Goodbye, Werkstatt

In Großbritannien wurden 2013 die letzten Werkstätten für Menschen mit Behinderung geschlossen. Welche Hintergründe und Folgen hat dieser Schritt?
 

Murdo MacLeod/Polaris/laif , MENSCHEN. das magazin

Remploy ist die britische Arbeitsvermittlung für Menschen mit Behinderung. Bis 2013 unterhielt sie auch die Werkstätten auf der Insel.

Text Eva Keller

Eine sensationelle Nachricht war es, die da vor einigen Monaten aus Großbritannien nach Deutschland drang: Das Land hat seine Werkstätten abgeschafft, allesamt und endgültig. Menschen mit Behinderung sollen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ihren Platz finden. Haben die Briten die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt also schon erreicht – im Gegensatz zu Deutschland, wo die Werkstätten für Menschen mit Behinderung zwar viel Kritik abbekommen, sich aber wacker halten? Jein, denn weniger als die Hälfte der ehemaligen Werkstätten-Mitarbeiter haben wieder einen Job – und außerdem handelte die britische Regierung bei der Auflösung zumindest anfänglich eher aus finanziellen Gründen.

Mit umgerechnet 30.000 Euro pro Jahr subventionierte die Regierung jeden Arbeitsplatz in einer Werkstatt, die auf der Insel „Factories“ hießen. Das war nicht nur der Regierung zu viel, zumal die meisten Werkstätten wirtschaftliche Verluste einfuhren. Auch die Behindertenorganisationen hielten die Summen für absurd. „Das Geld sollte besser zu den Menschen fließen, nicht an eine Institution“, forderte Liz Sayce, Chefin der Behindertenrechtsorganisation Disability Rights UK. In einem Bericht an die Regierung im Jahr 2011 hatte sie die ausgegliederten Arbeitsplätze in den Werkstätten kritisiert und ihre Schließung empfohlen. Allerdings waren die Factories in Großbritannien nur bedingt mit den Werkstätten in Deutschland zu vergleichen. Das betrifft zum einen die Anzahl der Beschäftigten: Selbst zu Hochzeiten Ende der 1980er-Jahre hatten gerade mal 10.000 Menschen in insgesamt etwa 80 Factories gearbeitet. In Deutschland sind mehr als 300.000 Menschen in 685 Werkstätten beschäftigt. Auch die Zielgruppe der Werkstätten war eine andere: Vom britischen Arbeitsministerium finanziert, baute das staatliche Unternehmen Remploy (kurz für Rehabilitation & Employment) ab 1944 die Factories auf, um Kriegsinvaliden einen geschützten Arbeitsplatz zu geben. Ursprünglich sollten sie nach und nach wieder in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden. Doch diese Idee verlor sich im Laufe der Zeit, und so blieben viele bis zu ihrer Rente in den Werkstätten. Später öffneten sich die Werkstätten auch für andere Personen mit körperlichen Einschränkungen; Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Problemen blieben die Ausnahme. Für diese wurden Day Care Center eingerichtet, die mit den deutschen Tagesförderstätten vergleichbar sind.

Jenny Matthews/In Pictures/Corbis , MENSCHEN. das magazin

Proteste – die endgültige Schließlung aller Werkstätten war in Großbritannien im Vorfeld sehr umstritten. Vielerorts gab es Demonstrationen gegen diese Maßnahme.

Keine Zukunft für die Factories

Der „Sayce-Bericht“ mit seinem Plädoyer für eine inklusive Arbeitswelt legitimierte und beschleunigte einen Prozess, den die britische Regierung bereits drei Jahre zuvor aus besagten finanziellen Gründen angeschoben hatte, als sie im Jahr 2008 die ersten 29 Remploy-Werkstätten hatte schließen lassen. Die übrigen erhielten eine Finanzspritze und sollten fortan straff geführt werden. Doch dann geriet die Wirtschaft in eine Rezession, zudem waren die Werkstätten stark von Aufträgen aus der Textil- und Möbelbranche abhängig, die aber zunehmend in China und Indien fertigen ließen. Die Factories waren nicht ausgelastet, mancherorts saßen die Mitarbeiter tagelang nur herum. In der Konsequenz ließ die Regierung im Jahr 2012 weitere 36 Werkstätten schließen. Im Oktober 2013 stellten die letzten Factories ihren Betrieb ein, nur einige wenige wurden verkauft oder von ehemaligen Remploy-Mitarbeitern selbst übernommen.

