Opernflüsterer für Blinde

Ein Besuch in der Oper ist nicht nur ein Genuss für alle Sinne. Damit auch blinde und sehbehinderte Menschen erleben können, was während der Aufführung auf der Bühne vor sich geht, hat das Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen Audiodeskriptionen ins Regelprogramm aufgenommen. Michael Wahl hat in einem Workshop miterlebt, wie die "Ohrenflüsterer" arbeiten.
 

In Gelsenkirchen haben blinde und sehbehinderte Besucher die Möglichkeit, vor der Aufführung die Kulissen und Bühnenbilder zu erkunden, die später auf der Bühne zu sehen sein werden. Die Fotos zu diesem Beitrag sind im Rahmen dieser regelmäßgen Hör.Oper-Angebote im Theater im Revier entstanden.

Text: Michael Wahl
Fotos: Pedro Malinowski

Das Musiktheater im Revier (MiR) Gelsenkirchen ist ein verwinkelter Bau. Hinter der Bühne muss viel bewegt werden und vorne alles strahlen - ganz Theater eben. In das Theatercafé im Foyer gelange ich über ein verwinkeltes Treppenhaus. Zusammen mit sehenden und blinden Teilnehmern treffen wir uns heute hier zum Workshop "Audiodeskriptionen bei der Hör.Oper Gelsenkirchen".

Ertasten einer ungewöhnlichen Perücke

Was ist eine Hör.Oper?

„Was ist überhaupt eine Hör.Oper? Und wie funktionieren Audiodeskriptionen?“ Mit diesen Fragen eröffnet Sylvie Ebelt die Veranstaltung. Bereits seit 2009 sammelt man in Gelsenkirchen Erfahrungen mit dem Thema. Zusammen mit Claudia Hemmis vom Blinden- und Sehbehindertenverein Gelsenkirchen, ebenfalls Mitglied des Hör.Oper-Teams, und Stephan Steinmetz, Dramaturg des Musiktheaters, leitet Sylvie Ebelt den Workshop. Wir lernen heute, wie eine Hör.Oper entsteht und tauchen in die wundervolle Theaterwelt ein, in der inszenierter Klang, Bild und Bewegung miteinander verwoben sind. Als Blinder weiß ich bereits, was Audiodeskriptionen sind: Gesprochene Beschreibungen des Geschehens, die Zuschauern mit Seheinschränkungen das nicht hörbare Geschehen erschließen. Ich kenne das aus dem Fernsehen und auch live aus dem Fußball-Stadion. Aber in der Oper?

Beschreibung oder Interpretation?

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops sind alle erfahren – Theaterschaffende, Blindenreporter und Museumspädagoginnen, die Audiodeskription in ihrem eigenen beruflichen Kontext einsetzen möchten. Neben Claudia Hemmis bin ich der einzige Blinde. Ein spannender Austausch beginnt. Zunächst stellen die Profis ein paar grundsätzliche Fakten vor. Gesprochen wird die Audiodeskription jeweils live während der Vorstellungen. „Schwierig wird es immer dann, wenn gleichzeitig sehr viel auf der Bühne passiert. Wir Autoren müssen dann im Team entscheiden, was wichtig ist und beschrieben werden kann und was nicht“, sagt Claudia Hemmis, die von Anfang an im Gelsenkirchener Team dabei war. „Da gibt es zwischen Blinden und Sehbehinderten heiße Diskussionen, denn sie haben teilweise andere Bedürfnisse.“ Ich höre ihr verschmitztes Lächeln. Menschen, die von Geburt an blind sind, können sich zum Beispiel keine Farben vorstellen, Späterblindete und Sehbehinderte aber schon. In der Regel benötigen Blinde mehr Beschreibungen, was auf der Bühne zu sehen ist, während Sehbehinderte einiges erkennen können. So kommt es bei der Produktion von Audiodeskriptionen manchmal zu Diskussionen.

Eine Szene aus der Oper Norma

Wissen, was passiert

„Für mich als Dramaturg sind Audiodeskriptionen sehr spannend. Ich neige aber sofort zu Interpretationen, wenn ich etwas schildere. Die Audiodeskription will aber beschreiben“, sagt Stephan Steinmetz vom MiR, der die Hör.Oper betreut. Er berichtet von einer Szene aus der Oper Norma, in der eine nackte Frau auf einem Tisch liegt, um einem Gott geopfert zu werden. In der Audiodeskription wird gesagt: Die Nackte liegt auf dem Tisch. „Aber das ist doch ein Opfer“, sagt Stephan Steinmetz, „ich versuche es immer wieder.“ Er lacht. „Der Opferstatus ergibt sich aus dem Kontext. Daher ist es passender, lediglich die Nackte auf dem Tisch zu beschreiben“, erläutert Sylvie Ebelt. „Wir wollen ja nur wissen was passiert. Alles andere stellt sich jeder blinde wie sehende Mensch individuell vor“, ergänzt Claudia Hemmis. Unabhängig von der Wahrnehmung interpretiert jeder Mensch das Geschehen anders.

