„Meine Uroma ist ein Vorzeige-Opfer“ sagt Andreas Hechler lächelnd. Emilie Rau wurde als „psychisch Kranke“ 1941 in der Gaskammer von Hadamar ermordet. Im Gegensatz zu vielen anderen Opfern ist über ihre Geschichte viel bekannt, sie wird in pädagogischen und wissenschaftlichen Materialien oft zitiert. Schließlich hat ihre Tochter, Marie Hechler, die Großmutter von Andreas, Zeit ihres Lebens um das öffentliche Andenken an ihre Mutter gekämpft. In einem Großteil von Andreas Hechlers Familie war der Mord an der Urgroßmutter deshalb kein Tabu, anders als in vielen anderen Familien. Die Folgen für die Familie sind dennoch weitreichend, wie er im folgenden Interview erzählt.
 

Emilie Rau um 1915 mit ihrem Mann Christian und ihren beiden Kindern Marie und Walter.

Interview Rebecca Maskos

Wie wurde über die NS-„Euthanasie“ bei Ihnen in der Familie gesprochen?

In unserer Familie war das immer ein wichtiges Thema. Meine Generation, also die gesamte vierte Generation, ist mit dem Wissen aufgewachsen, dass die Uroma ermordet worden ist. Aber es gibt auch einen anderen Teil der Familie, der das komplett tabuisiert. Dass es in unserem Teil alles andere als ein Tabu war, das hat maßgeblich mit meiner Großmutter zu tun. Sie hat darüber viel gesprochen. Alle in der Familie sagen, dass meine Großmutter sehr prägend für sie war. Als politische Aktivistin, die sie war, aber gerade auch zum Thema NS-„Euthanasie“.

War die Ermordung ihrer Urgroßmutter auch mit ein Grund für den politischen Aktivismus Ihrer Großmutter?

Ja, auf jeden Fall. Sie hat sich für viele Themen engagiert. Sie war in der SPD, der Gewerkschaft, hat ein Altenheim und Essen auf Rädern mit aufgebaut, sie war in der Umweltbewegung und in der Frauenbewegung aktiv. Und natürlich auch im „Bund der ‚Euthanasie‘-Geschädigten und Zwangssterilisierten“, außerdem war sie an der Gründung des Holocaust-Mahnmals in Berlin beteiligt. Sie ist noch als ganz alte Frau beim Ostermarsch vorne mitgelaufen. Sie hat selbst klar gesagt, ihr gehe es immer darum, dass so etwas wie mit ihrer Mutter nie wieder passieren kann. Da hat sie eine ganz bewusste Verbindung zur Gegenwart gezogen. Es war ihr auch wichtig, dass einer meiner Cousins sie mit nach Hadamar begleitet hat, als die Ausstellung dort eröffnet wurde. Das Trauma ist bei einem Prozess gegen einen der Täter Ende der 80er nochmal aufgebrochen, da war sie bei jedem Prozesstag dabei und hat selbst viele Nachforschungen angestellt, versucht, an die Akten zu kommen. Es wurde wahnsinnig viel gemauert von den Kliniken. Und sie wurde auch viel angegriffen und kritisiert. Teilweise von der Familie, wo ihr einzelne sagten, sie soll das Thema doch mal ruhen lassen. Aber auch von Fremden, das ging bis hin zu Drohbriefen, die sie anonym bekommen hat. Da wurde gesagt, sie soll doch mal ihre antifaschistische Arbeit lassen. Heute würde man so was wahrscheinlich als „hate speech“ bezeichnen. Sie hat sich dann eine Zeit lang nicht mehr getraut, in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Wie wurde mit dem Thema NS-„Euthanasie“ und den Zwangssterilisationen behinderter Menschen durch die Nazis umgegangen im Nachkriegsdeutschland?

Man hat jahrzehntelang so getan, als wenn es die Opfer gar nicht gäbe. Oder man hat gesagt, das sind gar keine Opfer, sondern es war legitim und richtig, die Menschen umzubringen. Das zeigte sich ja auch im Umgang der Gerichte mit dem Opfern der Zwangssterilisationen und vielen anderen NS-Opfern. Die Gerichts-Gutachter im NS waren oft genau die gleichen wie nach dem NS. Das heißt, die Leute, die die Opfer in die Kliniken oder in die Gaskammern geschickt haben, waren die gleichen, die darüber befinden sollten, ob den Opfern eine Entschädigung zusteht. Natürlich haben die das verneint. Das „Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses“, auf dessen Grundlage hunderttausende Menschen zwangssterilisiert wurden, ist immer noch nicht aufgehoben worden. Bis heute wird den Opfern der Status als „NS-Verfolgte“ verweigert. Bislang sind auch kaum Entschädigungen gezahlt worden. Es gab auch Prozesse, bei denen die Täter von damals ausgesagt haben und sich oder ihre Kolleginnen und Kollegen entlastet haben. Und die Idee von der „Erlösung vom Leiden“ durch die „Euthanasie“, das ist keine Idee, die sich auf die Nazizeit beschränkt, sondern die man heute auch findet, zum Beispiel in Diskussionen zur sogenannten Sterbehilfe.

