Eine Familie für Hamse

Über 50.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben zurzeit in Deutschland, die meisten in Wohngruppen oder Heimen. Doch eine wachsende Zahl möchte in einer Familie leben. In Hamburg bereitet der Pflegekinder-Fachdienst PFIFF zukünftige Pflegeeltern auf diese Aufgabe vor.

Katja und Klaus Weber-Hadaschik mit ihrem Pflegesohn Hamse aus Somalia. Seit einigen Monaten ist der 17-jährige Flüchtling, der ohne Angehörige nach Deutschland kam, bei der Familie in Hamburg zuhause.

Text: Michaela Ludwig
Fotos: Isadora Tast

Hamse reguliert die Temperatur des Herds. Dann rührt er in dem Eintopf aus klein gewürfeltem Hähnchenfleisch, Zwiebeln und Kartoffeln. Seine Pflegemutter Katja Weber-Hadaschik reicht ihm eine Dose mit geschälten Tomaten. „Hamse ist ein guter Koch“, sagt sie schmunzelnd. „Wir essen jetzt regelmäßig somalisch. Manchmal sogar mit den Händen.“ Der 17-Jährige grinst sie an und erzählt: „Ich habe in einem Restaurant gearbeitet. Da habe ich alles gelernt.“ Das war in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, einer von unzähligen Stationen auf seiner drei Jahre dauernden Flucht von Somalia nach Hamburg.

Seit Hamse bei den Weber-Hadaschiks wohnt, wird neuerdings auch mal somalisch gekocht.

50.000 minderjährige Flüchtlinge

Hamse M. ist einer von über 50.000 Kindern und Jugendlichen, die nach Angaben des Statistischen Bundesamts in den Jahren 2014 und 2015 ohne Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Die meisten wurden von ihren Familien auf den Weg geschickt, um ihr Leben zu retten oder schlicht in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Andere haben ihre Angehörigen auf der Flucht verloren. Nach ihrer Ankunft in Deutschland ist das Jugendamt für die minderjährigen Flüchtlinge zuständig und bringt sie in der Regel in Wohngruppen oder Heimen unter. Doch es kommen zunehmend mehr Jugendliche, die durch das Erlebte stark verunsichert oder traumatisiert sind. Sie brauchen eine persönlichere Betreuung. „Früher gab es meist keine Pflegefamilien, die für die Aufnahme von geflüchteten Jugendlichen in Frage kamen“, berichtet Anja Hense vom Pflegekinder-Fachdienst PFIFF in Hamburg, „denn die Bewerber waren in der Regel darauf ausgerichtet, kleine Kinder bei sich aufzunehmen und nicht mit der besonderen Lebenssituation von geflüchteten Menschen vertraut.“

Unterstützt von der Aktion Mensch hat der Fachdienst in den vergangenen zwei Jahren eine Struktur aufgebaut, um interessierte Pflegefamilien auf diese Aufgabe vorzubereiten und über die Vermittlung hinaus langfristig zu begleiten. „Für diejenigen Kinder und Jugendlichen, die sich konstante Bezugspersonen und ein familiäres Leben wünschen, kann die Unterbringung in einer Pflegefamilie ein sehr guter Weg sein, um sich psychisch zu stabilisieren und eine Zukunftsperspektive aufzubauen“, sagt Anja Hense. Bisher hat sie neun Kinder in acht Pflegefamilien vermittelt. Sechs weitere Familien befinden sich in der Vorbereitung.

Für das Ehepaar Katja und Klaus Weber-Hadaschik passt solch ein Pflegeverhältnis perfekt in ihre gegenwärtige Lebensphase: Die Vertriebsmitarbeiterin und der Geschäftsführer einer städtischen Immobilienvermittlung sind erfahrene Patchwork-Eltern, deren jeweils zwei Söhne gerade das verwinkelte Haus in Hamburgs Westen verlassen. „Wir konnten uns schon länger vorstellen, ein Pflegekind aufzunehmen“, erzählt Katja Weber-Hadaschik. „Aber es sollte nicht zu klein sein, weil wir uns nicht so viele Jahre binden möchten.“

Über ein Jahr dauerte die Vorbereitung. Die Weber-Hadaschiks besuchten Informationsabende und Seminare über Dauerpflege, die Lebenssituation von geflüchteten Kindern und Jugendlichen, über interkulturelle Kommunikation. Sie lernten, wie sie mit ihrem zukünftigen Pflegekind über dessen Biografie sprechen können, welche Spuren Flucht und Traumatisierung bei einem jungen Menschen hinterlassen und bereiteten sich auf den Umgang mit Rassismus und Diskriminierung vor. Beide mussten ärztliche Gutachten über ihren Gesundheitszustand, erweiterte Führungszeugnisse und Einkommensnachweise vorlegen. „Das war eine herausfordernde Zeit“, sagt Katja Weber-Hadaschik. „Wir standen immer wieder vor der Frage, ob wir es wirklich wollen.“

Wenn Hamse nicht zum Fußballtraining geht, lernt er mit seinen Pflegeeltern. "Ich möchte die Schule schaffen", sagt er.

