Schön und gut

Funktional, schön, leicht zu bedienen – und zwar für jeden. So sehen Produkte aus, die  nach dem Prinzip Design für Alle entwickelt wurden. Sie machen die Welt schöner und inklusiver. Und bieten Lösungen für große Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte.

Die attraktive Teekanne von  Eva Denmark lässt sich auch mit nur einer Hand gut und sicher benutzen. Möglich machen das die bauchige Form, die rutschfeste und hitzeisolierende  Neoprenhülle und die einfache  Zusammensetzung der Einzelteile.

Mit ihren runden Formen und dem frechen Neoprenanzug ist sie ein echter Blickfang: die Teekanne aus der Solo-Serie des dänischen Küchenartikelherstellers Eva Denmark. Dass das schicke Designerstück nicht nur preisgekrönt ist, sondern auch zu den Verkaufsschlagern des Unternehmens zählt, liegt aber nicht nur an seinen Hinguckerqualitäten. Der bauchige Glasbehälter lässt sich gut greifen und sicher festhalten, auch mit nur einer Hand. Die Neoprenhülle hält den Tee warm und schützt die Hände. Teesieb und Ausgießer sind so konzipiert, dass beim Zubereiten und Einschenken nichts schiefgehen kann. Nicht zuletzt lassen sich alle Teile einfach auseinandernehmen, reinigen und wieder zusammensetzen.

Der Haushaltsgegenstand ist ein gutes Beispiel dafür, was gelungenes „Design für Alle“ ausmacht. „Den Begriff verbindet man mit Alltagsprodukten, die attraktiv aussehen und so gestaltet sind, dass möglichst jeder sie leicht, sicher und komfortabel nutzen kann. Egal, ob er oder sie eine Einschränkung hat oder nicht“, sagt Dr. Peter Neumann, der Vorsitzende des Kompetenznetzwerks EDADDesign für Alle Deutschland e. V.

Eine Antwort auf viele Zukunftsfragen

Design für Alle“ ist keine neue Idee. Der US-Architekt Ronald L. Mace war schon in den 1970er-Jahren davon überzeugt, dass es den vermeintlich normalen Menschen, auf den Produkte und Bauwerke, aber auch Dienstleistungen und mediale Angebote zugeschnitten sind, gar nicht gibt. „Jeder von uns ist anders und in irgendeiner Weise behindert“, meinte er. Aus dieser Haltung heraus entwickelte Mace den Gestaltungsansatz, der die unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten möglichst vieler Menschen von Anfang an berücksichtigt – und auf ausgrenzende Sonderlösungen konsequent verzichtet.

Heute ist „Design für Alle“ so aktuell wie nie, weil es Lösungen für eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte bietet: den demografischen Wandel. Schon 2020 wird die Hälfte der deutschen Bevölkerung älter als 50 Jahre sein, der Anteil von Menschen mit Einschränkungen dadurch deutlich steigen. Inklusiv gestaltete Produkte können wesentlich dazu beitragen, dass sie lange selbstständig leben und aktiv und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Das kann Änni Furth nur bestätigen. Zunehmend steife und schmerzende Gelenke hatten es für die 82-Jährige immer schwieriger gemacht, ihren Alltag zu bewältigen. „Irgendwann konnte ich mir nicht mal mehr ein Brot machen, weil ich das Messer einfach nicht mehr greifen konnte“, berichtet sie. Selbst bei der Körperpflege musste die Kölnerin Abstriche machen. Dass sie sogar bei Kleinigkeiten auf Hilfe angewiesen war und der Umzug in eine Betreuungseinrichtung drohte, löste bei der Rentnerin dann auch noch eine Depression aus.

