Anonyme "Euthanasie"-Opfer

Rund 300.000 Menschen mit Behinderungen oder psychiatrischen Diagnosen wurden zwischen 1939 und 1945 von den Nazis ermordet. Die Namen der Opfer durften aus datenschutzrechtlichen Bedenken bisher nicht genannt werden. Das ändert sich nun.
 

© picture alliance/Soeren Stache

An historischem Ort: In der Berliner Tiergartenstraße 4 befand sich ab April 1940 die Zentrale für die Organisation der Aktion T4. Dort ist heute auch die Gedenkstätte.

Text Rebecca Maskos

 Ein bewegender Kinofilm erinnerte im Herbst an sie: an die Hunderttausenden behinderten oder psychisch beeinträchtigten Kinder und Erwachsenen, die von nationalsozialistischen Ärzten ermordet wurden. „Nebel im August“ zeigt in sachlichen, aber eindringlichen Bildern den Horror der NS-„Euthanasie“. Vielen Zuschauern wird das ganze Ausmaß neu gewesen sein, denn über die „vergessenen Opfer“ des Nationalsozialismus (NS) wird wenig gesprochen. Auch die politische Aufklärung der Anstaltsmorde begann vergleichsweise spät.

Geschwiegen wurde auch in vielen Familien. Erst allmählich trauen sich Angehörige der zweiten und dritten Generation, zu fragen, wo genau denn Tanten, Onkel oder Großeltern umkamen und wodurch. Die Scham über das geistig oder psychisch beeinträchtigte Familienmitglied scheint vor allem bei älteren Angehörigen groß zu sein. Der Glaube hält sich hartnäckig, psychische und geistige Beeinträchtigungen seien erblich. Und damit steigt die Angst, selbst in den Fokus von Stigmatisierung und Ausgrenzung zu rücken. Forschten Angehörige dennoch nach den Todesumständen ihrer behinderten Familienmitglieder, stießen sie oft auf eine Mauer aus Datenschutz und ärztlicher Schweigepflicht. Denn anders als bei allen anderen Opfern des NS-Regimes durften die Namen und Daten der „Euthanasie“-Opfer bisher nicht veröffentlicht werden. Die Angehörigen konnten zwar Akteneinsicht nehmen, zum Beispiel in den Landesarchiven und im Bundesarchiv. Schwierig wurde es aber, wenn sie noch gar nicht sicher wussten, ob das Familienmitglied Opfer geworden ist, oder wenn sie zum Beispiel den Todesort nicht kennen. Ein Teil der Angehörigen wurde dann über Namenslisten aus dem Internet fündig. Doch dass die Listen im Netz standen, war nach bisheriger Rechtslage illegal.

© Studiocanal/Anjeza Cikopano

Szene aus dem Film „Nebel im August“: Der Arzt Dr. Veithausen (Sebastian Koch) und Ernst Lossa (Ivo Pietzcker), dessen reales Vorbild ermordet wurde.

Als Grund für das Verbot der öffentlichen Namensnennung nannten die Archivare den „postmortalen Persönlichkeitsschutz“, der im Bundesarchivgesetz festgeschrieben ist. Das bedeutet: Die Veröffentlichung von Namen und Daten der „Euthanasie“-Opfer verletze deren Würde – und die sei auch nach dem Tod zu achten. Außerdem müsse man die Belange der Angehörigen schützen. Der Jurist und ehemalige Berliner Innensenator Ehrhard Körting kam in einem Gutachten zu einem anderen Schluss: Die Menschenwürde des Opfers „wurde durch den Mord verletzt und nicht durch die Veröffentlichung des Mordes. Eher dürfte sich aus der Menschenwürde ein Achtungsanspruch des Opfers ergeben, nicht namenlos und anonym zu bleiben“. Damit teilt Körting die Kritik vieler Historiker, Angehöriger und Aktivisten aus Antipsychiatrieszene und Behindertenbewegung: Das andauernde Unsichtbarmachen der Opfer schließe an die NS-Logik an, nach der Behinderung und psychische Beeinträchtigung ein schamvolles Tabu bleiben sollen. So schreibe man indirekt die Stigmatisierung dieser Menschen fort.

Wende im Juni 2016

Körtings Gutachten und die beharrlichen Proteste brachte die für das Bundesarchiv zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Einlenken. Zusammen mit der Berliner Stiftung „Topographie des Terrors“ initiierte sie im Juni 2016 eine Tagung, auf der die Praxis der Anonymisierung beendet werden sollte. Am Tagungsende stand für alle fest: Das Bundesarchivgesetz soll neu ausgelegt und die Namen der „Euthanasie“-Opfer nun veröffentlicht werden. Anweisungen an die Mitarbeiter der Archive werden vorbereitet, dazu soll es laut Grütters bald eine Onlinedatenbank der Bestände des Bundesarchivs geben. Allein die Details der medizinischen Befunde dürfen weiterhin nur mit Einschränkungen nach außen getragen werden. Die Entscheidung zugunsten der Veröffentlichung reiht sich ein in eine Kette von Signalen, die Opfer der NS-„Euthanasie“ endlich aus dem Schatten der NS-Gedenkpraxis zu holen. Dazu gehört die Eröffnung eines zentralen Mahnmals im September 2014 in der Nähe der Berliner Philharmonie. Die Besucher können sich dort auf Gedenktafeln informieren. Die Initiatoren kritisieren jedoch, dass kein eigenes Informationszentrum geschaffen werden konnte. Dafür waren die vom Bund bereitgestellten 500.000 Euro zu knapp bemessen. Verglichen mit den Berliner Mahnmalen für andere Opfer des Nationalsozialismus wurde für dieses Mahnmal das mit Abstand wenigste Geld ausgegeben. Es ist noch ein weiter Weg bis zur Gleichbehandlung aller NS-Opfer.


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