Im Rollstuhl auf der Flucht

Abdullah Zaror ist 17 Jahre alt als ihn auf einer Demonstration gegen das syrische Regime eine Kugel in den Rücken trifft. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Mit Hilfe seiner Familie und Freunde floh er über die Türkei und die Balkanroute bis nach Deutschland.
 

Die Familie Zaror vor ihrem Wohnblock in Halle/Saale: Vater Ahmad, Mutter Malak, Sohn Abdullah im Rollstuhl und sein Bruder Oday.

Text: Kristin Oeing, Tarek Khello
Fotos: Sascha Montag

Die Filmaufnahmen dauern nur wenige Minuten, doch sie tragen den Schrecken des Krieges in sich. Verwackelte Aufnahmen, festgehalten auf einer Handykamera. Sie zeigen rennende Menschen, die ihre Hände in die Luft recken, schreien, sich immer wieder umdrehen. Schüsse fallen. Männer tragen einen schwerverletzten jungen Mann durch das Bild. Seine Unterschenkel hängen schlaff hinab, an seinem T-Shirt klebt Blut. Seine Augen – starr vor Schreck – blicken sich hilflos suchend um.

Schreckliche Erinnerung: Abdullah Zaror zeigt Filmaufnahmen aus Aleppo, wo er bei einer Demonstration angeschossen und schwer verletzt wurde.

Ein Tag, der alles veränderte

Abdullah Zaror, 21, stoppt das Video. Er zeigt auf den verletzten Mann, „das bin ich.“ Die kurze Videoaufnahme zeigt den Tag im Leben des jungen Syrers, der alles veränderte. Fast vier Jahre ist das her. Zusammen mit Freunden ging er auf eine Demonstration im syrischen Aleppo. „Ich wünschte, ich wäre nicht dahin gegangen“, sagt er und streicht sich mit den Händen über die Knie, „aber dass sie auf Menschen schießen, hätte ich niemals erwartet.“ Die Kugel in Abdullahs Rücken konnte entfernt werden, die Taubheit in seinen Beinen blieb. Der Automechaniker und Kung Fu Kämpfer sitzt seitdem im Rollstuhl. „Es war schwer, einen Arzt zu finden, der ihn behandelt, weil er gegen das System demonstriert hat“, sagt sein Vater Ahmad, der vor dem Krieg Kursleiter in einem Fitnessstudio war. Erst ein Verwandter der Mutter, der als Arzt in einem Krankenhaus arbeitete, nahm den Jungen auf. Ohne Namen, ohne Papiere.

Irgendwann wurde die Geheimpolizei auf ihn aufmerksam, verhörte ihn am Krankenbett. Also floh er aus der Klinik. „Es war Hochsommer. Wir hatten keinen Strom mehr zuhause, konnten weder die Klimaanlage noch die Ventilatoren anschalten“, erinnert sich der Vater. Abwechselnd fächerten die Familienmitglieder Abdullah mit einem nassen Handtuch Luft zu. Doch die Wunden heilten nicht richtig, die Schmerzen blieben. Und vor der Haustür herrschte Krieg. Der Physiotherapeut, der anfangs noch den Verletzten versorgte, kam erst seltener und blieb irgendwann ganz weg. Die Straßen Aleppos waren zur tödlichen Falle geworden. Neben den Schmerzen und der Hitze lastete auch die Ausweglosigkeit auf seiner Seele. „Es war wie Folter“, sagt Abdullah, doch er musste ausharren, eine Flucht wäre zu gefährlich gewesen.

Nach Deutschland hat es Abdullah Zaror geschafft, aber die erhoffte intensive medizinische Betreuung erhielt er bisher nicht.

Hoffnung auf Heilung im Gepäck

„Erst als die Freie Syrische Armee im nächsten Frühjahr unser Stadtviertel einnahm, bekamen wir Hilfe. Sie brachten uns in eine Stadt an die Grenze zur Türkei“, sagt der Vater. Dort untersuchte ein Arzt Abdullahs Wunden und warnte die Familie: „Sie müssen ihren Sohn unbedingt in ein Krankenhaus bringen, sonst stirbt er.“ Mehrmals versuchten sie daraufhin, die Grenzen zu passieren – legal und illegal. Ohne Erfolg. „Auch die Hilfsorganisation wies uns ab, behauptete, er wäre kein Notfall.“ Erst nach Tagen erbarmten sich die Grenzer und ließen sie passieren. Das war im April 2013.

