Soldaten trainieren für ihre "Paralympics"

Im September 2017 finden zum dritten Mal die Internationalen Invictus Games statt. Diesmal in Toronto in Kanada. An der paralympischen Sportveranstaltung nehmen Soldaten teil, die bei ihren Einsätzen oder auch im zivilen Leben eine Behinderung erworben haben. Wir haben das deutsche Team beim Training in Warendorf besucht.
 

Trainieren für die Invictus Games: Thomas Stuber, Meik Briest und Emanuel Vostinar

Text und Fotos  Markus Huth

Infanterist Emanuel Vostinar nimmt den Diskus in die rechte Hand, streckt den muskulösen Arm nach hinten, dreht die Hüfte ein und schleudert die Scheibe stöhnend in Richtung Himmel. „34 Meter, sehr gut!“, ruft der Trainer nachdem er die Weite gemessen hat. Noch etwas weiter und Vostinar hätte Chancen auf eine Medaille bei den anstehenden Invictus Games – einer Art Paralympics für Soldaten. Emanuel Vostinar kann den Zeigefinger seiner Wurfhand nicht mehr krümmen, seit er dort einen Durchschuss eines Sturmgewehrs erlitten hat.

Emanuel Vostinar hofft auf eine Medaille

Das war vor zwölf Jahren in Afghanistan. Den Schuss feuerte ausgerechnet Vostinars damaliger bester Freund ab. „Klassischer Fall von Lagerkoller“, bemerkt der 31-jährige Vostinar trocken. Der Kamerad sei mit einem anderen aus der Einheit in Streit geraten und habe im Zorn zur Waffe gegriffen. Als Vostinar dazwischenging, löste sich der Schuss. Zahlreiche Narben lassen ihn den Vorfall samt Rettungsflug und Notoperation nie vergessen. „Ich wünsche keinem Soldaten diese Erfahrung und die Folgen, die es mit sich gebracht hat“, sagt der Oberstabsgefreite, der derzeit in einem Jägerbataillon in der Waffenkammer arbeitet.

Jeder der 21 Kameraden, die in den Trainingslagern der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf bei Münster eine Woche lang für die Invictus Games trainieren, hat seine individuelle Geschichte. Am 23. September starten sie bei den diesjährigen Spielen für „Wounded Warriors“ in Toronto in Kanada. Vor drei Jahren vom britischen Prinzen Harry gegründet zählt der Wettbewerb heute zu den prestigeträchtigsten Veranstaltungen im Behindertensport. In Toronto kämpfen laut Veranstalter während acht Tagen 550 Athleten aus 17 Nationen um Medaillen. Bei den Zeremonien singen internationale Stars wie Brian Adams und Bruce Springsteen.

Sitzvolleyball: Beim Ballkontakt muss der Po den Boden berühren

Zwölf Disziplinen gibt es bei den Invictus Games, neben Einzelsportarten wie Diskuswerfen, Kugelstossen oder Bogenschießen auch zahlreiche Mannschaftssportarten wie Rollstuhl-Rugby, Rollstuhl-Basketball oder Sitzvolleyball. Anders als etwa die USA, die aufgrund ihrer größeren Streitkräfte und ihrer vielen Kampfeinsätze ein sehr großes Team von Soldaten für die Invictus Games stellen (laut US-Veteranenverband ADVF wurden allein im Irak und Afghanistan 55.000 Soldaten verwundet), nimmt die relativ kleine deutsche Mannschaft nicht an allen Disziplinen teil. Bundeswehr-Angaben zufolge waren im vergangenen Jahr rund 1.600 ihrer Soldaten wegen Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) in Behandlung. In der deutschen Invictus-Games-Mannschaft leiden etwa die Hälfte der Athleten unter PTBS. Eine Statistik zu rein körperlich Verwundungen gibt es nicht.

Michael Holly ist Teammanager der deutschen Mannschaft
 

Dienstgrade spielen keine Rolle

„Kommt alle mal ran!“, ruft ein blonder Mann im Rad-Trikot und erklärt die zu erwartende Rennstrecke in Toronto. Hauptmann Michael Holly ist Teammanager der deutschen Mannschaft und leitet die „Gruppe Sporttherapie“ an der Sportschule der Bundeswehr. Um Medaillen, erklärt der studierte Sportwissenschaftler, gehe es den Deutschen in Kanada nur in zweiter Linie. Wichtiger seien die Invictus Games (vom Lateinischen: „unbesiegt“) als Höhepunkt einer langfristigen Therapie. „Genauso wichtig wie die körperliche Bewegung an sich“, sagt Holly, „ist das kameradschaftliche Gruppengefühl.“

Die Soldaten trainieren gemeinsam, der Umgangston ist militärisch-untypisch locker und Dienstgrade spielen keine Rolle. In dieser Atmosphäre entstünden gegenseitige Anerkennung und gemeinsame Lernprozesse. Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit würden abgebaut. Die Teilnahme an Sportereignissen wie den Invictus Games sind aus dieser Perspektive motivierende Ziele, auf die die Soldaten hinarbeiten können.

