Dilemma Dankbarkeit

Menschen mit Behinderung sind dankbarer als andere – und haben das auch zu sein. Diese Haltung teilen selbst heute noch viele. „Schluss damit!“, fordert Udo Sierck.
 

Der Publizist und Dozent der  Evangelischen Hochschule Darmstadt ist seit 40 Jahren in der politischen Behindertenbewegung aktiv.

Nadine Magner, MENSCHEN. das magazin

Die ersten Worte, die ich als kleines Kind lernte, waren Mama und Papa (oder ähnliche Laute). Danach folgten schon bitte und danke. Letztere wurden im Laufe der Jahre sogar zu Zauberwörtern erklärt, ohne deren Verwendung kleine Handreichungen, Hilfestellungen oder Geschenke nur unwillig verteilt wurden. In der Sonderschule bekam ich zu hören: Wer behindert ist, sollte sich adrett kleiden und sich formvollendet bedanken können. Es ist sicher kein Zufall, dass die traditionellen Gesten der Dankbarkeit bedeuten, sich kleinmachen zu müssen: Das Mädchen macht einen Knicks und geht in die Knie, der Junge macht einen Diener und beugt den Kopf.

Dankbarkeit ist eine ambivalente Sache

Als ich vor vierzig Jahren begann, mich behindertenpolitisch zu engagieren, hatten behinderte Menschen die Rolle des demütigen Dulders zu spielen. Dieses eingeübte Verhaltensmuster spiegelte gesellschaftlich verbreitete Ansichten wider: Nach Umfrageergebnissen aus den 70er- und ­80er-Jahren war Dankbarkeit für 45 Prozent der Befragten eine Eigenschaft, die behinderte Menschen charakterisieren würde. Diese Überzeugung von der eigenen Überlegenheit führte dazu, dass behinderte Frauen und Männer ohne Weiteres gönnerhaft berührt und befragt wurden oder kommentarlos Geldstücke in die Hand gedrückt bekamen. Etliche waren sogar froh über diese Gesten, weil sie sich wahrgenommen fühlten. Diese Rollenzuweisung funktionierte so gut, dass sich für jede behinderte Person, die für ihr Rechte demonstrierte, zehn andere fanden, die sich dafür entschuldigten. Ich verstand langsam: Dankbarkeit kann auch ein Verhältnis von oben und unten, von Abhängigkeiten und Machtkonstellationen widerspiegeln. Dankbarkeit ist eine ambivalente Einstellung. Erst viel später fand ich eine Anmerkung von Goethe, der erkannt hatte: Dankbarkeit kann ein Band, aber auch eine Fessel sein. Radikaler hatte es bereits Aristoteles formuliert: Dieser betrachtete Dankbarkeit als Schwäche, die mit der Größe einer Seele nicht zu vereinbaren und deshalb auch keine Tugend sei. Denn wahrhaft großzügige Menschen seien selbstgenügsam und lehnten gegenseitige Verpflichtungen ab.

Von einem solchen Ideal kann auch in Zeiten der angestrebten Inklusion noch keine Rede sein. Regelmäßig lese ich verwundert Berichte über inklusive (Freizeit-)Projekte, in denen die freudestrahlenden Gesichter behinderter Menschen, aus deren leuchtenden Augen unendliche Dankbarkeit für dieses Erlebnis funkelt, im Mittelpunkt der Beiträge stehen. Das diese überschwängliche Gefühlsregung Ausdruck der sonstigen Vernachlässigung ist, hat sich noch nicht herumgesprochen. In diesem Sinne preist eine Arbeitsagentur behinderte Personen als zuverlässige Beschäftigte an, denn sie seien loyal und dankbar. Im aktuellen Nachschlagewerk „The International Encyclopedia of Ethics“ steht, dass Dankbarkeit der innere Gradmesser des Herzens ist, der ausschlägt, wenn wir mehr bekommen, als wir im Austausch zurückgeben. Sollten demnach Personen, die auf regelmäßige Unterstützung angewiesen sind, auch permanent Dankbarkeit empfinden? Wohl kaum. Denn muss ich dankbar sein, wenn mir jemand ungebeten seine Hilfe aufdrängt? Sicher nicht. Muss ich dankbar sein, wenn jemand meine Frage nach Unterstützung mit einem unkomplizierten Ja beantwortet? Sicher nicht. Aber ich kann mich darüber freuen, wenn die notwendige Assistenz als ein ziemlich selbstverständlicher Akt geschieht. Das Danke als ehrliche Geste ohne Anflug von Unterwerfung wird dann zur sympathischen Reaktion zwischen Personen, die sich auf gleicher Ebene begegnen.


Weitere Artikel

Die kunterbunte Schule

Künstler mit Behinderung helfen Hamburger Grundschülern dabei, ihre Kreativität zu entdecken und auszuleben. So fördern sie Inklusion im ganzen Stadtteil.

zu den Schlumpern
Ein Spiegel der Welt

Die Schauspieler Jana Zöll und Samuel Koch gehören zum Ensemble des Staatstheaters Darmstadt. Dass sie im Rollstuhl sitzen, spielt hier keine große Rolle.

Blick hinter die Kulissen
Experten am Start

Das Kieler Projekt Inklusive Bildung bildet Menschen mit Behinderung zu Lehrkräften aus. Sie vermitteln, wie Inklusion funktionieren kann.

Inklusive Bildung

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?