Abdullah kam in ein Krankenhaus in Gaziantep. „Ein Arzt meinte, für 50.000 Lira könnte er unserem Sohn sogar seine Beine zurückgeben“, sagt Ahmad. Doch das Geld hatte die Familie nicht. Zwar fand der Vater einen Job als Holzsammler und auch die beiden Brüder von Abdullah arbeiteten, doch der Lohn war mager. „Irgendwann konnte ich nicht mehr abwarten“, erzählt Abdullah. Deutschland war zum Sehnsuchtsziel geworden. Dort könne man ihm helfen, hatte er gehört. „Ich wollte lieber im Wasser sterben, als zu bleiben.“

Seine Cousins aus Aleppo, die ebenfalls in die Türkei geflohen waren, übernahmen die Kosten für Abdullah. Allein 900 Dollar zahlten sie den Schleusern für die Überfahrt. „Wir sind nicht nur Verwandte, sondern auch Freunde. Ohne Abdu aufzubrechen kam für uns nicht infrage“, sagen seine Cousins Yousef, 28 und Mostafa, 30. Der lange Weg schreckte sie nicht ab. „Ich habe fest daran geglaubt, dass wir es schaffen und keine Zweifel zugelassen“, erklärt Mostafa.

Im Sommer 2015 brachen die drei Brüder zusammen mit fünf Freunden auf, die Hoffnung auf Heilung im Gepäck. Immer wieder mussten sie Abdullah über unwegsames Gelände tragen. An der türkischen Küste stiegen sie in ein Schlauchboot. Der Rollstuhl blieb an Land zurück. „Die Schmuggler pferchten uns wie Vieh zusammen, wir hatten den Tod vor Augen.“ Doch das Boot hielt und erreichte eine griechische Insel. Dort bekam Abdullah von einer Hilfsorganisation einen neuen Rollstuhl.

Sie haben Fotos gemacht von ihrer Flucht, junge Männer, die sich im Arm halten, den Daumen nach oben recken, lachen. Was auf den Fotos wie ein Abenteuertrip aussieht, war für die Freunde in Wirklichkeit das Überleben von Gewalt, Kriminalität und Angst. „In Mazedonien haben uns die Polizisten im Flüchtlingslager geschlagen und wie Tiere behandelt“, erinnert sich Abdullah. Danach ging es weiter nach Serbien. Die letzten Kilometer über die Grenze waren zu unwegsam für den Rollstuhl. Erneut trugen die Freunde und Brüder ihn stundenlang immer abwechselnd. Wenn einer nicht mehr konnte, übernahm der Nächste. Abdullah lächelt zum ersten Mal, „ich bin stolz darauf, Freunde wie sie zu haben.“

Kroatien, Slowenien, Österreich, die deutsche Grenze. Elf Tage dauerte die qualvolle Reise. Kälte, Hunger und Angst waren ihre ständigen Begleiter.

Nicht barrierefrei: Die Flüchtlingsunterkunft in Halle/Saale, in der die Familie Zaror untergebracht ist.

Ungewisses Warten

Nach Monaten in Erstaufnahmelagern und Gemeinschaftsunterkünften lebt Abdullah nun seit zwei Wochen mit seiner Familie im sechsten Stock eines älteren Plattenbaus in Halle an der Saale. Ohne Hilfe ist für Abdullah die Treppe, die ins Haus führt, unüberwindbar. Der schmächtige junge Mann sitzt auf seinem Bett und zieht an einer Zigarette. Die Erinnerungen wühlen ihn auf, dazu kommen die Schmerzen, die ihn seit Jahren begleiten. Zwar hat ihm der Arzt ein Rezept für Schmerzmittel mitgegeben, doch das Medikament können sie sich ebenso wenig leisten wie die dringend benötigte Physiotherapie. „Ich dachte, ich könnte hier direkt arbeiten und Geld verdienen“, sagt der Vater, der vor drei Monaten mit der Mutter die gleiche gefährliche Reise auf sich nahm wie seine Söhne zuvor. Doch seit Wochen sitzt die Familie in kahlen Räumen und wartet auf Bescheide, in denen sie offiziell als Flüchtlinge anerkannt werden. Bislang vergebens.

Das alles wäre verkraftbar, wenn es Abdullah besser ginge, die Aussicht auf eine Operation bestünde. Doch bislang ist sein Zustand unverändert. „Im Krankenhaus haben sie meinen Sohn gerade mal zehn Minuten untersucht, danach sagte uns der Arzt, dass Abdullah niemals wieder gehen wird.“

Die Hoffnung aufgeben, wollen sie dennoch nicht. Ein anderer Arzt stellt vielleicht eine andere Diagnose, sagt der Vater. Doch die Enttäuschung über das Land ihrer Träume ist groß. Auf die Bedürfnisse ihres Sohnes nehme niemand Rücksicht, nicht mal eine behindertengerechte Wohnung hätten sie, jeder Toilettengang sei ein Kraftakt. Wenn er wenigstens Geld verdienen könne, um die Situation zu verbessern, klagt der Vater. Doch momentan können sie nur abwarten und hoffen. „Wir sind nicht als Touristen hier, sondern nur wegen Abdullah. Sobald er wieder gesund ist, fahren wir heim.“


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