Ich will da rauf!

Der Verein "Ich will da rauf!" bietet seit 2008 Klettertraining für Menschen mit und ohne Behinderung – und hat mit den Profikletterern Thomas und Alexander Huber prominente Förderer.
 

Uli Wiesmeier

Kinder und Betreuer vom Verein "Ich will da rauf!".

Text Dagmar Puh

Brauer Photos

An der Kletterwand fühlt Dominik sich sichtlich wohl. Er klettert schon mehr als sein halbes Leben lang.

Dominik ist erst 15. Wenn es ums Klettern geht, macht ihm aber so schnell keiner etwas vor. Geschickt kraxelt er an der 18 Meter hohen Wand im Münchner Kletterzentrum Thalkirchen nach oben. Der Gipfel in Gestalt der Hallendecke rückt schnell näher. Dominik klettert schon mehr als sein halbes Leben lang regelmäßig und ist einer der Besten in seinem Verein. Dabei ist die Leistung für den Schüler eher Nebensache. „Mir gefällt, dass Klettern eine richtige Herausforderung ist und man sich total darauf konzentrieren muss“, erzählt er. „Wenn es in der Schule mal stressig war, dann kann man das zum Beispiel einfach wegklettern. Und natürlich ist man mit super Leuten zusammen.“

Dass Dominik seinem Hobby so selbstverständlich nachgehen kann, hat er nicht zuletzt „Ich will da rauf!“ (IWDR) zu verdanken, einem gemeinnützigen Verein, der Klettertraining für Menschen mit und ohne Behinderung anbietet. Denn Dominik hat eine angeborene Gelenksteife, und Kletterangebote für Jugendliche wie ihn gibt es nicht viele. Noch dazu, wenn man wie der junge Münchner seinem Sport auch zusammen mit nicht behinderten Freunden nachgehen möchte.

„Genau weil es einen Mangel an Klettermöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen gab, ist ‚Ich will da rauf!‘ entstanden“, erzählt Katrin Eisenhofer von IWDR. „Mitte 2008 haben Eltern hier in München eine inklusive Klettergruppe für ihre behinderte Tochter gesucht und nichts Passendes gefunden. Da haben sie kurzerhand mit ein paar Freunden und Gleichgesinnten einen eigenen Verein gegründet.“ Am 10. Oktober 2008 wurde „Ich will da rauf!“ offiziell aus der Taufe gehoben, im Januar 2009 kletterte die erste Gruppe los.

Inzwischen unterhält IWDR elf Gruppen, die sich alle zwei Wochen im Kletterzentrum treffen. Eine bunte Truppe kommt da jedes Mal zusammen: Kinder und Erwachsene, Jungen und Mädchen, Kletterprofis und Anfänger – und natürlich Menschen mit und ohne Behinderung: Auf jeden Teilnehmer mit körperlicher oder geistiger Einschränkung kommt einer ohne.

„Wenn wir uns treffen, wird erst ein bisschen geratscht“, beschreibt Manfred Bauer, Klettertrainer und Vorstandsvorsitzender von IWDR, die familiäre Atmosphäre beim Training. „Dann steigen wir mit Spielen und Aufwärmübungen ins Training ein, und danach geht’s an die Wand oder zum Bouldern.“ Jede IWDR-Gruppe wird von einem hauptamtlichen Trainer und mindestens einem Ehrenamtler begleitet, die auf die nötige Sicherheit achten.

Jeder findet seinen eigenen Weg

In ihrer Stammkletterhalle fallen die IWDRler niemandem mehr auf. Außerhalb wird Manfred Bauer häufiger gefragt, warum Menschen, die im Alltag nur eingeschränkt mobil sind oder andere Behinderungen haben, an der Kletterwand problemlos zurechtkommen. „Klettern ist sehr vielseitig, und das ist gerade der große Vorteil“, erklärt Bauer. „Man braucht Kraft und Geschick, Köpfchen und Durchhaltevermögen, um nach oben zu kommen. Mindestens eine dieser Fähigkeiten bringt jeder schon mit, die anderen kann man sich dann Schritt für Schritt antrainieren. Und: Man kann beim Klettern immer Wege finden, die zu den eigenen körperlichen Möglichkeiten passen. Wer also zum Beispiel nicht so viel Kraft in den Beinen hat, kann das mit den Armen ausgleichen. Wer nicht gut sieht, tastet sich nach oben – und so weiter. Deshalb kann eigentlich jeder klettern lernen.“ Und jeder profitiert davon. Körperlich, weil die Bewegungsabläufe Kraft, Geschick und Körperwahrnehmung schulen wie kaum ein anderer Sport. Geistig, weil man erkennt, was man mit Einsatz und Geduld alles erreichen kann. „Dadurch habe ich auch insgesamt mehr Selbstbewusstsein bekommen“, beschreibt Dominik eine typische Erfahrung.

Und dann ist da noch die soziale Seite: Klettern erfordert zwingend ein enges Miteinander und kann nur gelingen, wenn man sich aufeinander einstellt. Vor allem der ständige Wechsel zwischen „selbst klettern“ und „andere sichern“ verleiht dem Sport auch sein besonders hohes Inklusionspotential: Jeder ist, ganz unabhängig von einer Behinderung, mal auf Hilfe angewiesen, mal Helfer. Dadurch entsteht ganz automatisch Augenhöhe und gegenseitiges Vertrauen.

Das Konzept von IWDR überzeugt nicht nur die Vereinsmitglieder. In den vergangenen Jahren wurde der Verein mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Schon 2009, kurz nach der Gründung, belegte er den 2. Platz beim Sportintegrationspreis der Stadt München, gewann zweimal den Social Awareness Award der Sportmesse ISPO und ist seit 2012 als Beispiel guter Praxis auf der Inklusionslandkarte Deutschlands eingetragen. Im letzten Jahr folgte dann noch das „Wirkt“-Siegel von Phineo – kein Preis, sondern ein anerkanntes Zertifikat, das dem Verein eine vorbildliche Arbeit mit messbarer Wirkung bescheinigt. Damit kann IWDR in Zukunft noch überzeugender um Unterstützer für seine Arbeit werben. Einige sehr prominente Förderer hat der Verein bereits jetzt in seinen Reihen. So sind beispielsweise die Extremkletterer Thomas und Alexander Huber (siehe Interview rechts) von Anfang an als engagierte Mentoren dabei. Sie bescheren dem Verein zusätzliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und stehen den Aktiven auch mal an der Kletterwand mit Profitipps zur Seite.

Auf den vielen Lorbeeren ruht sich der Verein nicht aus. „Wir wollen natürlich immer weitergehen, noch mehr Menschen fürs inklusive Klettern begeistern und ihnen auch den Zugang dazu ermöglichen“, skizziert Manfred Bauer die wichtigsten Vereinsziele. Klare Ziele hat auch Dominik: „Ich würde schon gern mal die zwei richtigen Überhänge bei uns in der Halle klettern, das will bei uns eigentlich jeder“, erzählt er. „Ob ich das mal schaffen werde, weiß ich nicht. Aber ich bleibe halt einfach am Ball.“


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