, sagt Tobias Bleek. Er ist Leiter der Education-Abteilung des Klavier-Festivals Ruhr, das sich seit Jahren in Marxloh engagiert, einem Stadtteil, der über die Stadtgrenzen hinaus als sozialer Brennpunkt verschrien ist.

Förderschuler und Gymnasiasten

Am Anfang der gemeinsamen Proben hat Yasha Wang Tandems aus Förderschülern und Gymnasiasten gebildet. Zu behaupten, dass daraus Freundschaften fürs Leben entstanden sind, wäre wohl übertrieben. Aber die Gymnasiasten kümmern sich sehr um ihre jüngeren Partner aus der Buchholzer Waldschule, auf wie neben der Bühne. Hier und da wird auch schon mal eine Telefonnummer ausgetauscht. „Es motiviert unsere Schüler, dass so viele ältere, nicht behinderte Schüler da sind “, sagt Heike Sana-Claußnitzer. „Sie haben sehr viel Spaß.“

Die Idee, Förderschüler und Gymnasiasten gemeinsam und gleichberechtigt auf die Bühne zu bringen, entstand vor Jahren während einer Präsentation der Choreografien. Damals tanzte der heute sechzehnjährige André von der Buchholzer Waldschule zusammen mit Yasha Wang im Duo. Vor lauter Lampenfieber wollte André zunächst nicht auf die Bühne. Programmpunkt folgte auf Programmpunkt, bis André sich am Ende doch zum Auftritt überreden ließ. Der Rektor des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums war von der Darbietung so angetan, dass er die schulübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen des Klavier-Festivals anregte.

Mittlerweile zählt André, der im Bayern München Trikot probt, zu den erfahrenen Tänzern aus der Buchholzer Waldschule. Doch aufgeregt sei er noch immer, erzählt er mit Blick auf die bevorstehende Aufführung. Diese Anspannung teilt er mit allen Beteiligten, egal, aus welcher Schule sie stammen. Schließlich tritt man nicht alle Tage vor ein paar Hundert Zuschauern auf.


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