Die Wende brachte ein Küchenmesser, das Änni Furth bei einer Nachbarin entdeckte: Durch seinen hoch stehenden Griff war es für sie gut zu greifen und ohne großen Kraftaufwand zu benutzen. „Dadurch bin ich auf die Idee gekommen, ganz gezielt nach Dingen zu suchen, die mir helfen und die mir auch gefallen.“ Inzwischen ist ihre Wohnung mit vielen kleinen und größeren Hilfsmitteln ausgestattet, die als solche kaum zu erkennen sind. Größter Stolz der Seniorin ist das Bad mit bodengleicher Dusche, leicht bedienbaren Armaturen und einem Dusch-WC. „Darum beneiden mich auch meine Enkel“, sagt sie lachend. Mit punktueller Unterstützung ihrer Familie kommt sie nun wieder gut allein in der eigenen Wohnung zurecht. Und das praktische Messer hat sie schon einige Male verschenkt.

Damit das Angebot an Produkten, die nach dem Design-für-Alle-Prinzip gestaltet sind, wächst, fördert die Bundesregierung entsprechende Ansätze. Dazu hat sie sich schon 2011 im Nationalen Aktionsplan zur UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet. Tatsächlich ist Deutschland im internationalen Vergleich keineswegs spitze, wenn es um inklusives Design geht. Andere Länder, allen voran Japan, wo „Kyoyo-hin“ – gemeinsam nutzbare Dinge – schon seit zwanzig Jahren selbstverständlich sind und als wichtiger Wirtschaftsfaktor begriffen werden, sind in dieser Hinsicht weiter. Nun will die Bundesrepublik aufschließen.

Flaschenöffnen kann zur Herausforderung werden, wenn die Kraft in den Händen fehlt. Der fröhliche Aufsatz für Drehverschlüsse von Koziol löst das Problem.

„Dazu muss man an zwei Stellschrauben drehen“, sagt Peter Neumann. „Erstens: bestehende Lösungen bekannter machen. Und zweitens das Angebot vergrößern.“ Beides geht nicht ohne das Engagement von Unternehmen. Große und international tätige Firmen berücksichtigen bei der Produktentwicklung schon lange Design-für-Alle-Prinzipien.

Herausforderung und Chance für Firmen

Auch kleine und mittelständische Unternehmen entdecken das Thema zunehmend für sich, haben aber oft noch viele Fragen. Wie hoch sind Kosten und Aufwand? Welches Risiko gehe ich ein? Wie gehe ich das Marketing richtig an? Und muss ich aufwendige Zertifizierungsverfahren durchlaufen? Das sind nur einige der Fragen, die viele Mittelständler umtreiben. Der Leitfaden „Besser für den Kunden, besser fürs Geschäft“, den das Bundeswirtschaftsministerium 2014 herausgegeben hat, gibt darauf Antworten.

Die Autoren, darunter auch Peter Neumann, stellen hier die wichtigsten Prinzipien des „Design für Alle“ vor und geben konkrete Empfehlungen für die Umsetzung im eigenen Unternehmen. Wichtig ist, dass die Entscheidungsträger hinter dem Konzept stehen und Verantwortliche benennen, die sich kontinuierlich um das Thema kümmern. Auch muss „Design für Alle“ in allen Prozessen der Produktgestaltung und -vermarktung berücksichtigt werden. Werbebotschaften dürfen Einschränkungen der Nutzer nicht betonen, denn niemand kauft gern ein Produkt, das ihn stigmatisiert – auch wenn es noch so hilfreich ist.

Nicht zuletzt hilft Networking dabei, mit „Design für Alle“ erfolgreich zu sein. Dass sich das Konzept in  Unternehmen durchsetzen wird, steht für ­Neumann und andere Experten fest: „Unternehmer können durch ,Design für Alle‘ das Produkterlebnis verbessern, neue Zielgruppen erschließen und ihre Marktchancen verbessern“, meint Peter Neumann. „Warum sollten sie darauf verzichten?“ Schon 2009 hat eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums ergeben, dass Firmen mehr Umsatz und Gewinn machen, wenn sie inklusiv gestaltete Produkte anbieten. Gute Zukunftsaussichten also – für alle!


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