Wenn Eltern psychisch krank sind

Etwa 1,5 Millionen Kinder in Deutschland leben mit einem Elternteil, das psychisch erkrankt ist. Ein Projekt in Darmstadt unterstützt Jugendliche, damit klarzukommen.
 

Istock

Text: Eva Keller

Für Anna* gibt es ein Damals: Damals, als Papa immer fröhlich war, als sie ganz viel zusammen lachten. Ungefähr sieben Jahre war Anna damals alt. Danach begann die Zeit, in der Papa dauernd die Kopfhörer in die Ohren stöpselte, um Musik zu hören. Oder vor dem Fernseher saß, um seine Ruhe zu haben. Anna merkte, dass Papa traurig war, sie versuchte, ihn aufzumuntern. Kuschelte sich an ihn, kitzelte ihn, malte Bilder für ihn. Mama plante schöne Dinge wie Ausflüge, Kinobesuche – aber Papa blieb lustlos und gereizt. Anna fragte Mama, was los sei, doch Mama war selbst ratlos. Stress bei der Arbeit vielleicht. Und schließlich, da war Anna schon neun, kam der Tag, an dem sie aus der Schule kam und Mama ihr sagte: „Papa ist in der Klinik.“

Verunsicherung und Scham

1,5 Millionen Kinder in Deutschland leben Schätzungen zufolge mit einem Elternteil zusammen, das psychisch erkrankt ist. Für die Kinder ist das eine große Belastung: Die Stimmung zu Hause ist gedrückt, die Probleme werden aber häufig nicht angesprochen. Viele Familien vernachlässigen den Kontakt zu Freunden und Nachbarn, auch die Kinder verabreden sich seltener. Weil sie für die Mutter oder den Vater da sein wollen oder weil sie sich für die Situation zu Hause schämen. Oft übernehmen sie Aufgaben der Erwachsenen, kochen oder kümmern sich um jüngere Geschwister. Das Risiko ist groß, dass solche Kinder selbst psychische Störungen entwickeln.

Die unklare Situation hat auch Anna verunsichert: nicht zu wissen, was mit dem Papa nicht stimmt. Nicht einschätzen zu können, wie sie mit ihm umgehen kann. Als Anna und ihre Mutter den Vater das erste Mal besuchten und sie das Schild „Klinik für seelische Gesundheit“ las, war es fast eine Befreiung. Und was Mama dann sagte, verstand sie: „Wenn die Seele krank ist, kann man nicht einfach ein Pflaster draufkleben.“

Annas Mutter hatte erst im Moment des Zusammenbruchs ihres Mannes begriffen, in welches Tief er im Laufe der Jahre gerutscht war. Doch nachdem sie sich gesammelt hatte, handelte sie, auch im Sinne von Anna: Sie suchte nach einem Ort, an dem Anna aufgefangen würde. Mit ihren Sorgen um Papa; mit ihren Sorgen um Mama, die kurz vor der Geburt des kleinen Bruders stand; mit der angeknacksten Beziehung zu Papa.

Beim Verein Menschenskinder in Darmstadt fand die Familie Willmuth* Hilfe. „Unser Ziel ist es, die Kinder zu stärken und ihre Bindung zu den Eltern wieder zu festigen“, sagt Mareike Scheiner, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche und eine von vier Mitarbeiterinnen im Projekt „Miteinander leben – Krisen überwinden“.

Seit 2013 fördert die Aktion Mensch das Projekt, zu dem die „Räuberkinder“-Gruppen gehören. Im wöchentlichen Wechsel trifft sich hier ein Kreis von elf jüngeren Kindern (bis zehn Jahre) sowie eine Gruppe mit fünf älteren Kindern. In diesen Gruppen wird viel geredet. Die Kinder berichten von zu Hause, viele Gespräche ergeben sich zudem, wenn Mareike Scheiner aus Büchern vorliest, die sich um Eltern mit psychischer Erkrankung drehen. Auch Anna kennt die Geschichte vom Seilartisten, der sich plötzlich nicht mehr aufs Seil wagt und für eine Weile in eine Klinik geht. Der starke Artist – plötzlich ganz schwach. Die Artistentochter ist traurig, wütend, sie schämt sich. „Kennt ihr das? Habt ihr so etwas auch schon erlebt?“, fragt Mareike Scheiner. Und die Kinder erzählen, auch in der Essenspause noch. Danach bleibt Zeit zum Spielen, Toben, Lachen.

