Wasser statt Cappuccino

Beim inklusiven „Café ohne Worte“ servieren hörgeschädigte Kellnerinnen und Kellner. Das stellt die Gäste, die keine Gebärdensprache beherrschen, vor Herausforderungen. Doch wenn beide Seiten aufeinander zugehen, klappt es - meistens.

Die Kellnerin Lisa Ehrlich nimmt eine Bestellung auf. Auf ihrem T-Shirt trägt sie ein Schild mit ihrem Namen im Fingeralphabet.

Text  Anne Meyer
Fotos  Thilo Schmülgen

Als ich das Café Excellent im Kölner Stadtteil Kalk betrete, ist kein Platz mehr frei. Zwischen mannshohen Topfpflanzen und dicken gemauerten Säulen haben sich große und kleine Menschengruppen um die Tische versammelt, Kinder und schon Ergraute, vor allem aber junge Leute im Studentenalter. Viele spielen Gesellschaftsspiele.

Rege Unterhaltungen ohne Stimmengewirr

Der Laden ist gerammelt voll. Laut ist es trotzdem nicht. So klingt es also, wenn ein Großteil der Gäste sich nicht mit Worten, sondern mit Händen unterhält. Das soll auch so sein, denn heute Abend macht das „Café ohne Worte“ hier Station, eine von Kölner Studenten organisierte Veranstaltung an wechselnden Orten, bei der gehörlose Kellnerinnen und Kellner servieren. Wer eine Bestellung aufgeben will, muss das mit den Händen tun. Das gilt auch für diejenigen, die keine Gebärdensprache beherrschen.

Ich bin hier mit Frederike Höfermann verabredet, einer der Studentinnen, die das Café ohne Worte organisieren. Doch wie soll ich sie finden, wenn ich nicht ohne weiteres jemanden nach ihr fragen kann?  Zum Glück wird gerade ein Tisch frei und ich beschließe, erstmal einen Kaffee zu bestellen. Der Blick auf die Karte hilft weiter: Dort sind die Gebärden abgebildet, mit denen man Speisen und Getränke ordert. Im Fall von Cappuccino ist das eine Aufwärtsbewegung des rechten Arms mit nach unten gespreizten Fingern. So interpretiere ich das zumindest. Auf das aufmunternde Nicken der Kellnerin hin mache ich ihr die Gebärde vor. „Ein Wasser?“, fragt sie, indem sie auf das entsprechende Bild auf der Speisekarte zeigt. Das ging wohl daneben. Ich zeige auf den Cappuccino, und wir müssen beide lachen. Dann schreibe ich den Namen Frederike Höfermann in mein Notizbuch und halte es ihr hin.

Eine Speisekarte im Café ohne Worte
 

Die Kellner bekommen den Mindestlohn plus Trinkgeld

Ein paar Minuten später haben Gesprächspartnerin und Getränk zu mir gefunden. Frederike Höfermann ist hörend. Am Telefon hatte sie mir erzählt, dass sie bis vor wenigen Jahren kaum etwas mit gehörlosen Menschen zu tun hatte. Durch ihr Betriebswirtschaftsstudium an der Kölner Uni stieß sie auf eine Initiative namens Enactus – laut Selbstbeschreibung ein weltweites Netzwerk von Studierenden, das „mit unternehmerischen Projekten die Welt nachhaltig verbessern“ möchte. Die Studierenden werden dabei von erfolgreichen Unternehmern betreut, so genannten Business Advisors.

„Vor zwei Jahren berichtete unser Business Advisor von einem Restaurant in Toronto, in dem ausschließlich gehörlose Menschen arbeiteten; und er schlug uns vor, etwas Ähnliches in Köln ins Leben zu rufen.“ Ein Gedanke dabei: Gehörlose, die oft nur schwer eine Arbeit finden, sollen so einen Job bekommen. Ein Café in Köln zu eröffnen, erwies sich allerdings als zu teuer. Aber Frederike Höfermann und die anderen rund zehn Studierenden in ihrem Team wollten die Idee nicht aufgeben. Deshalb gründeten sie eine Agentur, die bestehenden Cafés „Eventpakete“ für einen Abend anbietet, samt Kellnern, Flyern, Speisekarten in Gebärdensprache und selbst entwickelten Spielen, wie dem Fingeralphabet-Memory. Die Kellner bekommen dafür den Mindestlohn plus Trinkgeld – das sind im Schnitt zehn bis zwölf Euro pro Stunde.

Die Initiatorinnen der Veranstaltung: Magdalena Berks (links) und Frederike Höfermann

„Wir wollten erstmal ausprobieren, ob sich überhaupt jemand dafür interessiert“, erzählt Frederike Höfermann. Die Probe klappte allerdings ziemlich gut: Gleich zum ersten Café ohne Worte, das im Mai 2016 im Asta-Café der Kölner Uni stattfand, kamen 150 Gäste - etwa zur Hälfte Gehörlose und Hörende. „Es war so voll, dass Fremde sich den Tisch teilen mussten und die Leute in den Gängen standen“, erzählt sie. Das sei für die Kellner zwar anstrengend, aber für den Erfolg des Abends gut gewesen. „So sind die Leute mit und ohne Hörbehinderung miteinander ins Gespräch gekommen.“ Das nämlich ist das Entscheidende beim Café ohne Worte: Es soll Begegnungen schaffen zwischen Hörenden und Hörgeschädigten. Die Kellner bilden dabei die Brücke.

