Fußball-Land der Widersprüche

Kurz vor Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft analysiert unsere Gastautorin Mirien Carvalho Rodrigues die Situation von Menschen mit Behinderung in Brasilien. Dabei zeichnet sie ein zwiespältiges Bild: Während es auf der einen Seite durchaus Vorzeigeprojekte in Sachen Barrierefreiheit und viel Eigeninitiative gibt, kämpft auf der anderen Seite die große Mehrheit armer Menschen (mit Behinderung) noch um Teilhabe und Chancengleichheit. Zusammen mit Millionen anderer Brasilianer demonstrierten deshalb auch zahlreiche Menschen mit Behinderung im Vorfeld der WM für mehr soziale Gerechtigkeit. In den nächsten Wochen werden an dieser Stelle weitere Beiträge von Mirien Carvalho direkt aus Brasilien zu lesen sein. Ihren Fokus richtet sie dabei auf soziale Themen und menschliche Geschichten.
 

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Bewohner einer Favela protestieren gegen die Fußball-WM und für ein besseres Gesundheitssystem

Von den etwa 200 Millionen Menschen, die in Brasilien leben, haben laut Erhebungen des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik (IBGE), etwa 45,6 Millionen eine Behinderung. Die Frage, wie diese leben und ob sie durch die WM Vor- oder Nachteile erfahren, ist nicht pauschal zu beantworten. Es ist, als fragte man nach der Situation von Menschen mit Behinderung zwischen Lissabon und Moskau.

Deutschland passt fast 24 Mal in das Land hinein, das man auch als den „Kontinent im Kontinent“ kennt. Seine junge demokratische Verfassung stammt aus dem Jahre 1988. Wer die Gesetze studiert, die Menschen mit Behinderung betreffen, packt sofort seine Koffer und zieht nach Brasilien. So hat das Land beispielsweise zwei offizielle Amtssprachen: Portugiesisch und Libras, die brasilianische Gebärdensprache. Man findet Brasilien unter den ersten Unterzeichnern der UN-Behindertenrechtskonvention. Normen zur baulichen Barrierefreiheit sind ebenso detailliert festgeschrieben wie Quotenregelungen zur Inklusion auf dem Arbeitsmarkt und an Hochschulen, oder das uneingeschränkte Zutrittsrecht von Blindenführhunden, das sich ausdrücklich auch auf Krankenhäuser und Hotels bezieht.

In Brasilien gibt es im Land verstreut immer wieder Paradebeispiele für Barrierefreiheit: Etwa in São Paulo U-Bahnstationen mit barrierefreien Aufzügen und taktilen Leitsystem, an denen zusätzlich freundliches und kompetentes Personal Hilfe anbietet. Eine Rampe zum preisgekrönten Badestrand in Porto de Galinhas im Bundesstaat Pernambuco, hier und da Speisekarten in Brailleschrift, sogar ein inklusives Hotel mit Angeboten in Extremsportarten für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen in Socorro im Bundesstaat São Paulo.

Im krassen Gegensatz dazu stehen zahllose Menschen, die man bis heute noch nicht auf der Straße sieht, weil sie nicht einmal wissen, wo sie einen Blindenstock oder eine Gehhilfe bekommen sollen; Menschen ohne Schulbildung, die niemals allein das Haus verlassen, die seit ihrer Kindheit am Meer leben und noch nie am Strand waren, weil die Familie sie versteckt oder Angst um sie hat. Dazwischen liegen die vielen, die sich durch das Chaos wühlen, das der Alltag ihnen bietet: Bürgersteige, die im Nichts enden, Straßen, die gestern noch da waren, dann aber vom Regen weggeschwemmt wurden, ungeheurer Lärm, der blinden Menschen die Orientierung erheblich erschwert, und natürlich Vorurteile und fehlendes Wissen über Behinderung.

Während meines ersten längeren Studienaufenthalts in Brasilien habe ich eine Weile gebraucht, um angesichts dieser extremen Unterschiede meine Position zu finden. War es nicht vermessen, sich bei all den schreienden Ungleichheiten für barrierefreien Tourismus zu engagieren, oder mit dem für die meisten Einheimischen unbezahlbaren Blindenführhund Aufklärungsarbeit in Hotels und Restaurants zu betreiben? Als dann im Fernsehen eine Telenovela mit einem blinden Anwalt und seinem Führhund anlief und ich die erste Tiefkühlpizza mit Braillebeschriftung im Gemischtwaren-Laden an der Ecke fand, war ich besänftigt und konnte meine Arbeit ohne weitere Zweifel fortsetzen.

