Für den richtigen Kick

Seit fast 20 Jahren tragen brasilianische Häftlinge dazu bei, dass sich Blinden­fußball als Sportart weltweit verbreitet. Sie fertigen Fußbälle, die Blindenverbänden kostenlos zur Verfügung gestellt werden.
Die Zukunft des Projekts ist jedoch ungewiss.

Kaoe Fernando, Kelvin Henriqoe, Leandro, Carlos Eduardo und Adão (v. li. n. re.) nähen im Gefängnis im brasilianischen Piraquara Blindenfußbälle

Text und Fotos Mirco Lomoth

 

Wenn er hier rauskommt, will er in seinem Heimatdorf mit den blinden Nachbarn Fußball spielen. Er will ihnen einen Ball mitbringen, in den er selbst die Rasseln genäht hat, die nötig sind, damit sie den Ball hören können. „Bevor ich herkam, wusste ich gar nicht, dass Blinde überhaupt Fußball spielen“, sagt Carlos Eduardo de Oliveira. Er sitzt im Schatten einer Veranda und sticht eine dicke Nadel in grünes Latex, drückt sie mithilfe einer ledernen Handmanschette hindurch und zieht den gewachsten Faden hinterher, bis das kleine Fünfeck mit der aufgeklebten Rassel fest mit den anderen Ballteilen vernäht ist. Die Metallkügelchen rasseln leise bei jeder Bewegung wie bei einem durcheinandergeratenen Samba-Rhythmus.

Für das Nähen der Blindenfußbälle wird Kelvin Boçon Haftzeit erlassen.

 

 

 

 

 

De Oliveira kam im Januar 2013 von seinem Heimatdorf nach ­Piraquara – in den größten Gefängniskomplex des brasilianischen Bundesstaats Paraná. „Ich habe nichts von dem getan, was sie mir vorwerfen“, sagt der 23-Jährige, seine dunklen Augen fixieren sein Gegenüber, dann blickt er weg. „Aber vielleicht habe ich etwas anderes getan.“ Er lacht, es ist ein verhaltenes Lachen. Gut zwei Jahre muss er noch im halboffenen Vollzug absitzen. Aber wenn er weiter Fußbälle näht, ist er schon in eineinhalb Jahren raus. Für drei Tage Arbeit bekommt er einen Tag seiner Haftstrafe erlassen, jeder fertige Ball bringt ihm umgerechnet etwa 1,50 Euro – und etwas Sinn in den Haftalltag. „Ich bin froh, dass ich etwas Gutes tun kann, obwohl ich im Gefängnis bin, und es macht mich stolz, dass Blinde durch unsere Arbeit Spaß haben können.“ Um die 15 Fußbälle fertigt er mit seinen sieben Kollegen jeden Tag auf der Veranda des kleinen Holzhäuschens, das auf dem Areal des halboffenen Vollzugs von ­Piraquara liegt. Es sind die offiziellen Fußbälle des Internationalen ­Blindensportverbands IBSA, die auch bei den Paralympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wieder rasselnd über das Feld rollen werden.

Für die Formen, die beim Zusammennähen der Ballteile entstehen, haben sich die Häftlinge blumige Namen ausgedacht. „Margarida“ nennen sie das erste Stück aus fünf Sechsecken, die um ein Fünfeck genäht werden. Es sieht aus wie eine Blüte. Die Margerite bekommt eine Krone aufgenäht, zusammen ergeben sie die „cumbuca“, den Pott – ein halber Ball mit drei Rasseln, der die grüne Innenseite noch nach außen trägt.

Kelvin Boçon, der viele seiner Tattoos selbst gestochen hat (etwa das „Nur Gott kann mich richten“), stülpt mit forschen Handgriffen zwei aneinandergenähte „cumbucas“ zu einem silbernen Rund um. Dann schließt er die letzten Nähte. „Ich bin froh, dass ich endlich etwas zu tun habe. Wenn ich den ganzen Tag auf dem Bett liege, denke ich nur an Mist und mache mich verrückt“, sagt Boçon. Vier Jahre war der 22-Jährige hinter Gittern, jetzt verbringt er die letzten Monate tagsüber unter freiem Himmel, auf der Veranda oder beim Fußballspielen mit einem selbst genähten Ball. „Es ist einer ohne Rasseln, obwohl die mir manchmal sicher helfen würden“, sagt er lachend. Abends, erzählt er, säßen sie oft noch beisammen in der Gemeinschaftszelle vor den Etagenbetten, um ein paar Extrabälle herzustellen. Während die anderen Häftlinge brasilianische Telenovelas schauen, nähen sie an der Freiheit, bis um zehn Uhr das Licht ausgeschaltet wird.