Die Chemie stimmt

Vor vier Monaten, parallel zur Anerkennung als Pflegeeltern, kam der Anruf von Anja Hense. Sie wollte ihnen einen Jugendlichen vorstellen, der in einer Familie leben möchte: Hamse. Beim ersten Treffen wurde der Jugendliche von Vormund und Dolmetscher begleitet. Auf Deutsch und Somali kamen sie schnell ins Gespräch und es wurde viel gelacht. „Ich hatte das Gefühl, dass er zu uns passt“, erinnert sich Klaus Hadaschik. „Hamse hat einen guten Sinn für Humor, das hat sich schnell gezeigt.“ – Eine unverzichtbare Voraussetzung im Hause Weber-Hadaschik, in dem viel geflachst wird. Es gab weitere Treffen und ein gemeinsames Wochenende an der Nordsee. Dann stand die Entscheidung für die Weber-Hadaschiks wie auch für Hamse fest.

Nach den zwei Jahren in großen Jugendeinrichtungen genießt der 17-Jährige die Ruhe und Rückzugsmöglichkeit im eigenen Zimmer. Mittlerweile zieht der Alltag wieder im Hause Weber-Hadaschik ein: „Wie bei unseren Kindern erleben wir, dass Hamse ungern aufsteht, aber gerne und viel unterwegs ist“, erzählt Klaus Weber-Hadaschik. „Das gehört für uns zum Tagesgeschäft.“ Langsam beginnt sich das neue Familienmitglied zu öffnen und erzählt von seinen Erlebnissen, ohne dass die Weber-Hadaschiks ihn dazu drängen. Es ist schwer, so der Pflegevater, sich in die Lage des Jugendlichen zu versetzen, der seine Familie so schmerzhaft vermisst. 

Über das Tagesgeschäft hinaus geht auch die Begleitung von Hamses Schulbesuch. Sein Leben in dem somalischen Dorf bestand aus „Fußball und Koranschule“, bringt er es selbst auf den Punkt. Schreiben und Rechnen hat er nicht gelernt. Aufgrund seines Alters wurde er einer berufsvorbereitenden Schule zugeteilt. In diesem Sommer soll er nach zwei Jahren einen Schulabschluss machen und danach eine Ausbildung beginnen. So sieht es der staatliche Integrationsfahrplan vor, der für Jugendliche wie Hamse kaum einzuhalten ist. „Wir sind im engen Austausch mit der Schule und kämpfen darum, dass er ein Jahr dranhängen kann“, erzählt Klaus Hadaschik. Wenn Hamse nicht zum Fußballtraining geht, verbringt er seine Nachmittage an dem langen Wohnzimmertisch der Familie und paukt mit den Pflegeeltern Deutsch, Mathematik und Englisch. „Es ist ein gewaltiger Kraftakt“, sagt Klaus Hadaschik. Und Hamse bekräftigt: „Ich möchte die Schule schaffen.“

Schulbesuch und Abschluss sind für die meisten älteren Jugendlichen und ihre Pflegeeltern eine große Bürde. Problematisch ist auch der Umgang mit Traumatisierung. Deshalb und weil es im Alltag noch viele andere Probleme geben kann, brauchen Pflegeeltern eine dauerhafte Begleitung. „Die Pflegeelternberatung für diese Zielgruppe ist aber schlecht finanziert“, sagt Anja Hense. „Dabei brauchen insbesondere junge Flüchtlinge und ihre Pflegefamilien eine intensive Begleitung.“ Austausch und gegenseitige Unterstützung verspricht sie sich von regelmäßigen Pflegeeltern-Treffen, die sie seit Kurzem organisiert.

Eine ernsthaftere Auseinandersetzung hatten Hamse und seine Pflegeeltern bisher nicht. „Dafür ist er zu neu bei uns“, sagt Klaus Hadaschik. Hamse ist froh über die praktische, aber auch emotionale Unterstützung durch die Pflegeeltern. Er ist zwar in Hamburg angekommen, aber die vielen Unsicherheiten beunruhigen zutiefst. Was ist mit seinen Eltern passiert, die er auf der Flucht verloren hat? Und wird er in Hamburg bleiben dürfen? Sein Asylantrag ist seit einem Jahr unbeantwortet. Gerade heute Morgen habe Hamse sie wieder gefragt: „Mama, wann habe ich mein Interview?“, erzählt Katja Weber-Hadaschik. Wann das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihren Pflegesohn zur Anhörung seines Asylantrags einladen wird, weiß sie nicht. Und viel versprechen kann sie Hamse auch nicht. „Aber wir stehen hinter ihm, wenn er uns braucht.“ Ein guter Anwalt ist längst betraut.


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