Inklusives Camp für kreative Kampagnen

Im Campaign Boostcamp lernen junge Aktivisten, wie man erfolgreich Kampagnen plant und Aufmerksamkeit erzeugt. Das Camp ist inklusiv ausgerichtet, die Nachfrage groß. Und alle fahren mit mehr als nur neuen Ideen nach Hause.

In der ländlichen Idylle von Paretz war harte Arbeit angesagt: Fünf Tage lang entwickelten die 33 junge Aktivisten im Campaign Boostcamps neue Ideen zur Kampagnenplanung.

Text: Wibke Bergemann
Fotos: Valerie Schmidt

Wie erzeuge ich Aufmerksamkeit? Wie kann ich in drei Sätzen nicht nur einen Skandal beschreiben, sondern auch sagen, was man dagegen tun kann? Und wie bekomme ich möglichst viele Menschen dazu, sich meinem Aufruf anzuschließen? Christoph Schott hat Antworten auf diese Fragen. Er kommt von Avaaz.org, einer internationalen Kampagnenplattform mit 40 Millionen Mitgliedern, und ist ein Spezialist für Onlinepetitionen.

Seine Zuhörer – die meisten um die 30 – wollen alles ganz genau wissen. Denn die 33 Teilnehmer des Campaign Boostcamps sind selbst Aktivisten, die sich in politischen Vereinen und Nichtregierungsorganisationen engagieren. Sie alle brennen für ein Thema, das sie in die Öffentlichkeit bringen wollen, sei es soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, Inklusion oder Aktionen gegen Rassismus. Und so unterschiedlich ihre Interessen sind, in einem sind sich alle sehr ähnlich: Sie wollen die Welt verändern.

Lebnhafte Diskussion beim Campaign Boostcamp.

Mit Gebärdensprachdolmetscherin

In der ersten Stuhlreihe sitzt Corinna Brenner und blickt konzentriert auf die Gebärdensprachdolmetscherin, die neben Christoph Schott steht. Manchmal nickt sie zustimmend. Einmal unterbricht die Gehörlose Schotts Ausführungen. Sie gebärdet, ihre Dolmetscherin übersetzt. „Ich muss auf meine Gebärdensprachdolmetscherin blicken, um dem Vortrag zu folgen. Ich kann nicht gleichzeitig eine Übungsaufgabe auf dem Laptop erarbeiten.“ Aber wer kann das schon? Schnell klärt Schott das Problem. Erst nach dem Vortrag sollen die Teilnehmer selbstständig arbeiten. Die Aufgabe: Binnen fünf Minuten ist eine Onlinepetition zu formulieren, die sich gegen die ausbeuterischen Produktionsbedingungen bei einem fiktiven internationalen Konzern richtet. Die Teilnehmenden beugen sich über ihre Laptops, und los geht’s.

Fünf Tage dauert das Camp im Dörfchen Paretz bei Berlin. Das Programm ist vollgepackt und anstrengend. Von der Planung und Strategie einer Kampagne über die Wahl der Methoden und der Zielgruppe bis zum Fundraising. Trotzdem scheinen die Teilnehmer unermüdlich. Jeannette Gusko, Campaignerin bei change.org und Teil des ehrenamtlichen Veranstalterteams, erklärt, dass das Campaign Boostcamp mehr als reine Fortbildung ist. „Junge Campaigner fühlen sich oft allein, sie haben eine Idee, aber keine Mitstreiter. Deswegen wollen wir hier auch das Selbstbewusstsein der Teilnehmer stärken und sie als Gruppe zusammenwachsen lassen.“

Corinna Brenner gibt ihre Erfahrungen aus dem Camp an andere gehörlose Menschen weiter.

Eine inklusive Fortbildung

Die Gruppe ist bunt gemischt: Einige Teilnehmer arbeiten für Organisationen, die sich für Lesben, Schwule, Bisexuelle oder Transgender engagieren, einige tragen ein Kopftuch, drei haben eine Behinderung. „Eine inklusive Fortbildung habe ich noch nie erlebt“, sagt Corinna Brenner, eine große Frau mit langen glatten Haaren, die freundlich und bestimmt antwortet.

Ihre schnellen Gebärden sind eine Herausforderung für die Gebärdensprachdolmetscherin. „Die Veranstalter haben mich gefragt, was ich brauche, und es gab keine Diskussion darüber, ob etwas vielleicht nicht nötig ist oder ob man da nicht irgendwie sparen kann.“ Nun wird die 30-Jährige auch in den Pausen von einer Kommunikationsassistentin unterstützt, um entspannt andere Teilnehmer kennenlernen und Erfahrungen austauschen zu können.