Natürlich hat Anna ihrer besten Freundin von ihrem Kummer erzählt. Aber eben nicht alles. „Ich dachte immer, nur bei uns würde etwas nicht stimmen. Bei den ‚Räuberkindern‘ habe ich dann gemerkt, dass es anderen so geht wie mir“, sagt sie. „Mal alles erzählen zu können, war total erleichternd.“ Für Kinder im Projekt, denen das Reflektieren und Reden nicht ganz so leicht fällt wie Anna, gibt es ergänzend oder ersatzweise eine Psychomotorikgruppe. Dort können sie über Spiele und Bewegung ihre Erlebnisse und Gefühle ausdrücken und verarbeiten.

Regelmäßige Familiengespräche

Bei allen Angeboten für die Kinder behalten die Projektmitarbeiterinnen auch die Eltern im Blick. „Wir sehen unsere Rolle als Dolmetscher und Vermittler. Wir erklären den Kindern, was ihre Eltern bewegt, und wir bringen beide Seiten ins Gespräch“, erläutert Mareike Scheiner. So stehen regelmäßig Familiengespräche an, für die einige Regeln gelten: Die Erwachsenen müssen in kindgerechter Sprache reden, und die Kinder müssen sich bemühen zuzuhören. Die Redezeit dauert 30 Minuten, danach wird ebenso lange gemeinsam gespielt. Und die Kinder sind die Wächter über die Zeit.

Schöne Momente gemeinsam zu erleben und die guten Augenblicke seit dem letzten Familiengespräch bewusst zu machen, ist für Scheiner und ihre Kolleginnen ganz wesentlich, um die Familien zu stärken. Umso erfreulicher, wenn Eltern und Kinder auch bei den monatlichen Familientagen dabei sind, die der Verein auf dem Programm hat: Erdbeeren pflücken und Marmelade kochen, töpfern, Spiele am Bach, grillen.           

Was Anna gutgetan hat, war für ihren Vater anfangs nicht leicht. „Neue Termine, viele Menschen. Das hat bei mir schon wieder Stress ausgelöst“, erinnert sich Thomas Willmuth*. Trotzdem hat er mitgemacht. Anna zuliebe, seiner Frau zuliebe, der Familie zuliebe. Weil er selbst wieder Boden unter die Füße bekommen wollte. Und weil er wusste, dass die Familie Glück hatte, als Anna einen Platz im Projekt bekam. Denn Angebote für Kinder psychisch kranker Eltern sind rar. Zwar finanzieren die Krankenkassen die Behandlung des kranken Elternteils, aber für deren Kinder sind keine Leistungen vorgesehen. Ebenso wenig haben die Träger der Jugendhilfe feste Angebote für diese Zielgruppe. Die Folge: Die meisten Projekte sind auf Fördermittel angewiesen. Auch die Mitarbeiterinnen von „Miteinander leben – Krisen überwinden“ hoffen, dass sie nach Ende der Projektlaufzeit Mitte 2019 weiterhin Hilfe für betroffene Kinder und Eltern anbieten können. Ständig kommen neue Anfragen über das Jugendamt, Schulsozialarbeiter oder Familienhelfer, gleichzeitig gibt es nur noch fünf freie Plätze bei den großen „Räuberkindern“.

Aber vielleicht wird ja bald ein Platz frei. Anna, mittlerweile elf, macht sich jedenfalls nicht mehr so viele Sorgen um Papa. Er ist nicht gesund, aber stabil. Bald wird er wieder arbeiten, und manchmal übt er sogar Mathe mit ihr. Das war früher undenkbar. „Ich habe alle meine Energie gebraucht, um halbwegs zu funktionieren. Da konnte ich nicht noch mit den Kindern spielen oder lernen“, sagt Thomas Willmuth. Und Anna? Sie ist selbstbewusster und mutiger geworden, sagen ihre Freundinnen. Wenn sie sich heute über etwas ärgert oder wenn sie geärgert wird, läuft sie nicht einfach weg, sondern sagt ihre Meinung. Das ist Annas Jetzt.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.


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