Einfach nicht runterschauen

Andy Holzer hört und fühlt die Felswände, die er bezwingt. Er ist der einzige professionelle Bergsteiger Europas, der nicht sehen kann. Für MENSCHEN. das magazin hat die Autorin den Österreicher dort besucht, wo er am liebsten klettert: in seiner Heimat, den Lienzer Dolomiten.

Text   Paula Scheidt
Fotos   Milos Djuric

Auf 2300 Metern endet der Wanderpfad. „Hier ist der Einstieg“, sagt Andy Holzer ohne ihn sehen zu können. Vor uns ragen Felsen in die Höhe, hinter uns fallen sie steil ins Tal ab. Auf den Hügeln tief unter uns sind die Wanderer zu farbigen Punkten geschrumpft. „Einfach nicht runterschauen, so mach ich’s immer“, sagt Andy Holzer. Er ist von Geburt an blind. Er holt das Seil aus dem Rucksack, setzt den Helm auf, hängt Schlingen und Karabiner an seinen Gurt. Er tastet nach meiner Hüfte und verknotet das Seil, dessen anderes Ende an seinem Gurt befestigt ist. Mit den Fingern fährt er den Knoten prüfend nach. Für mich, die Journalistin, ist es die erste Tour außerhalb der Kletterhalle. „Bist du bereit?“, fragt er. Über 1000 Metern duzt man sich.

Morgenschatten, windstill, neun Grad. „Wir haben Glück“, sagt Andy Holzer. „Ein Grad weniger und es wäre unangenehm.“ Die nackten Hände spüren am Fels jeden Temperaturunterschied. Zum Glück kein Regen. Der macht den Fels glitschig, die Finger rutschen ab.

Vor uns liegt die kleine Laserzwand, 300 Meter Wandhöhe, eine Kletterroute im Schwierigkeitsgrad III+. Ein nicht zu anspruchsvoller Schwierigkeitsgrad, doch man sollte sich anseilen, denn die Wand ist streckenweise senkrecht. Aber für Andy Holzer zählen andere Informationen. „Ich muss die Sprache des Gesteins lesen können. Je besser ich das kann, desto weniger muss ich tasten.“ Granit oder Kalk? Fest oder brüchig? Hier in den Lienzer Dolomiten ist es Kalkgestein. „Wenn ich einmal hinfasse, kann ich mir ausmalen, was 40 Zentimeter höher ist.“ Die kleine Laserzwand ist er schon über 50 Mal geklettert. Aber seit dem letzten Mal sind neue Haken angebracht worden, er muss sie erst finden. „Himmelvater schau auf uns herunter“, murmelt er und klettert los.

Der blinde Profi-Bergsteiger Andy Holzer auf dem Weg zu einer Kletterroute in den Lienzer Dolomiten, der Heimat des 45-Jährigen Österreichers.

Seine blonden Haare trägt Andy Holzer zum Pferdeschwanz gebunden, im Nacken werden die ersten grau. Er ist 45 Jahre alt, mittelgroß, was beim Klettern hilfreich ist. Wenn er mit einem spricht, schaut er einen an, so meint man zumindest. Nur das rechte Auge weicht manchmal aus. Retinitis Pigmentosa heißt die Netzhauterkrankung, wegen der er blind zur Welt gekommen ist. Im letzten Jahr hat er seinen Job als Heilmasseur gekündigt, seitdem verbringt er zwei von drei Tagen in den Bergen. Geld verdient er mit Vorträgen und mit Bergtouren. Er ist neben dem US-Amerikaner Erik Weihenmayer der einzige Bergsteiger weltweit, der blind auf die höchsten Berge der Welt klettert. Auf sechs Kontinenten hat er den jeweils höchsten Gipfel erklommen: Kilimandscharo, Elbrus, Mount McKinley, Aconcagua, Mount Vinson, Carstensz Pyramide. Nur der Mount Everest fehlt noch.

