Inklusive Jugendherbergen

Die deutschlandweit erste Jugendherberge, die als geprüfter Integrationsbetrieb eröffnete, gibt es in Leer. Ihrem Beispiel folgte die Jugendherberge im nahe gelegenen Aurich und nun entsteht auch in Bayreuth ein solcher Betrieb. Die Geschichte eines Erfolgskonzepts.
 

Sefedin Avdullahaj und seine Kollegin verstehen sich mit Gebärden.

Steffen Plohr und Betreuer Lutz Kraus im Speisesaal der Jugendherberge.

Text: Elisabeth Wicher
Fotos: Jana Voigt

Mit schnellen Bewegungen schneidet Sefedin Avdullahaj die Tomaten in kleine Stücke. Der 29-jährige Beikoch steht an der metallenen Anrichte in der gefliesten Küche der Jugendherberge Leer. Avdullahaj stammt aus dem Kosovo. Seit er fünf Jahre alt ist, lebt er in Deutschland. Seine Sprache ist die Deutsche Gebärdensprache, denn Avdullahaj ist gehörlos – als einziger in der Jugendherberge an der Süderkreuzstraße. „Aber die Verständigung klappt gut“, sagt Betriebsleiterin Janina Goedeke. „Wir behelfen uns mit Zeigen oder schreiben alles auf.“

Und dann ist da noch Friedchen Gastmann. Die quirlige 60-jährige Reinigungskraft ist schwerhörig und beherrscht Gebärden. „Ich übersetze für die Kollegen“, sagt sie. Auch für Janina Goedeke. Die Betriebsleiterin führt die gestreckte Hand mit den Fingerspitzen zum Kinn und bewegt sie wieder weg, wobei sie ihre Handfläche nach oben dreht. Die Gebärde bedeutet: danke. „Einiges habe ich schon gelernt“, sagt sie. So läuft das in der Jugendherberge Leer.

Check-in in der Jugendherberge Leer.

Ostfriesische Pioniere

Doch der Weg dahin war schwierig, erinnert sich Marcus Heisterkamp, während er typisch ostfriesischen Tee bereitet: In die Tasse kommt ein Stück Kandis, darauf der Tee und ein Schluck Sahne. Umgerührt wird nicht. So schmeckt man bei jedem Schluck etwas anderes: die Säure der Sahne, das Herbe des Tees, die Süße des Zuckers.

Der Regionalleiter beim Deutschen Jugendherbergswerk war maßgeblich daran beteiligt, dass die Jugendherberge heute ein integrativer Arbeitsplatz ist. Das rote Backsteingebäude mit Butzenfenstern wurde 1789 als Armenhaus erbaut und 1987 zur Jugendherberge umfunktioniert. Ein geprüfter, anerkannter Integrationsbetrieb ist das Haus, das hauptsächlich auf Familien und Seminargäste ausgerichtet ist, seit 2012. Zuvor wurde das Gebäude komplett modernisiert, erweitert und so weit wie möglich barrierefrei gemacht, um besonders auch Gäste mit Behinderung anzusprechen. In dem Zuge setzte man gleich die Idee um, die Jugendherberge als Integrationsbetrieb zu betreiben. Das bedeutet, ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb beschäftigt dauerhaft bis zu 50 Prozent Menschen mit Behinderung, die weitergebildet werden, und erfüllt spezielle Anforderungen. „Da wir zusätzliches Personal brauchten, haben wir gleichermaßen Menschen mit und ohne Handicap gesucht“, erklärt Heisterkamp. Sechs der zwölf Mitarbeiter der Jugendherberge haben eine körperliche oder psychische Einschränkung.

Mit einem Vergrößerungsprogramm kann Mareike Dirksen 500-fach heranzoomen.

Jeder tut das, was er am besten kann

„Es war ein Pilotprojekt. Wir hatten keine Erfahrung oder Netzwerke – Kontakte zum Integrationsamt und zu anderen unterstützenden Einrichtungen mussten wir erst aufbauen“, sagt Heisterkamp. Als Betriebsleiterin ist Janina Goedeke für das Personal zuständig. Der gelernten Heilerziehungspflegerin und Diplom-Sozialpädagogin liegt das Soziale, das merkt man. Ihre Aufgabe war es, das bestehende Team vorzubereiten und Ängste abzubauen.

In puncto Arbeitsabläufe setzte man in Leer auf die Stärken der Mitarbeiter. Erst nachdem sich die Mitarbeiter in den Teams kennengelernt hatten, wurden die Aufgaben und Arbeitsabläufe festgelegt – und zwar so, dass jeder die Dinge als feste Aufgabe bekommt, die er am besten kann. „Seit zwei Jahren läuft es richtig gut. Zwar brauchen einige Kollegen mehr Betreuung, aber die Stimmung ist toll. Es gibt wenige Krankheitsfälle und alle identifizieren sich mit der Arbeit“, sagt Goedeke. 2014 hat die Jugendherberge für ihren Modellcharakter sogar den Rudolf-Freudenberg-Preis gewonnen, der wegweisende Geschäftsideen und Kooperationen im Bereich von Integrationsfirmen für psychisch Kranke prämiert.