Doch was ist aus den Mitarbeitern geworden? Die Statistiken zu Beschäftigung und Arbeitslosigkeit sind undurchsichtig. Bekannt ist nur, dass von den 1.890 Personen, die ab 2012 entlassen wurden, 774 eine Stelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gefunden haben. 382 haben den direkten Weg in die Rente gewählt, 734 leben von Sozialleistungen. Trotzdem verteidigen auch Behindertenorganisationen die Schließung. „Ich war und bin der festen Überzeugung, dass es die richtige Entscheidung war“, sagt Mike Adams, Geschäftsführer der Selbsthilfeorganisation Essex Coalition of Disabled People (ECDP). Natürlich könne man diskutieren, ob die Regierung sich genug bemühe, Menschen mit Behinderung in Arbeit zu bringen, so Adams. „Und ja, es gibt Menschen, die nach der Schließung der Werkstätten keinen passenden Job gefunden haben. Aber ich sage auch: Wir müssen diesen Weg gehen.“

Gut begleitet auf den ersten Arbeitsmarkt

Darüber wurde in der britischen Gesellschaft in den vergangenen Jahren heftig diskutiert – schließlich galten die Factories einst als eine große Errungenschaft des britischen Sozialsystems. Unbestritten waren sie für viele Menschen ein Ort, an dem sie sich wohlfühlten und eigenes Geld verdienen konnten. Mehr als hierzulande übrigens: Während deutsche Mitarbeiter der Werkstätten im Durchschnitt auf etwa 160 Euro im Monat kommen – bei 21 Arbeitstagen im Monat macht das acht Euro pro Tag –, wurden die Remploy-Mitarbeiter als Angestellte eines Staatsunternehmens nach Tarif bezahlt, erhielten also mindestens den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet etwa sieben Euro pro Stunde. Kein Wunder, dass viele Mitarbeiter Sorge hatten, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keinen Job zu bekommen.

Den Gegnern des Systems reichte das nicht als Argument für dessen Aufrechterhaltung, zumal „die Einschränkungen der meisten Beschäftigten so geringfügig waren, dass es gar keinen Grund gab, sie in den Fabriken zu halten“, so Mike Adams von ECDP. Dazu kommt, dass die Remploy-Werkstätten ohnehin nur noch eine kleine Zahl der Menschen mit Behinderung versorgten. Über staatliche Arbeitsmarktprogramme wie „Access to Work“ und dank der Unterstützung privater Stiftungen kommen bereits seit einigen Jahren weitaus mehr von ihnen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in Lohn und Brot – auch Menschen mit (leichten) Lernbehinderungen oder psychischen Problemen. Modelle zur unterstützten Beschäftigung und Arbeitsassistenzen helfen dabei.

Remploy, MENSCHEN. das magazin

Tony Richards aus Swansea arbeitete 36 Jahre lang in einer Werkstatt. Nach deren Schließung fand er mit Unterstützung von Remploy eine Stelle in der Wäscherei eines Seniorenheims.

Remploy selbst hatte – neben dem Betrieb der Factories – bereits Ende der 1980er-Jahre eine Arbeitsvermittlung für Menschen mit Behinderung gegründet. Damit reagierte das Unternehmen damals auf die Forderung der Behindertenverbände: weg vom Leistungsempfänger, hin zu einer Teilhabe an der Gesellschaft. „Früher ging es uns in erster Linie darum, die Menschen abzusichern. In den 80er-Jahren fingen wir an, nach Jobs Ausschau zu halten, die zu den Menschen passen und die sie machen möchten“, erläutert Remploy-Sprecher Chris Randall. Seit 1989 kümmert sich die Remploy Employment Services (RES) um Menschen mit Behinderung innerhalb und außerhalb der Werkstätten.

Der britischen Tageszeitung „The Guardian“ zufolge hat RES seit 2009 rund 50.000 „behinderte und benachteiligte Menschen“ in Arbeit gebracht. So werden Soldaten, die versehrt aus dem Irak oder Afghanistan heimkehren, in den Sicherheitsdienst vermittelt. Für andere gibt es Arbeit in der Gastronomie oder der Reinigungsbranche, in Supermärkten, bei Lieferdiensten oder der Post. Wer sich selbstständig machen möchte, wird von RES beim Aufbau eines eigenen Unternehmens unterstützt – auch Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Problemen. Für ehemalige Remploy-Beschäftigte hat die Regierung 2012 insgesamt acht Millionen Pfund Sterling, etwa 10,7 Millionen Euro, bereitgestellt. Eine Schar von Case-Managern begleitete sie 18 Monate lang, über die Vermittlung in einen Job hinaus auch am Arbeitsplatz. Schließlich lautete der Titel des „Sayce-Berichts“: „Getting in, staying in, getting on“, zu Deutsch: reinkommen, drinbleiben, weiterkommen. Ob dieses Ziel erreicht wurde und wird, lässt sich (noch) nicht sagen. Zahlen sind, wie erwähnt, rar. Fest steht nur: „Wir müssen noch an den Arbeitgebern arbeiten“, da sind sich Behindertenaktivist Mike Adams und Remploy-Sprecher Chris Randall einig. Auch habe sich noch nicht herumgesprochen, welche Unterstützung etwa das Programm „Access to Work“ ermöglicht. Und noch wüssten zu wenige, was Menschen mit Behinderung leisten könnten. Manchmal wissen die es nicht einmal selbst ...

Die britische Regierung und die Behindertenorganisationen Großbritanniens aber wollen nicht warten, bis alle Beteiligten reif für den Wandel sind. Sie haben sich entschieden, ihn durch die Schließung der Werkstätten voranzutreiben.


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