Schließlich waren es oftmals Einzelkämpfer auf deren Durchhaltevermögen Verbesserungen für Menschen mit Behinderung zurückgehen. Sei es die unbehelligte Fahrt mit dem Blindenführhund in der Metro von São Paulo oder der bequem mit dem Rollstuhl zugängliche Strand von Porto de Galinhas. Davon kann man lernen, mit seiner Idee loszuziehen, statt auf den Staat oder die bestehenden Institutionen zu warten.

Auch von dem blinden älteren Mann habe ich gelernt, der mit einer Eisenstange als Langstock durch die Straßen lief und an jeder Kreuzung sofort Hilfe bekam, da er mit seiner Stimme mühelos jeden Verkehr übertönte. Unter keinen Umständen möchte ich mit ihm tauschen, doch dieser Mann ist nicht zuhause geblieben, weil er keinen normgerechten Langstock und die Ampel kein akustisches Signal hatte. Er hat nach Alternativen gesucht und sein Leben selbst in die Hand genommen.

Soziale Inklusion ist in aller Munde, auch in Brasilien. Nur beschränkt sich der Begriff hier nicht auf Menschen mit Behinderungen. Als ich kürzlich den derzeit gefragtesten brasilianischen Schriftsteller Luiz Ruffato in einem Interview für Radio Ohrfunk um seine Stellungnahme zum Thema bat, sprudelten die Beispiele für soziale Ausgrenzung nur so aus ihm heraus.

Wie vor Jahrhunderten wird auch heute noch die indigene Bevölkerung oft entrechtet, sodass diese Menschen gezwungen sind, in extremer Armut am Straßenrand zu leben; dunkelhäutige Menschen werden oft offen diskriminiert; häusliche Gewalt gegen Frauen ist ein häufig totgeschwiegenes Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter.

Die Liste lässt sich mühelos fortführen. Da sind Millionen von Favelabewohnern ohne jede Perspektive, das Elendsviertel je zu verlassen, da ihnen Bildung und Kontakte fehlen. Wer seit Generationen für eine gerechte Umverteilung von Land oder für die Alphabetisierung von Kindern im Landesinneren des armen Nordostens kämpft, weiß, wie viele Brasilianer von gleichberechtigter Teilhabe unvorstellbar weit entfernt sind. Wer neben Armut, fehlender Schulbildung, einem maroden Gesundheitssystem und gesellschaftlichen Vorurteilen zusätzlich noch mit einer Behinderung lebt, dessen Schwierigkeiten sind noch einmal um ein Vielfaches größer.

Regierungsprogramm soll helfen

Behinderung tritt bekanntlich in allen Gesellschaftsschichten auf. Medizinische Betreuung oder angemessene Hilfsmittel zur Erlangung von Selbstständigkeit sind jedoch in Brasilien für zahllose arme Familien unerreichbar. Ein Regierungsprogramm mit dem vielversprechenden Namen „Leben ohne Grenzen“ soll hier seit kurzem nach dem Amtsantritt von Präsidentin Dilma Rousseff Abhilfe schaffen, etwa durch den Wegfall von Einfuhrzöllen auf anerkannte Hilfsmittel, welche zum großen Teil importiert werden müssen und schon deshalb bislang für viele Menschen unerschwinglich waren. Andere Familien sind dagegen so vermögend, dass dem behinderten Familienmitglied  bei Bedarf gleich mehrere Hausangestellte oder Assistenten rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Hier kommt es dann auf den Einzelfall an, ob die Person mit Behinderung eine solche privilegierte Stellung für ein selbstbestimmtes Leben nutzen kann, oder ob sie zur Gefangenen im goldenen Käfig wird.

Teilhabe scheitert in Brasilien längst nicht nur an mangelnder Barrierefreiheit. Wenn blinde Menschen sich etwa aufmachen und eine Kampagne für das barrierefreie Buch starten, um ihr Recht auf kulturelle Teilhabe geltend zu machen, so werden gleich Stimmen laut, die betonen, dass unendlich viele Menschen von dieser Teilhabe ausgeschlossen sind, schon wegen der fehlenden Infrastruktur – in Brasilien hat längst nicht jede Stadt eine Bibliothek, und die Buchhandlungen können bei weitem nicht die Menge an Titeln liefern, die wir von deutschen Läden her gewohnt sind. Und schließlich sind all diejenigen von der Teilhabe ausgeschlossen, die sich keine Bücher leisten können.

Ein WM-Ticket können sich die meisten Brasilianer erst recht nicht leisten. So gesehen nützt es ihnen wenig, dass für die Barrierefreiheit im Stadtion höhere FIFA-Standards gelten als jemals zuvor. Soziale Ausgrenzung ist auch in diesem Zusammenhang ein großes Thema.

Fortsetzung folgt


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