Es gab da diese Großtante, die soll „psychisch krank“ gewesen sein. Lange Zeit kannte die 64-jährige Kunsttherapeutin Barbara Stellbrink-Kesy nur dieses Gerücht. Dass ihre Großtante Irmgard Heiss 1944 Opfer der NS-Euthanasie geworden war, erfuhr sie erst Ende der Neunziger Jahre. Ein Tabuthema, über das in der Detmolder Familie kaum gesprochen wurde. Irmgard galt den NS-Ärzten als „asozial“.
 

Interview Rebecca Maskos

Wie haben Sie davon erfahren, dass Ihre Großtante ermordet worden ist?

Das war nach dem Tod meines Vaters, 1997. Ich räumte in meinem Elternhaus auf und wollte zusammen mit einem Helfer einen Schrank in ein anderes Zimmer transportieren. Als wir den Schrank zur Seite kippten, polterte etwas, und dann fiel dieses Brett heraus – der Schrank hatte einen doppelten Boden. Darunter hatte mein Vater die ganzen Briefe von Irmgard versteckt. Meine Großtante war so gut wie nie Thema in unserer Familie gewesen, doch unbewusst war sie immer präsent.

Irmgard Heiss als junge Frau, vor ihrer Zwangseinweisung in die Psychiatrie.

Was war mit Irmgard passiert?

Sie hat als „Tochter aus gutem Hause“ 1919 einen Bergarbeiter geheiratet. Doch ihr Mann landete im Gefängnis, hat sie geschlagen, die Ehe zerbrach. Sie musste ihre Kinder allein durchbringen und ist dann wieder zu ihren Eltern zurückgegangen. Dort gab es viel Streit. Sie hat sich Autoritäten oft widersetzt. Die Eltern und Ärzte schoben sie in die Psychiatrie ab. Ihre Kinder kamen später zu ihrem Bruder in Pflege. In den Kliniken hat sie mit kurzen Unterbrechungen die restlichen zwanzig Jahre ihres Lebens verbracht. 1925 hat sie ein drittes Kind bekommen, vermutlich unehelich. Die Ärzte trennten sie von ihrem Kind und es wurde in ein Waisenhaus gesteckt, wo es mit neun Monaten starb. Das hat sie erst richtig in die Krise gebracht. In der Heilanstalt Weilmünster hat man sie, wie viele Patienten, hungern lassen. Ihre Schwester, die ihr Vormund war, hat sie 1944 zum letzten Mal aus der Klinik geholt. Sie habe ausgesehen „wie ein Skelett dem man einen Mantel umgehängt hat“, schreibt die Schwester in einem Brief. Wenige Wochen danach ist Irmgard an Tuberkulose gestorben.

Wie konnten die Ärzte sie dort so lange festhalten?

Der Auslöser dafür, dass sie endgültig in die Psychiatrie kam, war ein Selbstmordversuch. Mehrere Ärzte hatten allerdings bereits Anfang der 20er Jahre verneint, dass sie psychisch krank sei. Trotzdem blieb sie in den Anstalten, denn sie widersetzte sich der Ordnung, und die Psychiater erklärten sie, ganz im eugenischen Zeitgeist, für „minderwertig“, „asozial“ und „sexuell haltlos“. Das war bereits 1925, lange vor der Nazizeit. Weil sie nicht zu ihrem prügelnden Ehemann zurückkehren wollte, hielt man es für „sicherer“, sie in der Anstalt zu behalten, sie aus der Gesellschaft auszuschließen. Die Familie hat aber auch dazu beigetragen, dass sie immer wieder in den Kliniken gelandet ist, vor allem ihre Schwester, ihr Vormund. In der Endphase von Irmgards Lebens brachte sie Irmgard, bereits schwer krank, zurück in die Klinik, mit der Begründung: „Sie arbeitet nicht“. Sie hat gegen unsere pietistisch und protestantisch geprägte Familie rebelliert. Ich kann mich selbst noch an das Schild über der Küchentür erinnern: „Bete und arbeite“. Irmgard wollte ausbrechen, sie hat von Anfang an auch die damals aufkommende Arbeitstherapie verweigert, mit der Begründung, sie möchte für ihre Arbeit bezahlt werden. Sie hat nie aufgehört, sich als eigenständiges Individuum zu sehen, das zeigen ihre Briefe. Sie muss eine ungeheure psychische Stärke gehabt haben.

Erinnern wir uns in Deutschland ausreichend an die Opfer der „Euthanasie“?