Andy Holzer balanciert auf einem Felsvorsprung, so breit, dass seine Füße gerade Platz haben. Er tastet nach einem Haken. Findet keinen. Um seinen Hals hängen mehrere Schlauchbänder, eins davon nimmt er ab, schlingt es um eine Felsnase und hängt seinen Karabiner ein. Jetzt ist er gesichert. Ich klettere nur halb so schnell wie Andy Holzer, obwohl ich die Gesteinswölbungen und Furchen sehen kann, die als Griffe dienen. „Wenn du keinen Griff findest, musst du kreativ sein!“, ruft er mir von oben zu. Die Sonne wandert über den Berg auf unsere Seite. Er ruft euphorisch: „Wie wenn man in eine warme Stube tritt. Und die Aussicht? Cool, oder?“ In der Ferne sieht man den Großglockner und den Großvenediger, die höchsten Berge Österreichs, fast 4000 Meter hoch. Andy Holzer zeigt mit dem Arm die Richtung. Unter uns liegt das Tal. Was er nicht sieht, das spürt er. „Wenn ich an einer senkrechten Felswand stehe, auf der einen Seite die Wand, auf der anderen das Nichts, das ist gewaltig. Ich fühle die Massenunterschiede, auf der einen Seite Schwere, auf der anderen Leichtigkeit.“ In einem Metallkasten am Fels steckt das Wandbuch. Ein Gästebuch für Kletterer. „Schreib: Andy Holzer, blind climber“, sagt er. Inzwischen ist die Blindheit sein Markenzeichen, früher war sie sein Makel. Dazwischen liegt ein langer Weg.

In den ersten Lebensjahren ertastet er die Wohnung. Die Eltern vertrauen darauf, dass er mit dem Kopf nur einmal gegen eine Tischkante schlägt. Danach nie wieder. Andy Holzer hört, riecht, schmeckt, fühlt. Er lernt, auf den Tonfall der anderen zu achten. Er lernt, sich in seiner Dunkelheit zurechtzufinden. Mit seinen Cousins springt er vom obersten Balken der Scheune hinunter in den Heuhaufen. Im Sommer schwimmt er im See. Er fährt Rad, wobei er sich entweder an den Fahrgeräuschen seiner Freunde orientiert oder allein aus dem Gedächtnis die verkehrsarmen Sträßchen seines Heimatdorfs entlang radelt. Im Winter rodelt er, läuft Schlittschuh, flitzt mit den Skiern über Schanzen. Alles, was man als Kind in Osttirol so macht. Er stürzt und steht wieder auf. Der wilde Andy, heißt es im Dorf. Manche wissen gar nicht, dass er blind ist. Er treibt die Kühe des Onkels in den Stall. Er hilft, das Dach mit Ziegeln neu zu decken. Wenn die Tante besonders gefährliche Aktionen beobachtet, zündet sie eine Kerze an.

Schwierig wird es in der Schule. „Am ersten Schultag war mein Gaumen bittertrocken wie heute noch in Extremsituationen“, sagt Andy Holzer. An der Hand seiner Mutter betritt er das Schulhaus. Sie hat all ihre Überredungskünste aufgewendet, damit er nicht auf eine Blindenschule muss, fern von daheim, fern vom normalen Leben. Andy Holzer wird in die erste Reihe gesetzt, direkt vor die Lehrerin. Als die Buchstaben gelernt werden, muss er nach vorn und mit der Kreide zwischen den Fingern geführt von der Lehrerin die Buchstaben an die Tafel schreiben. Wenn er lesen soll, warnt die Lehrerin ihn, er merkt sich den Absatz und trägt ihn auswendig vor. Das Erklettern von Seilen und Leitern im Turnunterricht fällt ihm leicht, das Rechnen auch. Er bekommt eine Empfehlung fürs Gymnasium. Aber er entscheidet sich für die Hauptschule, um schneller fertig zu sein. Denn die Schule ist für ihn ein Labyrinth mit tückischen Fallen.
Nach dem Abschluss lässt sich Holzer zum Masseur ausbilden und fängt im Lienzer Krankenhaus an zu arbeiten. An den Wochenenden tritt er mit seiner Band bei Hochzeiten auf. Er spielt Gitarre und Bass oder sendet aus seinem Zimmer Morsezeichen an andere Amateurfunker irgendwo auf der Welt.

Angst hat Sabine Holzer nicht um ihren Mann. Sie weiß, was er kann.

Mit 20 lernt Andy Holzer Sabine kennen. Als Erstes fällt ihm ihre Stimme auf. „Sie war klarer und heller als die anderen“, sagt er. Sie verabreden sich auf einer Brücke vor dem Dorf, machen Spaziergänge, fahren übers Wochenende nach Wien. Er verheimlicht ihr seine Blindheit. Aber im Restaurant stellt sie fest, dass er das Rückgeld nicht nachzählt. „Also ich sehe ein bisschen schlecht, vor allem, wenn die Sonne grell scheint“, redet er sich heraus. Als sie die Wahrheit erfährt, hat sie Bedenken. Eine Beziehung mit einem Blinden? Er sagt: „Du brauchst dich nicht zu wehren, ich krieg dich ja doch“, und behält recht. Sie heiraten, bauen sich ein Haus am Fuß der Lienzer Dolomiten. Die Treppe hat kein Geländer, die Kanten des Esstisches sind spitz. „Barrierefreiheit hab ich nie gelernt“, sagt Andy Holzer. Er wechselt beim Rasenmäher Messer und Öl, beim Auto die Reifen. Wenn die Hauswand oben gestrichen werden muss, steigt er mit Pinsel und Farbeimer auf das Dach und beugt sich über die Regenrinne. Sabine dirigiert vom Garten aus mit dem Fernrohr seinen Pinselstrich. Wenn er in den Ferien im Meer surft, bläst Sabine von Zeit zu Zeit in eine Trillerpfeife und er weiß, wie weit die Strömung ihn abgetrieben hat. Angst um ihn hat sie keine: „Ich weiß, was der Andy kann.“ Wenn er einen Achttausender besteigt, berichtet sie seinen Fans darüber im Internet. Sie scannt Bergsteigerberichte mit einem Gerät, das ihm den Text vorliest. Sie begleitet ihn auf Reisen um die Welt. Im Untergeschoss hängen Masken aus Indonesien, Wandteppiche aus Argentinien, Holzfiguren aus Tansania, daneben ein verstaubtes Hochzeitsfoto.

Das Bergsteigen war schon lange Andy Holzers Traum. Aber Klettern ist gefährlich, auch mit gesunden Augen. Sein Onkel ist dabei zu Tode gestürzt, bevor Andy Holzer geboren wurde. Das Wetter schlägt plötzlich um, lockeres Gestein fällt von oben herunter, der Griff bricht weg, es gibt viele Gefahren. Deshalb gehen immer zwei Bergsteiger zusammen in einer Seilschaft. Sie müssen sich absolut aufeinander verlassen können. Wer geht also das zusätzliche Risiko ein und klettert mit einem Blinden, noch dazu einem Anfänger? Der Vater überredet den Bruckner Hans aus dem Dorf, dreißig Jahre älter als Andy Holzer. Zusammen mit der Mutter, die aus Sorge mitkommt, erklimmen sie die große Sandspitze, den höchsten Berg der Lienzer Dolomiten, 2 770 Meter. Oben umarmt Andy Holzer das Gipfelkreuz. Am Abend vor der Haustür fragt Bruckner: „Und, was habt ihr nächsten Sonntag vor?“ An seinem Seil besteigt Andy Holzer einen Gipfel nach dem anderen. Bis ihn das Hinterherklettern langweilt. Er will selbst die Route finden, den Haken in den Fels klemmen, das Seil einhängen. Heimlich zieht er mit Sabine los, die kaum Erfahrung hat. „Komplett idiotisch war das“, sagt er und grinst. Die Routen, die er Bruckner nachgeklettert ist, absolviert er nun im Vorstieg, mit seiner Frau im Schlepptau.