Weil das Konzept so erfolgreich ist, wurde auch die Jugendherberge im 30 Kilometer entfernten Aurich 2015 in einen Integrationsbetrieb umgewandelt. Der Umbau erfolgte unter anderem mit Mitteln der Aktion Mensch. „Hier wussten wir schon, wie’s geht, und konnten auf ein Netzwerk zurückgreifen“, sagt Heisterkamp, der ebenfalls die Jugendherberge Aurich leitet. Insgesamt arbeiten hier zwölf Mitarbeiter mit mehr als 20 Wochenstunden, davon ist die Hälfte schwerbehindert.

In Leer und in Aurich wurden jeweils bestehende Gebäude angepasst. Deshalb konnte Barrierefreiheit nicht immer umgesetzt werden. Anders bei der Jugendherberge Bayreuth: Hier wird ein neues Gebäude nach modernsten Standards errichtet, wobei Inklusion von Anfang an mitgedacht wird. Das Haus soll Mitte 2017 als Integrationsbetrieb eröffnen – als erste Jugendherberge in Bayern.

Familie Stork ist in einem der Rollstuhlzimmer untergebracht.

Zelten im Bett

In Leer stehen Mareike Dirksen und Eric Schmidt am Empfang. Schmidt ist Auszubildender und eigentlich für die Zimmerreinigung und für Küchenarbeiten zuständig. Allerdings geht das aufgrund seiner Erkrankung gerade nicht mehr. Der 22-Jährige hat HSMN Typ 1, eine seltene Erkrankung, bei der die Nerven absterben. „Ich weiß, dass ich im Rollstuhl landen werde. Teilweise brauche ich ihn jetzt schon“, erklärt er. „Aber mein Job ist super. Noch kann ich Auto fahren, und wenn ich einen Schub habe, hilft mir meine Freundin.“

Seine positive Art ist ansteckend. Er ist schlank, hat hellbraune Haare, trägt Brille und Jeans. Damit er nicht so viel laufen muss, hat ihn Janina Goedeke am Empfang eingeteilt. Für die langen Wege durch das Haus steht ein Rollstuhl für ihn bereit. Er arbeitet mit Mareike Dirksen zusammen, die die Gäste mit einem Lächeln begrüßt. Die Leeranerin ist stilsicher: Schal und Kette sind perfekt aufeinander abgestimmt. Dabei hat Dirksen eine Sehbehinderung und kann nur mit dem linken Auge ein wenig sehen. Für sie wurde eine spezielle Tastatur mit großen Tasten und kräftigen Kontrasten angeschafft. Auf dem Computer wurde ein Vergrößerungsprogramm installiert. An ihrer Arbeit mag sie den Kontakt mit den Gästen.

Zum Beispiel mit Leon Stork, der mit seinen Eltern mit einer Chorgruppe zu Besuch ist. Der Chor kommt schon seit vielen Jahren. Daniela Stork ist begeistert, dass nach dem Umbau alles größer und moderner geworden ist. „Und man kommt uns hier sehr entgegen, was Leon angeht.“ Der blonde Junge ist fünf Jahre alt. Mit drei Monaten bekam er Epilepsie, was sein Gehirn schwer beschädigte. „Er kann nur Püriertes essen. Also habe ich vorher in der Jugendherberge nachgefragt, ob ich in der Küche pürieren könne. Die sagten mir: ‚Kein Problem, das erledigen wir‘.

Friedchen Gastmann mag das Bettenmachen am liebsten.

Eine Lösung findet sich immer

Direkt vor der Tür ist ein Behindertenparkplatz, und das Erdgeschoss ist rollstuhlgerecht. Einen Fahrstuhl gibt es allerdings nicht. Laut Richtlinien hätte das Haus zwei von ihnen einbauen müssen, was Platz für Zimmer weggenommen hätte. „Wir sagen unseren Gästen ganz ehrlich, was wir nicht leisten können. Aber eigentlich finden wir immer eine Lösung“, sagt Goedeke.

Das kann Lutz Kraus bestätigen. Der 36-Jährige ist der Pfleger von Steffen Plohr. Die beiden sind mit einer Ferienfreizeit der Caritas Altenoythe zu Besuch. Auch Steffen stellt besondere Anforderungen an seine Unterkunft: Der 23-Jährige ist Autist und läuft nachts oft weg. Damit er sich dabei nicht verletzt, müsste er am Bett fixiert werden. Doch Steffens Eltern haben einen anderen Weg gefunden: Steffen schläft in einem Zelt, das auf dem Bett aufgebaut wird. Da das in einem Stockbett nicht funktioniert, braucht Steffen ein Zimmer mit einem Einzelbett, was er auch bekommt.

Sind die Gäste abgereist, zieht Friedchen Gastmann die Betten ab. Sie ist die gute Seele des Betriebs und hilft aus, wo Not am Mann ist: in der Küche oder bei der Zimmerreinigung – und natürlich beim Dolmetschen für Sefedin Avdullahaj.


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