Dialog im Stillen

Ein kahler Raum, weiß und schallisoliert, es riecht frisch renoviert. Gemeinsam mit neun anderen Männern, Frauen und Kindern verschiedenen Alters stehe ich etwas unschlüssig in einer Ecke. Lina Fink hat uns hier herein geführt, eine freundliche junge Frau mit strahlenden Augen. Sie ist eine der Führerinnen durch die Ausstellung „Dialog im Stillen“, die gerade in der Hamburger Speicherstadt eröffnet hat.

Die Leiterin der Ausstellung, Ronya Meyendorf, selbst gehörlos, begrüßt die Gäste der Ausstellung "Dialog im Dunkel".

Text: Thomas Röbke
Fotos: Odile Hain

Wir Besucher wollen eine Stunde lang erleben, wie es ist, ohne Hörsinn zu kommunizieren und sich zu orientieren.

Lina Fink freut sich über unsere ratlosen Blicke. Sie lacht uns aufmunternd an und weist wortlos und mit aufmunterndem Nicken auf eine Garderobenstange an der Wand gegenüber. Dort hängen Gehörschützer, wie sie Bauarbeiter tragen, wenn sie mit Pressluft hämmern. Die Kapseln umschließen meine Ohren, ich bin jetzt beinahe genauso gehörlos wie Lina. Die verstärkt nun pantomimisch die Botschaften der Piktogramme auf der Wand gegenüber: nicht sprechen, nicht rennen, nicht fotografieren… Durch eine Tür gehen wir hinüber in den nächsten Raum.

Dass der „Dialog im Stillen“ im gleichen Gebäude untergebracht ist wie der „Dialog im Dunkeln“, ist kein Zufall. Andreas Heinecke ist der Kopf hinter beiden Veranstaltungen. Seit 14 Jahren führt er den „Dialog im Dunkeln“ an dieser Stelle und noch immer wollen jedes Jahr mehr als 90.000 Besucher erfahren, wie es sich anfühlt, sich ohne Augenlicht zu orientieren. Insgesamt dauert die Erfolgsgeschichte des „Dialogs im Dunkeln“ bereits 25 Jahre an, in denen mehr als acht Millionen Menschen in 37 Ländern und 170 Städten in die Welt blinder Menschen eingetaucht sind. Rund 8000 sehbehinderte oder blinde Menschen haben dadurch einen Arbeitsplatz gefunden. Beim „Dialog im Stillen“ in Hamburg sind es bisher acht gehörlose Menschen. Lina Fink, ausgebildet in Sozialpädagogischer Assistenz, ist eine von ihnen.

Der Autor des Beitrags beim Üben einer Geste.

„Tanz der Hände“ steht am Eingang zum zweiten Raum, in den sie uns führt. Auch er ist weiß und kahl, doch in der Mitte steht ein runder Leuchttisch, um den herum wir uns aufstellen. Nach Linas Anleitung bilden wir Zeichen und Figuren mit den Fingern. Verblüfft stelle ich fest, dass meine Finger noch zu weitaus mehr Drehungen, Wendungen und Verknüpfungen imstande sind, als ich ihnen im Alltag abverlange. Lina applaudiert uns und nickt anerkennend. Dann weist sie auf die Tür zum nächsten Raum.

Das Konzept von „Dialog im Stillen“ entwarf Andreas Heinecke bereits 1997. Als mobile Ausstellung war es beispielsweise in Frankfurt/Main, Paris, Genf und Mexiko City zu sehen – und als Dauerausstellung seit 2007 im israelischen Holon. Die erste Dauerausstellung in Deutschland ist nun die in Hamburg. Sie braucht 30.000 bis 40.000 Besucher im Jahr, um sich zu tragen.

Nächste Aufgabe: Mach ein Gesicht wie Oliver Kahn.

Wieder stehen wir im Kreis, denn so sind die höhenverstellbaren metallischen „Bilderrahmen“ im Raum angeordnet. Jeder steckt den Kopf in einen der Rahmen. Lina Fink projiziert Dias auf den Boden zwischen uns und ermuntert uns, die gezeigten Gesichtsausdrucke – von Marilyn Monroe bis Oliver Kahn – nachzumachen. Lina amüsiert sich königlich.