Viele Menschen wissen darüber gar nichts. Es gibt immer wieder Menschen, die aus allen Wolken fallen, wenn ich ihnen die Geschichte meiner Großtante erzähle, und wenn ich ihnen sage, dass es möglicherweise in ihrer Familie auch ein Opfer gegeben haben könnte. Statistisch ist jeder Achte mit einem Opfer der „Euthanasie“ verwandt – ich halte mich da an die Zahlen vom Historiker Götz Aly. Es gibt manchmal Ahnungen in den Familien, aber auch ganz viel Widerstand dagegen, sich damit auseinander zu setzen. Die „Euthanasie“ stand immer im Schatten des Holocausts. Dort sind ganze Gruppen von Bürgern ausgrenzt worden, die auch heute oft noch als „die Anderen“ gelten. Aber die Geschichte der „Euthanasie“ zeigt, dass es in den einzelnen Familien möglich war, Angehörige ihren Mördern auszuliefern. Da gibt es viel mehr persönliche Verstrickungen. Und lange war auch das Unrechtsbewusstsein   gesellschaftlich nicht da, es gab auch keinen Bruch mit diesem Denken nach 1945. Die Ärzteschaft hat es teilweise aktiv vertuscht und viele „Euthanasie“-Mediziner haben bis weit in die 70er Jahre hinein unbehelligt praktiziert.

priv.

Irmgard Heiss im elterlichen Garten, etwa 1924/1925. Zu diesm Zeitpunkt lebte sie bereits in der Psychiatrie weil sie angeblich „minderwertig“, „asozial“ und „sexuell haltlos“ sei.

2014 wurde der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde in unmittelbarer Nähe der Berliner Philharmonie eröffnet. Sie sind im Vorstand des Fördervereins des Mahnmals. Was bedeutet das Mahnmal für Sie?

Dass es andere Angehörige gibt, die sich mit dieser Geschichte auseinandersetzen, habe ich erst 2011 durch einen Zeitungsartikel erfahren. Darüber bin ich dann in Kontakt mit den Aktiven rund um das Mahnmal bekommen. Bis dahin hatte ich immer den Eindruck, ich bin mit meiner Familiengeschichte allein. Dann habe ich mich der Frage angenähert, ob ich mich damit überhaupt beschäftigen will – es ist ein belastender Prozess. Ohne diese Diskussion mit den anderen Angehörigen hätte ich vielleicht gar nicht den Mut dazu gehabt. Der Gedenkort ist für mich ein Ankerpunkt. Wichtig ist, dass wir nie den Kontakt zur Gegenwart verlieren. Die Probleme sind in dieser Gesellschaft ja noch alle da. Wir leben in einer Konkurrenzgesellschaft, in der nur die „Nützlichen“ zählen. Das sieht man auch in der Flüchtlingsdebatte, und natürlich in den Debatten um Pränataldiagnostik und Sterbehilfe. Die Themen des Mahnmals sind hochaktuell.

Sie schreiben jetzt auch ein Buch über die Geschichte Ihrer Großtante. Wie erleben Sie diesen Prozess?

Mir wurde irgendwann klar, dass man an meiner Familiengeschichte sehr viel beispielhaft zeigen kann, auch Aktuelles. Wir müssen einen Weg aus diesen brutalen Logiken finden, um aus der Geschichte zu lernen. Deswegen habe ich mir zwei Jahre meines Lebens reserviert für dieses Projekt. Es hat auch ganz viel mit meiner Geschichte zu tun, das fängt an mit dem doppelten Boden im Schrank. Dahinter hatte mein Vater nicht nur die Briefe von Irmgard verstaut sondern auch meine Briefe – die ich in meiner rebellischen Zeit in den Siebzigern aus Berlin an meine Familie geschickt hatte. Als ich diese Briefe fand, hat sich eine Ahnung bestätigt, die ich schon lange hatte: Dass mein Vater diese traumatischen Ereignisse nicht aufgearbeitet - sondern in einer Art doppelter Buchführung - an die nächste Generation weitergegeben hat. Es kostet eben die Anstrengungen mehrerer Generationen, die Welt nach solchen unfassbar menschenverachtenden Ideologien und deren Umsetzungen in Politik, wieder zu einem bewohnbaren Ort zu machen. Es gib auch gegenwärtig keinen Grund anzunehmen, dass es unsere Gegenwart nicht auch in sich hätte.

Lesen Sie auch ein Interview mit dem Pädagogen Andreas Hechler, der ein Buchbeitrag über den Umgang seiner Familie mit der Ermordung seiner Urgroßmutter geschrieben hat.


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