Wettlauf gegen die Kälte

Der Winter ist für Obdachlose die härteste Jahreszeit. Damit Minusgrade keine Leben kosten, ist das Team der Berliner Stadtmission jede Nacht mit seinem Kältebus unterwegs.

Kältebusmitarbeiterin Sannah Krügener schenkt einem wohnungslosen Mann Tee ein.

Fotos Sascha Montag

 

Als es im Gebüsch neben ihm raschelt, horcht Dieter auf. „Da kommt mein Haustier“, flüstert er, greift zu einer Plastiktüte und wirft Kekse auf den Boden. In der Dunkelheit schleicht sich ein Fuchs heran. „Für den sorgen wir“, sagt er. Für ihn und seine Freundin Sabine, die Bewohner der einzigen Parkbank mit Wellblechdach in Berlin-Moabit, sorgen die Menschen im Quartier. „Vom Bäcker kriegen wir täglich Brötchen und Kaffee“, sagt Dieter. Das Paar ist bekannt im Kiez. „Man steckt uns genug zu“, sagt Sabine. Ihre Hände umklammern den heißen Tee, den Susannah Krügener ihnen gerade eingeschenkt hat. Auch die beiden neuen Schlafsäcke können sie gut gebrauchen. Es sind vier Grad unter null. Nach einem kurzen Plausch verabschiedet sich Krügener und eilt mit ihrer Helferin Maja Schulze zurück zum Mercedes Vito. Der Kleinbus verschwindet in den Straßen von Berlin.
Es ist 22 Uhr. Susannah Krügener, 43, Theologin, früher auch mal Fitnesstrainerin und Journalistin, steuert den Kältebus der Stadtmission. Von November bis März fährt er durch die Hauptstadt, um einen Transfer in eine Notunterkunft anzubieten oder denjenigen, die draußen bleiben wollen, Warmes zu bringen. „Sabine und Dieter braucht man eigentlich nicht mehr fragen“, sagt Krügener. „Die beiden leben seit vielen Jahren auf der Straße und wollen da nicht weg.“ Zum Abschied erklärt Dieter: „Sabine hat früher schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht, in so eine Notunterkunft geht sie nicht hinein. Ich bleibe bei ihr.“

 

Viele meiden die Notunterkunft

61 Kilometer wird der Wagen in dieser Nacht zurücklegen, dirigiert durch zwölf Anrufe, meist von besorgten Passanten, die oft nicht verstehen, warum der Kältebus nicht sofort um die Ecke gebogen kommt. „Ist der Mann ansprechbar?“, fragt Helferin Maja Schulze, 40, eine Anruferin aus Kreuzberg. „Möchte er denn mitkommen?“ Das Duo will nicht umsonst die Route ändern. Viele Obdachlose meiden die Notunterkunft, weil sie zu viel Gepäck haben, aus Angst vor Gewalt, Diebstahl oder Ansteckung. „Und man ist stolz aufs Durchhalten“, sagt Susannah Krügener. „Der Gang in eine Notunterkunft erscheint manchen wie eine Kapitulation, der letzte Rest Selbstständigkeit weicht dann.“ Vergangenen Winter hat der Kältebus 700 Kunden aufgelesen, wie Susannah Krügener die Obdachlosen nennt. Ihr schmales Gesicht flackert im Gegenlicht eines Autos auf. „Wir können zumeist nur begleiten.“ Die gebürtige Berlinerin absolvierte bei der Stadtmission ein Praktikum, als man ihr 2012 den Fahrerjob anbot. Seitdem scheinen Jahre vergangen zu sein, schnell taucht man in dieses andere Berlin ein. „Im Job treffe ich auf Menschen, die eine echte Herausforderung sind. So erfahre ich mehr über mich.“

Der Bus hält am Bürgeramt Wedding. Tagsüber wird hier das öffentliche Leben geregelt, nachts ziehen sich unter die steinernen Außentreppen jene zurück, die aus diesen Regeln herausgefallen sind. „Das ist ein Treffpunkt für Heroinkranke“, sagt Susannah Krügener und leuchtet mit einer Taschenlampe in den schwarzen Tunnel. Gemurmel. Die zierliche Frau teilt Tee und Decken aus. Die Zuflucht aber verlässt niemand.

