Kamera läuft!

Der Bremer Filmemacher Eike Besuden realisiert mit „All Inclusive“ seinen zweiten inklusiven Spielfilm. Ein Blick hinter die Kulissen eines besonderen TV-Projekts.
 

Text: Paula Schumacher
Fotos: Stefan Koch

 Mit quietschenden Bremsen kommt die Straßenbahn zum Stehen – mitten auf einer Kreuzung im Stadtzentrum von Bremen. Der Grund: Ein schwarzer Sportwagen steht quer auf den Gleisen, darin ein lauthals streitendes Paar. Neugierige Passanten bleiben stehen und beobachten die Szene. „Was ist denn hier los?“, fragt eine junge Frau in der Menge verblüfft. Ihr Erstaunen gilt weniger dem streitenden Paar als den Kameras, Mikrofonen und Lichtmasten, die rundherum aufgebaut sind. Der Beinaheunfall ist nur gespielt; die Szene ist Teil eines Films, der nächstes Frühjahr im Fernsehen laufen wird.

Selbstbewusst: Hauptdarsteller Kevin Alamsyah steht zum ersten Mal vor der Kamera.

All inclusive“ lautet der Titel des Spielfilms, an dem Filmemacher Eike Besuden und sein Team gerade arbeiten. Der Name ist Programm, gleich in zweifacher Hinsicht. Erstens erzählt der Film die Geschichte eines jungen Mannes mit geistiger Behinderung, der überraschend ein Hotel erbt. Das provoziert Fragen. Kann er die Position des Managers übernehmen? Will er das überhaupt? Und wie reagieren die Angestellten? Außerdem spielt der Titel auf das Konzept an, das hinter der Produktion steht: Sowohl vor als auch hinter der Kamera agiert ein bunt gemischtes Team aus Profis und Laien, aus Menschen mit und ohne Behinderung, darunter Kameraleute, Produktionsassistenten, Make-up-Artists, Techniker, Tonspezialisten und Schauspieler.

Entspannte Stimmung am Set

In der Rolle des jungen Hotelerben Ricky ist Kevin Alamsyah zu sehen. Der 27-Jährige steht zum ersten Mal vor der Kamera. Wie Ricky hat auch er eine kognitive Einschränkung. Souverän agiert er an der Seite von Profis wie Dominique Horwitz, Doris Kunstmann und Anna Jäger. „Wenn manchmal etwas schiefgeht, darf man sich dadurch nicht verunsichern lassen und muss es einfach durchziehen, das kenne ich schon vom Theater“, sagt Kevin Alamsyah entspannt. Die Filmrolle hat ihm die Blaue Karawane vermittelt. Der Verein setzt sich mittels kreativer kultureller Projekte für die Integration behinderter, psychisch kranker oder auch langzeitarbeitsloser Menschen ein. Er wird unter anderem von der Aktion Mensch unterstützt. „All Inclusive“ ist eine Gemeinschaftsproduktion der Blauen Karawane e. V. mit der Pinguin Studios Eike Besuden Filmproduktion GmbH.

Technikprobe: Eike Besuden (rechts) checkt die Kameraeinstellung für die nächste Szene.

Bunt gemischtes Team

Für Filmemacher Eike Besuden ist ein Dreh mit bunt gemischter Mannschaft keine Premiere. 2002 landete er mit seinem ersten inklusiven Spielfilm „Verrückt nach Paris“ einen Kinoerfolg. „Bei einem solchen Projekt muss man anders planen als bei einem herkömmlichen Film mit lauter Profis“, erzählt er. So gab es bei „All inclusive“ schon drei Wochen vor dem eigentlichen Drehbeginn einen Testlauf, bei dem sich alle Beteiligten kennenlernten und die Geschichte feingeschliffen wurde. „Wir haben ausprobiert, wer für welche Rolle geeignet ist und das Buch an die Schauspieler angepasst“, schildert Eike Besuden. „Alle haben ihre eigenen Ideen eingebracht, sodass jetzt jede Rolle maßgeschneidert für ihren Darsteller ist.“

Dass sich alle schon kennen, zahlt sich aus: Die Atmosphäre am Set ist entspannt, alle sind bester Stimmung und arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Das schätzen auch die Schauspielprofis im Team. „Hier zählt die Qualität und nicht die Beeinträchtigung“, sagt Anna Jäger. „Es wird geschaut: Wie viel geht? und nicht: Wie viel geht nicht?“ Dominique Horwitz war schon bei „Verrückt nach Paris“ mit dabei und engagiert sich seitdem für Menschen mit Rett-Syndrom. Für die neue Rolle hat er sofort zugesagt.


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