"Jedes Haus ist anders"

Bernd Dohn ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerkes (DJH). Im Interview spricht er über Denkmalschutz, die Chancen von Barrierefreiheit und was er vom Integrationsbetrieb Leer gelernt hat.
 

© Deutsches Jugendherbergswerk

Bernd Dohn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerkes.

Herr Dohn, wie barrierefrei sind Jugendherbergen in Deutschland?

In unseren Jugendherbergen heißen wir grundsätzlich alle Gäste – ob mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen – herzlich willkommen. Prinzipiell sind auch alle Jugendherbergen in der Lage, Gäste mit Behinderung aufzunehmen.

Um ihnen den  Aufenthalt so angenehm und komfortabel wie möglich zu gestalten, haben wir 2013 im Rahmen einer Selbstverpflichtung entschieden, uns bei Neu- und Umbauten grundsätzlich nach den Vorgaben des Behindertengleichstellungsgesetzes zu richten. Dieses Engagement bauen wir sukzessive weiter aus.

Baulich gesehen ist schon jetzt etwa die Hälfte unserer rund 500 Jugendherbergen zumindest für Rollstuhlfahrer barrierefrei. Zudem gibt es in einigen Häusern spezielle behindertengerechte Angebote wie beispielsweise Hinweisschilder in Brailleschrift. Die ersten Jugendherbergen wurden bereits von Reisen für Alle  geprüft und zertifiziert.

Was man aber bedenken muss: Jedes unserer Häuser ist einzigartig, deshalb sind die Voraussetzungen überall verschieden. In einigen Jugendherbergen ist Barrierefreiheit leider kaum umzusetzen, zum Beispiel wegen der Auflagen zum Denkmalschutz. 30 unserer Jugendherbergen sind in Burgen und Schlössern untergebracht. Insofern empfiehlt es sich, vor der Anreise direkt in der Wunschjugendherberge anzufragen, wie sich die Gegebenheiten vor Ort konkret darstellen.

Wir beschränken uns aber nicht nur auf die baulichen Voraussetzungen, sondern bieten vielerorts auch spezielle Freizeitangebote für Gäste mit Behinderung an. Unsere Mitarbeiter sind pädagogisch geschult und auf die speziellen Anforderungen dieser Gästegruppe eingestellt. Das zeichnet uns aus und unterscheidet uns von anderen Anbietern. Als gemeinwohlorientierte Einrichtung engagieren wir uns für nachhaltige Ziele wie Inklusion in der Gesellschaft.

Warum ist Inklusion wichtig?

Ich denke, es ist eines der bedeutendsten Themen unserer Gesellschaft überhaupt. Inklusion gehörte von Anfang an – seit Gründung des Deutschen Jugendherbergswerkes vor mehr als 100 Jahren ­– zu unserem Selbstverständnis. Unser Motto lautet: „Gemeinschaft erleben“, das heißt, unser Angebot richtet sich an alle jungen Menschen, ohne Unterschied. Jugendherbergen fördern das gegenseitige Verständnis und die Toleranz, wir setzen uns für ein friedliches Miteinander und internationale Völkerverständigung ein. Man darf auch nicht vergessen, dass barrierefreier Tourismus eine Investition in die Zukunft ist. Immer mehr Gruppen werden ihre Entscheidung für eine Unterkunft davon abhängig machen, ob sie für wirklich alle zugänglich ist.

Die Jugendherberge Leer war die erste Jugendherberge Deutschlands, die als Integrationsbetrieb arbeitet. Welche Schwierigkeiten gab es?

Entwickelt und aufgebaut wurden die Integrationsbetriebe Leer und Aurich durch den DJH-Landesverband Unterweser-Ems. Der Landesverband hat ja auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet. Seine größte Herausforderung war sicher die richtige Auswahl der Mitarbeiter im Hinblick auf ihre Fähigkeiten. Sie sollten ja weder unter- noch überfordert werden. Zudem sind eine intensivere Betreuung und eine größere Sorgfalt hinsichtlich des Zeitmanagements nötig. Inklusive Teams bedeuten einen höheren Personalpflegeaufwand. Auch strukturell galt es, besondere Herausforderungen zu meistern: Wir mussten Netzwerke in der Region aufbauen und pädagogische Konzepte entwickeln.

Ist der Integrationsbetrieb Jugendherberge Leer erfolgreich?

Ja, sehr sogar, sonst hätten wir nicht weitergemacht und einen zweiten Standort in Aurich eröffnet. Wir bekommen jede Menge positive Rückmeldungen von Gästen wie auch von den Mitarbeitern. Ich selbst war einige Male in Leer und habe mir angesehen, wie die Dinge dort laufen. Das Team ist gut zusammengewachsen. Und die Jugendherberge arbeitet wirtschaftlich – was gerade für einen gemeinnützigen Verband wie das Deutsche Jugendherbergswerk enorm wichtig ist.

Was kann man aus den Erfahrungen lernen?

Als wir den Integrationsbetrieb Leer aufgebaut haben, hatten wir noch keinerlei Erfahrungen. Daher war die erste Zeit für alle Beteiligten kraftraubend und zeitintensiv. Das lag auch an der fehlenden Vernetzung vor Ort. Inzwischen gibt es Kontakte, wie zum Beispiel zum Integrationsamt, aber auch zur Aktion Mensch. Auf diese können wir jetzt zurückgreifen.

Außerdem haben wir gelernt, dass wir das Team gut vorbereiten müssen. Und was natürlich auch wichtig ist: Man muss mit Motivation und Spaß an die Sache herangehen, denn gerade die Anfangszeit ist schwierig, wenn sich die Teams und Aufgaben erst noch finden.

Sind weitere inklusive Projekte beim Deutschen Jugenherbergswerk geplant?

Zum einen gibt es die Jugendherberge in Bayreuth: Sie wird die erste integrative Jugendherberge Bayerns sein. Noch befindet sie sich im Bau. Die Eröffnung ist für 2017 geplant. Das ist wirklich ein absolutes Vorzeigeprojekt. In Bayreuth errichten wir ein neues Gebäude in modernem Design und mit einem nachhaltigen Betriebskonzept, bei dem die Idee von Barrierefreiheit und Inklusion von Anfang an umgesetzt wird. Die Arbeitsplätze sind von vornherein direkt auf die Mitarbeiter zugeschnitten.

Außerdem planen wir ein neues inklusives Service- und Bookingcenter, das die Jugendherbergen entlasten und unseren Gästen gleichzeitig mehr Service bieten soll. Das Center wird ebenfalls ein Integrationsbetrieb. Die Antragstellung auf Förderung bei der Aktion Mensch läuft bereits.


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