Virtuelle Freiheit

Viele Menschen begeistern sich für Computerspiele, denn in der virtuellen Welt ist alles möglich – allerdings nicht für alle. Computerspieler mit Behinderung stehen oft vor unüberwindbaren Hürden. Game over?
 

Text: Elisabeth Wicher
Illustration: Ole Tillman

Mit quietschenden Reifen kommt das Motorrad zum Stehen. Um die Mission zu beenden, muss Franklin die Maschine nur noch in der Garage abstellen – geschafft! Den Protagonisten Franklin im Computerspiel „Grand Theft Auto 5“ (GTA 5) steuert Tobias Kozlowski. Der 39-Jährige Düsseldorfer hat Muskeldystrophie vom Typ Becker-Kiener, weshalb er seine Arme kaum bewegen kann. GTA 5 ist eines seiner Lieblingsspiele. Die Bedienung gelingt ihm mit einem Quadstick, einem mundgesteuerten Joystick, dessen Sensoren auch durch Pusten oder Lufteinsaugen aktiviert werden können. „In Computerspielen kann ich neue Welten entdecken“, sagt Kozlowski.

Komplexes Medium, komplexe Barrieren

Für viele Menschen sind Computerspiele mehr als bloße Freizeitbeschäftigung: Hier können sie Teil einer Spielergemeinschaft sein, Abenteuer erleben und zu Helden werden. Für Menschen mit Behinderung ist Gamen oft noch aus einem anderen Grund reizvoll. Über Computerspiele können sie von zu Hause aus soziale Kontakte knüpfen, ohne dass ihre Behinderung dabei eine Rolle spielt.

Allerdings stehen behinderte Computerspieler vor komplexen Barrieren, wenn sie in virtuelle Welten eintauchen möchten. Einige Hürden liegen in der Natur der Computerspiele selbst. Viele Games kombinieren verschiedene Medienarten wie Text, Musik und Bewegtbild und sind interaktiv. Sie sprechen beinahe alle Sinne an und erfordern oft schnelle Reaktionen. Dementsprechend schwierig ist es, Computerspiele so zu modifizieren, dass sie auch von Menschen mit Einschränkungen genutzt werden können. „Barrierefreiheit ist praktisch nicht zu erreichen“, sagt Spieleaktivistin Sandra Uhling, die selbst eine passionierte Gamerin ist. Auf ihrer Website GameAccessibility stellt sie Infos und Kontakte für Gamer mit Einschränkungen zusammen. Ihr Ziel ist es, Spielehersteller dazu zu bewegen, die Bedürfnisse aller Menschen zu berücksichtigen.

Ansätze für sehbehinderte Spieler

Es gebe bereits einige Ansätze, die beispielsweise sehbehinderten Menschen Zugang zu Computerspielen ermöglichen sollen, sagt Martin Puppe vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware. „Aktuelle Spielekonsolen bieten verschiedene Optionen zur vereinfachten Bedienung wie Bildschirmlupen, hohe Kontraste oder die Sprachausgabe von Bildschirmtexten“, erklärt er. In den meisten Spielen könnten zudem Untertitel angezeigt werden. Besonders reizvoll für sehbehinderte Menschen können Audiogames sein, also Spiele, die ohne Grafik allein durch Ton gespielt werden.

„Diese Ansätze gibt es zwar“, bestätigt Sandra Uhling, „allerdings reicht das nicht aus, um Menschen mit Behinderung das gleiche Spielerlebnis zu ermöglichen wie Nichtbehinderten.“ Sie betont, dass es nicht nur Menschen mit Behinderung zugute käme, wenn Barrieren entfielen. Auch Anfänger oder ältere Menschen könnten von einstellbaren Schwierigkeitsstufen profitieren.

Um Computerspiele tatsächlich inklusiv nutzbar zu machen, müssten die Einstellungsmöglichkeiten so vielfältig sein wie die Behinderungen ihrer Nutzer. Sprachausgabe und Zoomoptionen etwa sind für Menschen mit Sehbehinderung hilfreich. Menschen mit kognitiven Einschränkungen sind oft darauf angewiesen, dass Spiele einfache Schwierigkeitsgrade und ausführliche Erklärungen, sogenannte Tutorials, anbieten. Menschen, die wie Tobias Kozlowski motorisch eingeschränkt sind, stehen vor der physischen Herausforderung, den Computer oder die Konsole zu bedienen.

Einige behelfen sich mit speziellen Eingabegeräten wie dem Quadstick oder einer Augensteuerung, bei der die Blickrichtung den Mauszeiger auf dem Bildschirm bewegt. Daneben existieren weitere Softwarelösungen, die das Bedienen des Computers erleichtern. Im Wiki „Computerhilfsmittel“ wird Software für Maus­ersatz, Eingabehilfen für Spielekonsolen oder Spracherkennung als Download angeboten.

Gamer tauschen sich in Foren aus

Ob diese Hilfsmittel allerdings zum Einsatz kommen können, hängt von den Bedienarten ab, die das jeweilige Spiel zulässt. Ein Spiel, das einzig mit einer Computermaus gesteuert werden kann, schließt einige Gamer mit Einschränkung aus. Um bestimmte Hardwarehilfen einsetzen zu können, müssen die Befehlstasten meist frei belegbar oder eine Bildschirmtastatur nutzbar sein. Aus den Beschreibungen der Spielehersteller geht das nicht immer hervor.

Abhilfe schafft die engagierte Spielergemeinschaft. In Foren teilen Gamer ihre Erfahrungen und geben Tipps. Im englischsprachigen Forum „Unstoppable Gamer“ der Stiftung AbleGamers erfahren Menschen mit Behinderung, wie viel Beweglichkeit sie für bestimmte Spiele brauchen und welche Barrieren bestehen. Deutschsprachige Spieler finden in der Facebook-Gruppe „Zocken für alle“ Tipps, um besser ins Spiel zu kommen. Das Wiki „PCgamecontrols“ bietet eine Liste von Spielen und Infos zu deren Bedienart. Zu den meisten Spielen gibt es außerdem eigene Foren, in denen sich die Spieler austauschen können.

Das nutzt auch Tobias Kozlowski. Für seine nächste Mission muss er einen Wagen mit einer speziellen Fracht abliefern, der aber startet nicht. Im GTA-5-Forum erfährt er, dass er einen Abschleppwagen braucht. Zufrieden schickt er Franklin auf die Suche.


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