Der Kältebus im Einsatz.

In Berlin leben etwa 11.000 Menschen ohne feste Wohnung. Immer wieder kommt es vor, dass Obdachlose ein Krankenhaus mit einer verschleppten Erkältung aufsuchen – und dort dann sterben. Als „Kältetote“ vermerken die Akten sie nicht. Als 1994 ein obdachloser Mann in einer Berliner Winternacht erfror, waren die Mitarbeiter der Stadtmission entsetzt. Man müsse selbst raus, meinten sie, und nicht nur Herberge sein, sondern reinholen. Schon in der nächsten Nacht fuhr ein VW-Bus los. Das mit dem Reinholen ist aber oft nicht so leicht. Vor einem Supermarkt hockt ein Mann, etwa Mitte 20. Die Kälte schmerzt, sein verzerrtes Gesicht lässt ihn älter erscheinen. Er hat sich in einen Schlafsack gezwängt und darüber eine Decke gewickelt. Den Passanten hält er die rechte Handfläche hin. Susannah Krügener hockt sich zu ihm, drückt die Hand – ein Schnellcheck der Körpertemperatur. „Willst du mitkommen? Wir können dich zu einer Unterkunft fahren.“ Der Mann schaut sie an. Denkt nach. Schüttelt den Kopf. Susannah Krügener wartet kurz, hofft, dass er es sich anders überlegt, und reicht ihm schließlich drei Schokoriegel. „Die sind gut in der Hand zu halten, besser als Kekse“, erklärt sie auf dem Weg zurück zum Bus.

Wieder ein Anruf. Nur mit Sweatshirt und Lederjacke bekleidet liegt ein Mittfünfziger auf der Straße; ein Krankenwagen ist auch schon da. „Was is det denn für’n Uffstand“, lallt der Mann. Er hat ein Zuhause. Weiß aber nicht, wo er ist. „Können Sie laufen?“, fragt der Sanitäter. Der Mann schafft fünf Meter, dann torkelt er gegen eine Straßenlaterne. Ins Krankenhaus muss er aber nicht. Susannah Krügener schaltet das Navi ein, als der Mann seine Adresse nennt. Er wohnt in der Nebenstraße, der Kältebus nimmt ihn die 200 Meter mit. „Nicht auf die Klingeln drücken“, ruft ihm Maja Schulze am Hauseingang nach.

Auf dem Weg zur Notunterkunft.

 Kurz vor drei Uhr füllt sich der Vito dann doch noch. Die Polizei hat Kurt, einen alten Kunden der Stadtmission, im Vorraum einer Bankfiliale aufgelesen. „Wir haben eigentlich gar kein Problem damit, dass er sich dort aufwärmt“, sagt der junge Beamte. Aber der private Wachschutz hat die Polizei verständigt. Kurt will in die Notunterkunft der Stadtmission am Berliner Hauptbahnhof. Seit 20 Jahren lebt er ohne eigenes Dach überm Kopf. Wie alt er ist? Er schüttelt den Vollbart, das fällt ihm gerade nicht ein. Im Rückraum verbreitet sich der Duft von süßem Wein. Alkohol darf nicht mit in die Herberge, Kurt nimmt einen tiefen Schluck aus dem Karton. „Nicht so schnell, junge Frau“, sagt er zu Susannah Krügener. „Ich kleckere noch mit dem feinen Zeug.“ Sie dreht die Musik auf. „Country Roads, take me home“, singt John Denver.

Langsam rollt der Wagen die Auffahrt der Stadtmission hoch. Der Eingang zur Notunterkunft liegt ein Dutzend Treppenstufen hinab. Eine Metalltür quietscht, stickige Wärme strömt einem entgegen. Der Saal ist voller Menschen – auf Matratzen oder Bänken. 66 Plätze hier sind finanziert, doch weit über hundert Kunden sind heute Nacht da. „Besser als draußen allemal“, brummt Kurt. Susannah Krügener gähnt. Es ist halb vier, sie wischt mit Desinfektionstüchern die Rückbank ab. Schließlich lässt sie die Seitentür mit einem satten Schnappen einrasten. Morgen Abend geht es weiter, wieder zu Sabine und Dieter und den vielen anderen Stationen ihrer nächtlichen Route quer durch Berlin.


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