1941 wurde Emilie Rau als "psychisch Kranke" in der Gaskammer der Tötungsanstalt Hadamar in Hessen ermordet.

Sie sagen, ein Teil Ihrer Familie hat weniger offen über die Ermordung gesprochen. Wie kam das?

Meine Großmutter hatte noch drei Brüder, in deren Familien teilweise geschwiegen wird. Sie wollen nicht, dass der Name der Urgroßmutter genannt wird, da sie den gleichen Nachnamen tragen. Sie leben ebenfalls in Hessen und sind dort bekannt, sie wollen damit einfach nicht in Verbindung gebracht werden. Als ich sie interviewte, interessierte sie vor allem, welche Krankheit die Emilie eigentlich genau hatte. Aber immerhin hat ihnen das Interview Gedankenanstöße gegeben. Ich kann ihre Haltung zwar nicht teilen, aber nachvollziehen. Denn so sehr wir uns wünschen, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht mehr diskriminiert, ist es de facto so, dass es zu einer Stigmatisierung kommen kann, wenn man offen mit so einer Familiengeschichte umgeht.

Aber auf der anderen Seite führt man die Diskriminierung doch auch fort, wenn man es verschweigt.

Auf jeden Fall. Man braucht die Opfererzählungen, um politisch handeln zu können. Gleichzeitig gibt es viele Probleme damit, diese Erzählungen überhaupt hörbar zu machen. Zum Beispiel, dass es traumatisierend ist. Man muss die Opfer und ihre Angehörigen auch schützen. Es ist offensichtlich, dass ein Teil der Diskriminierung der „Euthanasie“-Opfer mit dem Verschweigen zusammen hängt. Deswegen sollte man die Opfer beim Namen nennen und ihnen ein Gesicht geben. Aber das kann auch dazu führen, dass Angehörige im hier und jetzt Ausgrenzung erfahren. Tendenziell sollte man das Interesse, die Opfer sichtbar zu machen, höher hängen, darf dabei aber nicht die Stigmatisierung der Angehörigen hinweg wischen.

Welche Art von Gedenken an die Opfer der NS-„Euthanasie“ wünschen Sie sich?

An den Orten der Tötungen sollte es überall Gedenkstätten geben, und die sollten auch so finanziert werden, dass dort gute Bildungsarbeit stattfinden kann. Aber es sollte nicht nur um die Vergangenheit gehen, sondern um die Gegenwart und Zukunft. Adorno hat mal den schönen Satz gesagt: „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangen beseitigt wären“. Und da muss man dann fragen, was war denn das Denken, das die NS-„Euthanasie“ ermöglicht hat. Eine kapitalistische, ableistische [Ableism (engl.): Beurteilung einer Person anhand ihrer Fähigkeiten] Gesellschaft, die fortwährend um ein Leistungsparadigma kreist, wird Menschenleben immer bewerten. In der Pränataldiagnostik zum Beispiel sieht man die Einteilung von Leben in ‚lebenswert‘ und ‚lebensunwert‘ ganz deutlich. Aber auch in Diskussionen um Organtransplantation und in der fremdnützigen Forschung an Nichteinwilligungsfähigen.

Werden die Angehörigen genug einbezogen in die Gedenkarbeit?

Die Gedenkstätten sagen, dass sie seit einigen Jahren eine wachsende Zahl von Zuschriften haben von Menschen, die etwas herausfinden wollen über ihre ermordeten Angehörigen. Vorher gab es das wohl kaum, über Jahrzehnte hinweg. Generell werden wir immer mehr einbezogen. Leider oft nur als „Betroffene“, weniger als Expertinnen und Experten. Durch das nationale Mahnmal für die Opfer der „Euthanasie“ in Berlin gibt es nun auch endlich ein Gedenken auf Bundesebene – nach 70 Jahren, viel zu spät. Aber nach wie vor geht das Wissen um diese Geschichte gegen Null – obwohl die ersten Gaskammern in den Psychiatrien standen und das Personal dort geschult wurde, das dann später die Vernichtungslager im Osten betrieb. Es gibt eine Menge Holocaust-Leugner, aber es gibt bezeichnenderweise keine „Euthanasie“-Leugner – einfach, weil diese Geschichte nicht bekannt ist.

Lesen Sie auch ein Interview mit Barbara Stellbrink-Kesy, die erst mit Mitte 40 per Zufall vom Schicksal Ihrer Tante erfuhr.


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