Mimik ist ein Aspekt, den wir Hörenden im Alltag völlig vernachlässigen, sondern höchstens unbewusst wahrnehmen. Viele gehörlose Menschen wundern sich, warum die Menschen aus der hörenden Welt mit so versteinerten Mienen durch den Alltag trotten. Mimik zu deuten sei eine der besonderen Kompetenzen gehörloser Menschen, hatte Ulrich Hase, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten bei der Pressekonferenz gesagt: „Wenn meine Mimik und das, was ich sage, nicht zusammenpassen, wird das ein Gehörloser schnell erkennen.“ Und Rona Meyendorf, Leiterin der Ausstellung und selbst gehörlos, erzählt später, dass mittelfristig auch Workshops angeboten werden sollen, bei denen hörende Schauspieler von gehörlosen Menschen lernen, ihre Mimik zu verbessern. Ich nehme mir vor, künftig besser auf meine Mimik zu achten – egal ob gegenüber hörenden oder gehörlosen Menschen…

Gebärdenzeichenraten für Hörende

Eine Wand mit Bildtafeln erwartet uns im nächsten Raum, Lina Fink startet das „Spiel der Zeichen“. Wir bilden einige der abgebildeten Handgebärden nach, dann teilt sie uns in zwei Gruppen und wir sollen in einem Quiz erraten, welcher auf einer Fotokarte abgebildete Körperteil zu welcher Gebärde gehört. Ich merke, dass ich mich extrem konzentrieren muss – jetzt noch etwas notieren? Daran ist gar nicht zu denken…

„Die Besucher sollen die Kompetenzen gehörloser Menschen selbst erfahren und ihnen so Wertschätzung entgegenbringen“, sagt Andreas Heinecke, Gründer und Geschäftsführer von „Dialog im Stillen“. Dazu sei ein Perspektivwechsel notwendig und der gelinge nur auf Augenhöhe.

Ich komme mir gerade wahnsinnig begriffsstutzig vor. Mit den anderen aus meiner Gruppe stehe ich an einem von drei Bistro-Tischen im „Forum der Figuren“. Auf jedem Tisch steht eine Kunststoffbox mit Bauklötzchen und Playmobil-Figuren. Die Boxen werden so aufgestellt, dass Sichtbarrieren entstehen. Nun versuchen die Menschen auf der einen Seite der Barriere, den anderen anhand eines Fotos eine Szene zu beschreiben, die sie nachbauen sollen. Nur mit Mimik und Gestik.

Welche Fiurgen hier zu sehen sind, darf nur mit Mimik und Gesten beschrieben werden.

Zum Glück ist nur genau das Material in den Kisten, das auch verbaut werden soll. Aber wie bekomme ich im Wettlauf gegen die Zeit da bloß eine Struktur rein? Wieder erreichen mich von meinem Gegenüber fragende Blicke im Dutzend und eine gerunzelte Stirn. Ich registriere, dass der junge Mann am Nebentisch seine Jacke auszieht. Ich bin also nicht der einzige, der gerade mächtig ins Schwitzen kommt.

Nach der Präsentation der doch ganz passablen Ergebnisse bildet ein Stuhlkreis den Abschluss. Wir dürfen die Ohrschützer wieder abnehmen. Eine Gebärdendolmetscherin ist hinzugekommen. Wir dürfen Lina Fink alles fragen, was wir wollen. Wie viele Gebärdensprachen gibt es weltweit? (160) Wie lange braucht man, um eine Gebärdensprache zu lernen? (drei Monate oder auch viel länger) War Lina immer schon gehörlos? (aus unbekanntem Grund verlor sie ihr Gehör im Alter von einem Jahr) Wie viel lässt sich von den Lippen ablesen? (maximal 30 Prozent) …

Lina bedankt sich für unsere Aufmerksamkeit, wir danken ihr dafür, dass sie uns in ihre Welt mitgenommen hat. „Die schwierigste Aufgabe ist, die Führerinnen und Führer für die Runde im Dialograum so zu trainieren, dass sie nicht zu knapp antworten“, erzählt Rona Meyendorf, „denn hörende und nicht hörende Menschen leben in Parallelwelten.“ Und eine Sprache ohne Laute ist keineswegs ärmer. Beides ist mir in der vergangenen Stunde klar geworden.


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