Corinna Brenner setzt sich seit einigen Jahren für eine andere öffentliche Wahrnehmung von gehörlosen Menschen ein. 2010 war sie dabei, als die erste Türkisparade in Berlin taube Kultur auf die Straße brachte. „Wir wollten den Hörenden zeigen, dass Gebärdensprache sexy ist“, sagt Corinna Brenner und lacht. Die nächste Türkisparade ist für 2016 geplant. Die junge Frau hat die Öffentlichkeitsarbeit und die Suche nach Sponsoren übernommen. Keine leichte Aufgabe. Sie hofft, im Camp hilfreiche Methoden und Kniffe zu lernen.

Michel Arriens will sein neues Wissen im Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen nutzen.

Kompetenz für junge Aktivisten

Das erste Camp fand 2013 in Großbritannien statt. Die Idee: junge Aktivisten mit den nötigen Kompetenzen, mehr Selbstvertrauen und einem funktionierenden Netzwerk zu versorgen, damit sie selbst eine Kampagne auf die Beine stellen können. Nach dem britischen Vorbild organisierte schon ein Jahr später ein ehrenamtliches Team erfahrener Campaigner das erste deutsche Camp in Paretz. Mit Erfolg: Einige Teilnehmer taten sich danach zusammen und gründeten eine neue Nichtregierungsorganisation und ein Magazin. In diesem Jahr gab es bereits viermal so viele Bewerber wie freie Plätze für das Camp. Von Anfang an war das Camp inklusiv ausgerichtet, „damit Leute, die selbst betroffen sind, ihre eigene Kampagne starten können“, erklärt Jeannette Gusko vom Veranstalterteam.

Die meisten Räume sind barrierefrei. Es gibt hohe und niedrige Tische. Das Kaffeebüfett ist auf einer niedrigen Bank aufgebaut. Michel Arriens weiß zu schätzen, dass er sich hier selbst bedienen kann. Der junge Mann mit Kleinwuchs steht an dem zehn Liter fassenden Kaffeebehälter und füllt sich eine Tasse Kaffee ein. Er studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft. Das Kampagnen-Know-how, das er im Camp erwirbt, will er für seine ehrenamtliche Arbeit im Vorstand des Bundesverbandes Kleinwüchsiger Menschen einsetzen und später auch beruflich.

Gleich nach der Ankunft hatten die Teilnehmer in einer ersten Runde Regeln für den Umgang miteinander aufgestellt. Auf einer Tafel steht seitdem unter anderem: „Raum nehmen – Raum geben“. Es sollen nicht immer die Gleichen zu Wort kommen. Diese erste Gesprächsrunde war zugleich eine gute Gelegenheit für die Teilnehmer mit Behinderung, ihre Wünsche zu äußern. Michel Arriens machte klar, dass es ihm egal ist, ob sein Gegenüber in die Hocke geht oder stehen bleibt. Corinna Brenner wies die anderen darauf hin, im Gespräch mit ihr nicht die Dolmetscherin anzuschauen, sondern sie selbst. „Leider braucht es das anscheinend immer noch“, seufzt Cynthia Cichocki, Bildungsreferentin bei der Don Bosco Mission Bonn. „Doch diese Informationen zu Anfang haben vielen die Unsicherheit genommen.“

Tanja Kollodzieyski engagiert sich für soziale Gerechtigkeit in einer inklusiven Gesellschaft.

Know-how für inklusive Kampagnen

Erfahrungen mit gehörlosen Menschen hatte Cynthia Cichocki bislang nicht. Während des Camps ist sie zusammen mit Corinna Brenner auf einem Schiff untergebracht und staunt darüber, wie gut die Kommunikation klappt. „Guten Morgen, hast du gut geschlafen? Ich gehe jetzt los, kommst du mit? – das lässt sich auch ohne Übersetzer mitteilen“, freut sich Cynthia Cichocki. Dass drei Aktivisten mit Behinderung teilnehmen, ist eine wichtige Erfahrung für sie. „Man kommt in Kontakt und lernt, welche Bedürfnisse andere Menschen haben.“ Das soll auch künftig in ihre Arbeit einfließen. „Ich habe vorher nie daran gedacht, eine Kampagnenwebseite inklusiv auszurichten, also zum Beispiel den Bedarf gehörloser Menschen zu berücksichtigen oder Texte in Einfacher Sprache zu erstellen.“ Das Camp habe sie für das Thema sensibilisiert, sagt Cynthia Cichocki. „Hier wird Inklusion gelebt.“

Corinna Brenner hat der Gruppe inzwischen ein paar Zeichen aus der Gebärdensprache beigebracht. Am Ende eines Vortrags drehen alle, statt zu klatschen, die erhobenen Hände hin und her – die Gebärde für Applaus. Auch sie hat sich viel vorgenommen. „Die Infos, die ich hier bekomme, sind auch für andere gehörlose Menschen sehr nützlich.“ In den kommenden Monaten will sie kleine Lehrvideos drehen, in denen sie in Gebärdensprache die wichtigsten Inhalte aus den Sessions erklärt. Dann wird sie die Videos ins Internet stellen, um das Gelernte an andere weiterzugeben – damit künftig mehr gehörlose Menschen erfolgreich an die Öffentlichkeit treten.


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