Die inklusive Kunst der Audiodeskription

In Gelsenkirchen betreuen je zwei sehende gemeinsam mit zwei blinden Autoren ein Stück. Alles beginnt mit der Generalprobe: Abläufe, Musik, Lautstärken, Geräuschkulissen werden vom Beschreiberteam im persönlichen Live-Eindruck erfasst, um zu wissen, wie und wann welcher Text platziert werden könnte. Mittels eines Mitschnitts wird von den Sehenden eine Rohfassung des Audiodeskriptionsskriptes erstellt. Den wichtigsten Schritt gehen dann Blinde und Sehende zusammen: Satz für Satz wird das Skript im Team ausprobiert, mit einer inklusiven Autoren-Kontrollgruppe diskutiert und vollendet. Was müssen die blinden Gäste wissen, was nicht? Ist noch Beschreibung, was unzulässige Interpretation? Ich bin beeindruckt von dem Blick fürs Detail und der Hingabe, mit der die inklusiven Teams die Audiodeskriptionen erarbeiten. Nur so können gute Ergebnisse entstehen: Eine Kunst für sich, die hoffentlich andere inspirieren wird.

Aus der Kabine direkt ins Ohr: Sylvie Ebelt bei der Live-Audiodeskription im MiR

Barrierefreiheit ist Kopfsache

Anlass für die Gründung von Hör.Oper war die Renovierung des Musiktheaters 2009. Dabei wurde auf hartnäckiges Drängen des Blinden- und Sehbehindertenvereins Gelsenkirchen hin eine Funkanlage für Audiodeskriptionen für alle Plätze im Saal eingebaut. Barrierefreiheit muss von Anfang an mitgeplant und gedacht werden – doch leider ist das noch keine Selbstverständlichkeit. In einem Jahr fand sich – in Kooperation mit der Stadt Gelsenkirchen - eine Gruppe aus blinden und sehenden Autoren und Sprechern zusammen. Fortbildungen vermittelten die Grundlagen und 2010/11 standen bereits zwei Hör.Opern mit Live-Audiodeskription im Programm der Spielzeit. Heute sind es vier bis fünf Stücke mit jeweils zwei Vorstellungen pro Saison. 30 Plätze pro Vorstellung sind mit Audiodeskription ausgestattet.

Für uns geht es jetzt in den Opernsaal. Auf bequemen Sesseln nehmen wir Platz. Kopfhörer werden aufgesetzt, Sylvie Ebelt beginnt mit der Audiodeskription, die zur Begrüßung jeder Hör.Oper gesprochen wird. Vor mir baut sich der hohe Saal in Bildern auf, von der Bühne unten über die steilen Sitzreihen bis hoch zum mit kleinen Spots versehenen Sternenhimmel. Ich verorte mich im Raum und stelle mir den Saal voller Menschen und Aktion auf der Bühne vor – das muss ein tolles Erlebnis sein, wenn man dank der Audiodeskription dies alles auch ohne zu sehen erleben kann. Barrierefreiheit entsteht im Kopf, beginnt in der Planung und endet in meiner inneren Vorstellung.

Wir verlassen gemeinsam den Saal. Nun geht es durch die verworrenen Eingeweide des Hauses. Treppen hoch, Treppen runter, durch grau hallende Gänge zur Bühne. Es riecht nach Holz und Ruhe vor dem Sturm. Die Dekorationen sind aus Sperrholz geschreinert. „Vorne ist der Schauwert - das "Schöne" - auf der Bühne, hier hinten ist die Konstruktion und Mechanik“, sagt Stephan Steinmetz und führt uns hinter die Bühne. Die anderen sehen die Gondel aus Hoffmanns Erzählungen, Seitenbühnen und Hebebühnen, die während der Vorstellung mit unterschiedlichen Szenenbildern hoch und runter gefahren werden können. Man hört nur unsere Fragen und Schritte. Ich ertaste mir die Welt voller Emotionen, die mir auch ohne Sehen nicht verborgen bleibt.

Opernflüsterer und Sinnesreise

Zurück im Theatercafé versuchen wir uns an Audiodeskriptionen. Es gilt, Bühnenbilder und Kostüme zu beschreiben. Das Kostüm des Papageno und der lustigen Witwe stehen bereit. Jeder für sich tastet Formen, Stoffe und Beschaffenheiten. Ähnliche und doch individuelle Beschreibungen sind unsere Ergebnisse. Wenn blinde Gäste zur Hör.Oper kommen, können auch sie ebenfalls in einer Sinnesreise vor der Aufführung die Kostüme ertasten. Dazu gehört auch eine exklusive Begehung der Bühne und der Kulissen, so wie wir dieses heute erleben konnten. Eine dramaturgische Einführung in das Stück und das Kennenlernen der Opernflüsterer des Abends gehören auch dazu. „Die Sprecher sind für uns natürlich äußerst wichtig. Gesprochen wird ja immer live“, sagt Claudia Hemmis, „nur so wissen wir, was gerade auf der Bühne passiert.“ Einmal hatte sich ein Engel beim Herablassen von der Decke verheddert und hing strampelnd in der Luft. Der Saal lachte -  die blinden Gäste dank der wachen Audiobeschreiber auch.


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