Roberto Canto hatte die Idee, Blindenbälle in Gefängnissen produzieren zu lassen.

Die Ballproduktion im Gefängnis von Piraquara, in der Nähe der Millionenstadt Curitiba, ist Teil des Projekts „Pintando al Libertade“, das Häftlinge auf ein Arbeitsleben nach der Entlassung vorbereiten soll. „Der Name kommt aus der Häftlingssprache, sie sagen, sie ‚malen‘ sich die Freiheit“, erzählt Roberto Canto, der das Projekt vor fast 20 Jahren gegründet hat. Er ist Mitte 50, ein Mann mit ergrauendem Bart und gutmütigen Augen, die dennoch Reizbarkeit verraten, ein Arbeitswütiger, der selten zu Mittag isst und seit zehn Jahren keinen Urlaub gemacht hat. Weil das Projekt sein Leben ist, aber nicht seine eigentliche Arbeit – er ist für den offenen Vollzug im Bundesstaat Paraná zuständig –, und weil er
seit Jahren darum kämpfen muss, dass es ­weiterläuft, mit jeder Regierung aufs Neue. Mehr als 150.000 Blindenfußbälle haben brasilianische Häftlinge bis heute produziert. Eigentlich ist es eine Erfolgsgeschichte.

1995 war Roberto Canto Staatssekretär im Ministerium für Sport und Tourismus und präsentierte dem damals zuständigen Minister eine Idee, die er schon länger mit sich herumtrug und die ihm sehr am Herzen lag. Häftlinge und kürzlich Entlassene sollten sich auf das Arbeitsleben vorbereiten, indem sie Fußbälle und Tornetze herstellen, die kostenlos an Schulen und Sozialprojekte verteilt würden, um Jugendlichen auf der Straße eine Alternative zu Kriminalität und Drogen zu bieten. Der Minister sagte zu. „Viele Kollegen hielten mich damals für verrückt; ich hätte gemütlich in meinem klimatisierten Büro sitzen und Kaffee trinken können.“ Stattdessen hatte er nun zwei Jobs – einen im Ministerium und einen im Gefängnis – und 18-Stunden-Tage.

Damals stand plötzlich Mário Sérgio Fontes, ein Jugendfreund, vor ihm auf dem Flur des Ministeriums und sagte: „Wir Blinden spielen auch Fußball, weißt du?“ Zusammen schufen sie einen Blindenfußball, zuerst einen kleinen, mit Löchern für ein lauteres Rasselgeräusch. Er lief etwas unrund und die Löcher verstopften. Trotzdem war der Ball besser als alles, was blinde Fußballer in Brasilien vorher hatten. „Nur eine einzige Institution konnte sich damals den teuren Blindenfußball leisten, der in Spanien produziert wurde“, sagt Canto. „Die meisten haben einfach Rasseln in alte Fußbälle gefüllt oder mit Dosen gespielt.“ Nach eineinhalb Jahren hatten Canto und Fontes einen normal großen Ball entwickelt, das Material, die Metallrasseln und die Anzahl der Kügelchen darin optimiert.

Der ehemalige Nationalspieler Mário Sérgio Fontes (rechts) hat die Blindenfußbälle Mitte der 1990er-Jahre mitentwickelt. Heute trainiert er regelmäßig blinde Jugendliche – wie hier in einer Schule in Curitiba.

Fontes, der damals in der Blindenfußball-Nationalmannschaft spielte und die Sportart in Brasilien seit Anfang der 1980er-Jahre mit aufgebaut hatte, begann, den Ball bei Spielen und internationalen Turnieren zu verteilen. „Jeder wollte ihn haben, und niemand konnte glauben, dass er wirklich umsonst war.“

Als der damalige brasilianische Sportminister und Fußballkönig Pelé von Cantos Idee hörte, machte er sie zu einem Prestigeprojekt seiner Regierung. Ab sofort produzierten die Häftlinge auch Sporttaschen, Trikots und Bälle für andere Sportarten. Das Projekt „Pintando al Libertade“ wechselte in eine höhere Liga: Canto hielt Vorträge im ganzen Land, bis 2002 hatten alle 26 Bundesstaaten und die Hauptstadt sein Projekt übernommen. 18.000 Häftlinge nähten im ganzen Land kostenlose Sportartikel für Sozialprojekte. Unterdessen wurde der brasilianische „Gefängnisball“ im Ausland immer beliebter. 2002 erklärte ihn der IBSA zum offiziellen Wettkampfball. Das brasilianische Sportministerium begann Tausende Exemplare an Blindenverbände in aller Welt kostenlos zu verschicken. „Einige afrikanische Länder haben mit Blindenfußball erst begonnen, als sie die Bälle aus Brasilien bekommen haben“, sagt Canto. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass alles so groß wird.“ 