Thomas Stuber beim Training mit dem Handbike

Zu den Disziplinen, in denen die deutsche Mannschaft in Toronto antritt, gehört Sitzvolleyball. Im Team spielt auch Diskuswerfer Vostinar. Obwohl seine Beine gut funktionieren, darf er sie hier nicht wie beim normalen Volleyball benutzen. Zwar sind die Regeln ähnlich, doch es gilt: bei Ballkontakt muss der Po den Boden berühren. Nur so bleibt das Spiel fair gegenüber Mitspielern, die ihre Beine nicht oder nur eingeschränkt bewegen können. Wie zum Beispiel Hauptmann Thomas Stuber.

Während Emanuel Vostinar seinen Diskus wirft, jagen ein paar Kilometer entfernt ein Dutzend Radfahrer an Maisfeldern und Pferdekoppeln vorbei. Einer der Radler ist sein Teamgefährte beim Sitzvolleyball Thomas Stuber. Der 44-Jährige liegt in seinem roten Handbike nur wenige Zentimeter über dem Boden. Ein normales Fahrrad kann er nur mit seinem gesunden rechten Bein fahren. Thomas Stuber gehört zu den Teilnehmern der Invictus Games, die ihre Behinderung nicht bei einem Einsatz erworben haben. Nach einer Knochenkrebserkrankung mussten ihm die Ärzte 2003 Hüfte und Beckenschaufel entfernen. Nun ist sein linkes Bein knapp zehn Zentimeter kürzer. Vor seiner Erkrankung lief Stuber Marathons und trat 2002 für die „Fußgänger“- Militärnationalmannschaft, wie er heute sagt, beim Ironman-Triathlon in Hawaii an. „Der Krebs war natürlich ein Schicksalsschlag, aber für mich war immer klar, dass ich weiter Sport treibe“, sagt der IT-Spezialist. Im Dienstalltag war er bislang Software-Entwickler, wechselt aber bald nach Bonn als Offizier im Referat Sport der Streitkräftebasis.

Die 6-fache Weltmeisterin Kirsten Bruhn zu Besuch im Trainingslager

„Seit ich Sport mache, fühle ich mich besser.“

Zur Motivation ist an diesem Tag auch ein besonderer Gast ins Trainingslager gekommen: Kirsten Bruhn, die im Schwimmen sechs Mal Weltmeisterin wurde und bei den Paralympics drei Mal Gold gewann. Die 47-Jährige ist seit einem Verkehrsunfall querschnittsgelähmt. „Nach dem Unfall war ich mir nicht sicher, wie mein Leben weitergehen soll“, gesteht sie im Gespräch mit den Invictus-Athleten. „Der Sport hat mir wieder Normalität und Ziele gegeben.“ Als Bruhn über das Schwimmen spricht, hört einer aus der Gruppe besonders aufmerksam zu: Oberstabsfeldwebel Meik Briest wird in Toronto in drei Schwimmdisziplinen antreten.

Der 52-Jährige hat sich selbst den Spitznamen „Scarface“ gegeben. Seine rechte Gesichtshälfte ist von Narben gezeichnet. Und auch Sehkraft und Gleichgewichtssinn sind seit jenem verhängnisvollen Tag im Sommer 1999 stark beeinträchtigt. Briest war im Kosovo als Kampfmittelbeseitiger unterwegs und entschärfte Blindgänger. Ein Einheimischer wollte ihm helfen und kam plötzlich mit einer Streubombe in den Händen aus einem Feld gelaufen. Wenige Augenblicke später veränderte sich das Leben von Briest für immer, als der Sprengkörper beim Ablegen detonierte. Der Einheimische und ein weiterer Zivilist starben, weitere Menschen wurden verletzt. Der Bundeswehr-Soldat überlebte, doch sein Leben war von nun ein anderes.

Meik Briest, Spitzname "Scarface"

Er musste sowohl für eine angemessene finanzielle Entschädigung kämpfen, als auch um die Anerkennung einer Gesellschaft, die mit Soldaten und Krieg nichts zu tun haben wollte. Lange sei er frustriert gewesen, sagt Briest. Dann fügt er hinzu: „Seit ich Sport mache, fühle ich mich besser.“ Im Dienstalltag sorgt er auf einer Schießbahn für die Sicherheit der übenden Soldaten. Briest ist als Berufssoldat wie Vostinar und Stuber weiter Angestellter der Bundeswehr. Das bedeutet auch: volle medizinische Versorgung und Kostenübernahme. Selbst wenn er in ein paar Jahren in Pension geht, muss die Bundeswehr weiter für Behandlungskosten aufkommen, die mit seiner Einsatzschädigung in Verbindung stehen. Allerdings ist damit ein hoher bürokratischer Nachweis-Aufwand verbunden. Doch jetzt steht erstmal Totonto an. Wie die anderen trainiert Briest hart dafür. Und egal welchen Platz er bei den Wettkämpfen erreicht – er kann sich als Sieger fühlen.


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