Andy Holzer liest die Route mit den Händen. Wenn er den Fels anfasst, weiß er, wie er 40 cm weiter oben beschaffen ist.

Andy Holzer überlegt sich genau, mit wem er eine Seilschaft bildet. Berühmte Bergsteiger haben schon eine Absage bekommen. „Mein Gefühl muss stimmen bei einer Person, wie sonst im Leben“, sagt er. Mit einem blinden und einem beinamputierten Kletterer hat er die gefürchtete Cassin Route in Südtirol bezwungen. Er ist mit 25 Managern auf den Kilimandscharo in Tansania gestiegen. Längst hat er gelernt, beim Klettern die Vorteile seiner Blindheit zu nutzen. Wenn andere bloß eine weiße Wolkendecke sehen, kann er abschätzen, ob sie 20 Meter oder zwei Kilometer dick ist. „Ich spüre die Kraft der Sonnenstrahlen, die durch die Wolken dringen“, sagt er. Er achtet bewusster auf die Beschaffenheit des Gesteins als andere. Er ist außerdem derjenige, der jede Expedition für seine Freunde und sich über ein Jahr hinweg plant. Er bucht Flüge, nimmt Kontakt zu den Sherpas vor Ort auf. „Dafür hab ich ein Händchen.“ Und er sucht Sponsoren für das Team, denn die Ausrüstung ist teuer und die Besteigung eines Achttausenders dauert Wochen, wenn nicht Monate. Sie bringt einen an die körperlichen und geistigen Grenzen. Durch diese Extremtouren ist Andy Holzer bekannt geworden, aber ein guter Tag in seinen Heimatbergen bedeutet ihm mehr.

Andy Holzer lehnt am Fels und streckt die geöffnete Hand aus. „Du musst noch einen zweiten Karabiner haben“, sagt er. Ich taste meine Hüfte ab. Da hängt keiner. „Hast du ihn unten vergessen?“ Mir wird heiß. Wir brauchen alle vier Karabiner, um uns zu sichern. Sonst kommen wir nicht weiter. Der Himmel zieht zu, Andy Holzer befürchtet Regen. Es sind noch mehrere Seillängen bis zum Gipfel. Rücksteigen ist beim Klettern so gut wie unmöglich. Ich habe zu wenig Übung und Andy Holzer kann sich dabei nicht mit den Händen vortasten wie sonst. Am Berg darf man keinen Fehler machen.

Am späten Nachmittag erreichen wir den Gipfel. Der Bergführer, der unseren Fotografen geführt hat, ist zurückgestiegen und hat unseren Karabiner geholt. „Berg heil!“ ruft Andy Holzer und umarmt mich. Woher er weiß, dass wir oben sind? „Der letzte Schritt fühlt sich an, als ob mir ein schwerer Hut vom Kopf genommen wird.“ Andy Holzer strahlt. Machen die Berge süchtig? „Süchtig macht nicht das Klettern, sondern das Probleme lösen“, sagt er. Wir ziehen Klettergurte und Helme aus. Andy Holzer versorgt Seil und Karabiner. Er wechselt die Schuhe. Jetzt beginnt für ihn der schwierigste Teil der Tour. Der Abstieg über einen schmalen Wanderweg. Hier kann er den Weg nicht mehr mit den Händen ertasten. Ich gehe vor, er hält sich an meinem Rucksack fest. An meinen Bewegungen spürt er, wann es abwärts geht und wie tief. An meinen Tritten hört er, wohin er den Fuß setzen wird, ob auf Wiese, Geröll oder festen Fels. Es fängt an zu regnen. Unser Ziel ist die Dolomitenhütte auf 1600 Metern. Für Andy Holzer der Ausgangs- und Endpunkt für Hunderte von Klettertouren. „Da unten sehe ich schon die Hütte“, sagt er. „Sehen – du weißt, was ich meine.“


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