Ein Projekt vor dem Aus

Dann kam der Abstieg. Die Regierung des neuen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva drehte 2003 den Geldhahn zu. Gerüchte kamen auf, dass in manchen Bundesstaaten Geld veruntreut worden sei, nicht zuletzt aber war „Pintando al ­Libertade“ das Prestigeprojekt der Vorgängerregierung. Für Canto war es ein Schock. „Ich fühlte mich, als hätte ich ein Kind verloren“, sagt er. Einzig in der Stadt Salvador da Bahía nähten Häftlinge noch bis 2010 weiter, versorgten unter anderem die Paralympischen Sommerspiele in Athen 2004, wo Blindenfußball erstmals offizielle Disziplin war. Doch die Lieferungen ins Ausland kamen immer mehr ins Stocken, der begehrte brasilianische Ball war kaum noch zu bekommen, europäische Wettbewerbe wurden zunehmend mit anderen Modellen ausgetragen. Es war das vorläufige Ende einer Erfolgsgeschichte.

In einem Gebäude der Justizbehörde am Stadtrand von Curitiba stellen Häftlinge die Sets für die Ballproduktion zusammen.

In einer Produktionshalle, auf einem umzäunten Gelände der Justizvollzugsbehörde im Speckgürtel von Curitiba legt Diego Alonso de ­Oliveira, ein verurteilter Bankräuber von Mitte 20, mit strengem Gesicht große silber-grüne Bögen Ballmaterial in eine Stanzmaschine, die sie mit lautem Rattern in Fünf- und Sechsecke zerstückelt. An einem breiten Tisch stellt der ältere Luís Izido da Silva Sets für die Ballproduktion in Piraquara zusammen – pro Ball zwölf Fünfecke, 20 Sechsecke, sechs Metallrasseln, eine Gummiblase und etwas Nähgarn. „Seit die Produktion in Bahía gestoppt wurde, halte ich das Projekt in Curitiba am Leben“, sagt Roberto Canto. „Ich kann einfach nicht aufhören, das wäre schrecklich. Die blinden Sportler brauchen unsere Bälle.“

Canto kämpft dafür, dass es sein Projekt noch geben wird, wenn zu den Paralympischen Sommerspielen 2016 Blindenfußballteams aus aller Welt nach Brasilien kommen. 2013 haben die Häftlinge nur etwa 2.000 Bälle produziert. Die Mittel dafür kamen vom Brasilianischen Sehbehindertensportverband und dem Brasilianischen Paralympischen Komitee. Im Januar hat zwar das Sportministerium von Paraná endlich lang versprochene Gelder für „Pintando al Libertade“ überwiesen. Rund 100 Exhäftlinge werden jetzt wieder Trikots, Taschen und Bälle herstellen, 15.000 Euro stehen für 1.000 zusätzliche Blindenfußbälle bereit. Doch die Gelder des Ministeriums werden gerade einmal bis Jahresende reichen, dann beginnt ein neuer Kampf. Canto hofft, bis dahin private Unternehmen für seine Idee zu gewinnen. „Wir brauchen mehr Kontinuität, um nicht jedes Mal von vorne anfangen zu müssen.“ In Brasília startet derweil ein neues Projekt. Dort sollen Sozialhilfeempfänger im Jahr der Fußballweltmeisterschaft rund 5.000 Blindenfußbälle und andere kostenlose Sportartikel produzieren. Canto ist hingeflogen, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Es könnte ein Neuanfang der Erfolgsgeschichte werden. Doch im Oktober finden Wahlen in Brasilien statt, vielleicht ist es dann das Prestigeprojekt einer Vorgängerregierung.


Weitere Beiträge

Wafi Al Batran am Steuer des Tuk-Tuks, auf der Landefläche Nour und seine Bruder
Ideen für Gaza

In überfüllten Flüchtlingslagern in Gaza ist das Leben für Menschen mit Behinderung besonders beschwerlich. Ein Besuch vorort.

zum Beitrag
Klaus Schindler (rechts) mit jugendlichen Sportlern
Wellen schlagen

Mit dem Projekt „Street Rowing“ („Straßenrudern“) engagiert sich die Ruderjugend Sachsen-Anhalt für „Bewegung statt Gewalt“.

zum Beitrag
Demonstranten diskutieren mit dem ehemaligen Behindertenbeauftragten Hübert Hüppe (links).
Raus aus der Sozialhilfe

Berufstätige Menschen mit hohem Assistenzbedarf sind oft auf Sozialhilfe angewiesen. Betroffene fordern, dass sich das ändert.

zum Beitrag

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?