Gemeinsam jeck

Im Düsseldorfer Verein "Gemeinsam jeck" feiern Karnevalisten die fünfte Jahreszeit ganz inklusiv. Ein Besuch beim Wagenbau mit Prinzessin Venetia Susanne und Prinz Friedhelm.

Text: Ute Stephanie Mansion
Fotos: Markus Feger

Der Prinz ist als Erster da. Er trägt Jeans und Outdoor-Jacke und geht unruhig im Foyer der „Werkstatt für angepasste Arbeit“ in Düsseldorf-Reisholz auf und ab. Prinz Friedhelm wartet auf seine Prinzessin. „Ah, da ist sie ja“, ruft er freudig und eilt zur Glastür, um Prinzessin Susanne zu empfangen. Auch ihre Kleidung ist nicht vornehm, sondern zweckmäßig – sie trägt Stoffhose, Strickpullover, Winterjacke. Freundlich lächelt sie ihren Prinzen an.

Von November bis Mitte Februar tauschen die beiden ihre Alltagsklamotten öfters ein: Susanne Herbertz (48) gegen ein rot-weiß-goldenes Prinzessinnen-Kleid, Friedhelm Jösch (52) gegen ein ebensolches Prinzengewand. Dann sind sie Prinzessin Venetia Susanne und Prinz Friedhelm – das erste Prinzenpaar des neu gegründeten Karnevalsvereins „Gemeinsam Jeck“. Der Verein ist der erste inklusive Karnevalsverein Düsseldorfs, ja, vielleicht sogar Deutschlands, vermutet Mitgründerin und 1. Vorsitzende Elisabeth Iser. An diesem Abend Mitte Januar treffen sich der Vorstand und einige Mitglieder zu einer Sitzung.

Ein Orden für den Fotografen

Den Gedanken der Inklusion verbreiten

Zwar zieht die Düsseldorfer Werkstatt für angepasste Arbeit schon zehn Jahre mit einem eigenen Wagen im Rosenmontagszug mit, doch die Werkstatt-Mitarbeiter wollten mehr: einen eigenen Verein. Und so gründeten sie Ende August vergangenen Jahres unter Federführung von Werkstatt-Geschäftsführer Thomas Schilder „Gemeinsam Jeck“. „Wir möchten den Gedanken der Inklusion verbreiten und dass auch Menschen bei uns mitmachen, die nichts mit der Werkstatt zu tun haben“, erklärt Elisabeth Iser.

Sie wollen eigene Veranstaltungen auf die Beine stellen und natürlich weiterhin im Rosenmontagszug mitziehen. Das ist einer der Punkte, die an diesem Abend auf der Tagesordnung der Sitzung stehen. Inzwischen sind außer Friedhelm Jösch und Susanne Herbertz weitere Vereinsmitglieder eingetrudelt. Sie unterstützen mit ihren Ideen heute den Vorstand, der aus sechs jecken Frauen und Männern plus Präsident Thomas Schilder besteht.

„Was brauchen wir für das Richtfest?“, fragt Elisabeth Iser, denn wenn der große Karnevalswagen des Vereins rosenmontagszugfertig ist, wird das gefeiert. Einen Richtkranz, Altbier, Sekt, Brötchen, da ist man sich schnell einig. „Ich bringe eine CD mit“, kündigt Prinz Friedhelm, der Musikfan, an. Termine zuhauf stehen an in den wenigen Wochen, die noch bis zum Straßenkarneval bleiben, und alles muss gut organisiert werden: wer zu welcher Sitzung der anderen Karnevalsgesellschaften geht, wer sich bei welchem Empfang blicken lässt. Das Prinzenpaar soll am Empfang im „närrischen Landtag“ teilnehmen; die Metro will das Prinzenpaar in Kamelle aufwiegen, eine Versicherungsgesellschaft hat den Verein zu ihrer Feier eingeladen.

Zwei neue Mitglieder werden an diesem Abend in den Verein aufgenommen: eine Privatperson und die Lebenshilfe. Jetzt hat „Gemeinsam Jeck“ 61 Mitglieder; ungefähr die Hälfte hat eine Behinderung. Schilder und Iser hoffen, dass der Verein irgendwann 450 Mitglieder hat – „wie die KG Regenbogen“, eine schwul-lesbische Düsseldorfer Karnevalsgesellschaft.

Bunte Karnevalsbazillen

Ein paar Tage später. Die Prinzessin ist als Erste da. Sie öffnet die Eisentür zur Wagenbauhalle, in der alle großen Wagen des Rosenmontagszugs gestaltet werden. Sie eilt zum Wagen von „Gemeinsam Jeck“; ohne die anderen, schon sehr karnevalistisch aussehenden Wagen eines Blickes zu würdigen. Er ist so gut wie fertig, nur letzte Feinheiten fehlen noch. Lachende Gesichter schmücken den Wagen. Sie werden noch Punkte erhalten, die Karnevalsbazillen darstellen sollen. Ein Schild auf dem Wagen erklärt, was es mit dem Gefährt und seinen Jecken auf sich hat: „Wir haben den Karnevalsbazillus und gründen einen Karnevalsverein.“ Vorne am Wagen prangt der Bergische Löwe, das Wappentier Düsseldorfs.

Das Richtfest steht erst in einer Woche an. Prinzessin Venetia Susanne und Prinz Friedhelm schlüpfen dennoch schon einmal in ihre Kostüme und probieren aus, wie es so ist, auf dem Wagen zu stehen und dem närrischen Volk zuzuwinken. Gut fühle sich das an, meinen sie zufrieden. Den Karnevalsbazillus haben beide im Blut, mit den Werkstatt-Leuten haben sie immer schon kräftig gefeiert. „Am besten am Karneval gefällt mir die Musik“, sagt Prinzessin Susanne. Für Prinz Friedhelm sind es der Rosenmontagszug und die Musik. Beruflich sind sie in der Werkstatt für angepasste Arbeit tätig; sie in einer Einrichtung für Nutztiere in einem Park, er in einer Abteilung für Verpackung. Anstrengend finden sie ihre vielen Auftritte im Karneval nicht. „Ich wollte immer schon mal Prinzessin werden“, verrät Susanne Herbertz. Auch wegen des schönen Kleides. Damit auch Prinz Friedhelms Kostüm perfekt ist, muss noch eine Kappe her. „Sollen wir eine für dich bestellen?“, fragt Thomas Schilder. „Jaaa!“, ruft Friedhelm Jösch begeistert. Die, die er gerade auf dem Wagen getragen hat, war ja nur geliehen. Erst einmal wollen sie das Kostüm jetzt aber ausziehen, denn es ist warm in der Halle. Prinz Friedhelm hat es auf einmal eilig: An diesem Nachmittag spielt die Düsseldorfer Eishockey-Gesellschaft gegen die Kölner Haie, und das wird er sich als Fan natürlich live anschauen. Es gibt eben noch andere schöne Dinge außer Karneval.


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