„Viele Gehörlose leben in einem abgeschlossenen Kosmos – ganz einfach, weil Hörende nur sehr eingeschränkt mit ihnen kommunizieren können“, erzählt Magdalena Berks, die hier von allen nur Maggie genannt wird. Sie ist 28 und studiert Rehabilitationswissenschaften mit Schwerpunkt „Menschen mit Hörschädigung“ – und sie ist die einzige im Team, die Gebärdensprache spricht und auch beruflich mit Gehörlosen zu tun hat. „Viele Gehörlose haben ihre eigene Kultur mit eigenen Sportvereinen, Theater- und Kinovorführungen entwickelt.“ Während sie erzählt, weiß ich plötzlich, warum sie mir so bekannt vorkommt: Ihr Konterfei prangt dutzendfach auf der Speisekarte; sie zeigt die Gebärden für die Speisen und Getränke.

Die Karten des Fingeralphabet-Memory

Mit Improvisation geht alles

Um beide Seiten einander näher zu bringen, haben sich die Studierenden eine Reihe von Spielen ausgedacht. Zum Beispiel das Gebärdensprachmemory, das Melanie, Sarah und Annika gerade ausprobieren. Die drei Freundinnen haben über Facebook vom Café ohne Worte erfahren und wollten sich das mal ansehen, „weil wir Gebärdensprache spannend finden“, so Annika. Ohne jegliche Vorkenntnisse haben sie es geschafft, sich einen Weißwein zu bestellen. „Der Kellner hat uns ein bisschen geholfen“, sagt Sarah.

Während die drei sich beim Memory die Gebärde für „Sonne“ einprägen, zieht ein anderer Gast Blicke auf sich. Er heißt Fabian Lorenz und ist ein sogenannter CODA, ein „Child of deaf adults“. Er ist selbst hörend, aber beide Eltern sind gehörlos. Gebärdensprache ist seine Muttersprache. Nun geht er von Tisch zu Tisch und lädt alle Anwesenden mit Worten und Gebärden dazu ein, mit ihm ein Spiel zu spielen. Etwa zehn folgen ihm, sowohl Hörende als auch Gehörlose, kichernd wie bei einem Schulausflug. Alle sollen sich bitte in der alphabetischen Reihenfolge ihrer Vornamen aufstellen, erklärt Fabian Lorenz. Nun heißt es also, sich irgendwie zu verständigen. Das Gekicher wird größer. Wie war das noch mal mit dem Fingeralphabet?

Die Café-Besucherinnen Sarah und Annika beim Gebärdenalphabet-Memory

Amüsiert beobachtet Maggie die Gruppe. Dann winkt sie die Kellnerin zu sich heran, die mir den Cappuccino gebracht hatte. Lisa Ehrlich ist 23, studiert Soziale Arbeit in Bochum und trägt ein Cochlea-Implantat. Sie kellnert zum ersten Mal beim Café ohne Worte, und fand es zunächst ziemlich stressig. „Hörende gebärden anders als Gehörlose. Wenn sie etwas bestellen, muss ich zweimal überlegen und manchmal auf die Bilder zeigen, um sicher zu gehen, dass ich sie verstanden habe.“ Bisher habe sie aber immer das Richtige gebracht, erzählt Lisa. Offenbar war ich nicht die einzige, die sich ungeschickt angestellt hat. Mit ein wenig Improvisation geht alles - man muss nur seine anfängliche Scheu überwinden.

Die kichernde Spiele-Runde hat sich inzwischen aufgelöst, bei den Bestellungen überwiegen Kölsch und Cola. Vor der Tür postieren sich die üblichen Rauchergrüppchen. Draußen ist es dunkel geworden. Einige Kellner setzen sich zu den Gästen. Die achte Ausgabe des Cafés ohne Worte geht zu Ende. Bald soll das Café auch außerhalb Kölns stattfinden, es gibt Anfragen aus Aachen und Bochum. Frederike Höfermann ist zufrieden. „Eigentlich ein Glück, dass ein eigenes Restaurant für uns zu teuer war. So können wir unsere Idee viel besser in ganz Deutschland verbreiten.“


Noch mehr interessante Artikel:

Zeig`s mir!

Manche Zeichen des Fingeralphabets werden von gehörlosen wie von hörenden Menschen benutzt. Was sie bedeuten? Raten Sie mit!
Wir haben die Auflösung.

Sprechende Hände
Verständigung à la carte

Beatrice Gold ist ohne Zunge auf die Welt gekommen. Über einen Tabletcomputer teilt sie sich Fremden mit. Die Familie hat eine eigene Gebärdensprache entwickelt.

Kommunikation über alle Kanäle
Die Gebärdenlehrerin

Die Niederländerin Emily ist 13 Jahre alt. Sie stellt jeden Tag im Internet eine Gebärde vor. Auf diese Weise bringt sie Tausende dazu, Gebärdensprache zu lernen.

Emilys Geschichte

Was du tun kannst

Gutes tun und gewinnen

Mit einem Los der Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF