Beratung für Migranten mit behinderten Kindern

Einen Behindertenausweis beantragen, für Hilfsmittel sorgen oder einen Platz in einer geeigneten Schule finden: Geflüchtete, die mit einem behinderten oder kriegsverletzten Kind nach Deutschland kommt, stehen vor schier unüberwindbaren Schwierigkeiten. In der Vätergruppe des Berliner Vereins MINA – Leben in Vielfalt finden sie Tipps und Unterstützung.

In der Vätergruppe des Berliner Vereins MINA e.V. tauschen sich Geflüchtete aus und finden kompetente Hilfe.

Text  Michaela Ludwig
Fotos  Kathrin Harms

Für Anas Algadban (Name von der Redaktion geändert) endet dieser Donnerstag mit einem Hoffnungsschimmer. Pünktlich um sechs Uhr schiebt er seinen Sohn Mohammad im Kinderrollstuhl in die Räume des Vereins MINA – Leben in Vielfalt in Berlin-Kreuzberg. Hier trifft sich alle zwei Wochen die Gruppe der arabischsprachigen Väter von Kindern mit Handicap. Anas Algadban wischt sich mit einem Taschentuch über die Stirn, während Mohammad sich neugierig umschaut. Wieder haben Vater und Sohn einen Tag mit dem Besuch von Ärzten und Behörden verbracht. „Mohammad braucht einen neuen Rollstuhl, aber wir bekommen keinen“, sagt der Vater und deutet auf den Kinderrollstuhl, der für den Zwölfjährigen viel zu eng ist. Doch heute haben sie in einem der Wartezimmer einen syrischen Landsmann getroffen, der ihnen von dem Beratungsangebot bei MINA erzählt hat. „Ich soll nach Taha fragen, der kann mir helfen“, sagt Anas Algadban mit müder Stimme.

Sozialarbeiter Taha Eltauki berät, wo er kann.

Die Hilfesuchenden stehen bei Taha Eltauki und seinen Kolleginnen von MINA buchstäblich Schlange. Vor sieben Jahren haben arabisch- und türkischsprachige Sozialarbeiter den Verein gegründet, um Menschen mit Behinderung und deren Angehörige zu betreuen. Gefördert wurde der Verein unter anderem von der Aktion Mensch. „Früher habe ich in Wohnunterkünften für unser Angebot geworben, jetzt überhäufen uns die Anfragen“, erzählt der im Libanon geborene Sozialarbeiter. Unter den vielen Flüchtlingen aus Syrien, Libyen und dem Irak, die hierzulande Schutz suchen, sind zahlreiche Menschen mit Behinderung oder schweren Kriegsverletzungen. „Für viele war das Handicap ihres Kindes ein wesentlicher Fluchtgrund“, erzählt Taha Eltauki. „Sie kommen nach Deutschland in der Hoffnung auf eine gute Versorgung.“ Endlich am Ziel, würden viele Eltern wie Anas Algadban jedoch verzweifeln. „Sie bekommen hier zunächst keine Unterstützung und müssen sich um alles selbst kümmern“, so Taha Eltauki, ein sanftmütiger schmaler Mann in den Vierzigern. Doch wie könne man Hilfsmittel, Behandlungen, Schwerbehindertenausweis oder Schulplatz beantragen, wenn man nicht weiß, was einem zusteht? Wenn man das System nicht kennt und versteht? Damit seien doch selbst viele hier lebende Menschen überfordert, meint Eltauki.

Sie kamen vor zwei Jahren nach Deutschland: Anas Algadban und Sohn Mohammad.

Über 3000 Kilometer saß Mohammad in seinem Kinderrollstuhl

Anas Algadban schiebt Mohammads Rollstuhl an den langen Tisch in der Mitte des Gemeinschaftsraums, an dem bereits zwei Dutzend Männer Platz genommen haben, und sucht sich einen freien Stuhl. Die arabisch-sprachige Vätergruppe hat Taha Eltauki vor bald drei Jahren gegründet. „Wir möchten geflüchtete, aber auch hier lebende Väter von Kindern mit Handicap unterstützen“, sagt Taha Eltauki. Unter den Ratsuchenden sind vermehrt alleinerziehende Väter. „Sie fliehen als erste mit dem Kind, das am dringendsten Hilfe braucht“, berichte der Sozialarbeiter. „Die Frau und weitere Kinder hoffen sie über den Familiennachzug nachholen zu können.“ So wie Anas Algadban, der vor zwei Jahren mit Mohammad nach Deutschland geflüchtet ist. Eine Bombenexplosion in ihrer syrischen Heimatstadt hatte dessen Hüfte zerschmettert. Die Familie flüchtete über die Grenze in die Türkei. Während die Mutter und zwei weitere Kinder in einem Flüchtlingslager blieben, zogen Vater und Sohn weiter nach Deutschland. Über 3000 Kilometer saß der Junge in seinem Kinderrollstuhl, den ihm türkische Helfer geschenkt hatten. Als sie endlich in Berlin ankamen, hatte Mohammad ein schweres Wundgeschwür, wurde unzählige Male operiert. „Alle Anträge für den Rollstuhl wurden abgelehnt“, erzählt der Vater und streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Taha Eltauki nickt. Er hat schon so viele Geschichten wie diese gehört. „Hast du Widerspruch eingelegt?“, fragt er den aufgeregten Mann. Der schüttelt den Kopf. „Muss man das?“, möchte Anas Algadban wissen. Wieder nickt der Sozialarbeiter und bittet ihn, nächste Woche in seine Sprechstunde zu kommen. Dann erzählt Anas Algadban von seiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. „Ich stecke in einer Sackgasse. Mein Sohn bekommt nicht das, was er braucht. Meine Frau und Kinder sind in der Türkei, ich darf sie aber nicht nachholen.“ Oft verließe ihn der Lebensmut. Einige Männer nicken, sie kennen das Gefühl.

Er konnte seine Familie nachholen: Tarek Agha mit einem seiner Söhne

Für die Männer ist die Vätergruppe zu einem Ort geworden, um sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken. „Wir bekommen Informationen über Hilfsmittel, Werkstätten, aber auch zur Wohnungssuche“, erzählt Tarek Agha (Name von der Redaktion geändert), seit zwei Jahren festes Mitglied der Vätergruppe. „Wir unternehmen Ausflüge, nur mit den Männern, aber auch zusammen mit unseren Kindern.“ Auch er ist vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchtet, hatte aber mehr Glück als Anas Algadban. Tarek Agha hatte sich alleine auf die Flucht gemacht. In Berlin angekommen, erhielt er schon nach wenigen Monaten eine Aufenthaltserlaubnis und konnte Frau und Söhne nachholen. Seinem 15-jährigen geistig und körperlich behinderten Sohn Mahmood hat er so die lebensgefährliche Flucht erspart. Doch auch für sie war der Anfang in Deutschland „hart“, erinnert sich Tarek Agha an das erste Jahr in Berlin. Er war von morgens bis abends unterwegs, in Schulen, bei Ärzten und auf Ämtern. „Am Anfang weiß man nicht, wie das Schulsystem oder das Gesundheitssystem funktionieren“, erzählt er. „Ich habe viel im Internet recherchiert, mich überall durchgefragt, bis mir ein Bekannter MINA empfahl.“ Taha Eltauki half ihm, einen Schulplatz zu finden, den täglichen Transport zu organisieren und begleitete ihn zu den Elternabenden.

Mahmood Agha hat eine geistige und körperliche Behinderung.

Mahmood geht zum ersten Mal in seinem Leben zur Schule

Während Anas Algadban und Sohn Mohammad wie viele Flüchtlinge in Berlin immer noch provisorisch in einem einfachen Hotel untergebracht sind, lebt Familie Agha in einer Fünf-Zimmer-Wohnung in einem Flüchtlingsheim im Süden Berlins. Auf dem Rasenplatz vor der Unterkunft treffen sich die Kinder und Jugendlichen nach der Schule. Unter ihnen ist Mahmood. Der Jugendliche mit struppigen Haaren und Brille fängt den Lederball mit beiden Händen und passt ihn dann zu seinem Mitspieler. Oben in der Wohnung bereitet Mutter Mofida Agha das Abendessen vor, während Vater Tarek mit dem jüngsten im Wohnzimmer spielt und die seine anderen Jungs bei einem Computer-Fußballspiel entspannen. Seit einigen Monaten hat Mahmood einen Platz in einer Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf. „Er geht zum ersten Mal in seinem Leben zur Schule“, erzählt Tarek Agha stolz. „Es gefällt ihm gut und er ist sehr glücklich, dass er lernen kann.“

Für den Familienvater ist es neu, so sehr am Leben der Kinder teilzuhaben und Verantwortung für sie zu übernehmen. Damals in Syrien fuhr er zur See, manchmal sah er Frau und Kinder zwei Jahre nicht. Wenn er Heimaturlaub hatte, arbeitete er als Taxifahrer. „Ich war immer damit beschäftigt, Geld für die Krankenhausaufenthalte von Mahmood zu verdienen“, erinnert er sich. Hier in Deutschland ist es anders. „Ich spreche besser Deutsch, deshalb kümmere ich mich um das Leben der Kinder außerhalb der Wohnung.“ Seine neuen Aufgaben bringen ihm Spaß und selbst über Erziehungsfragen tauscht er sich gerne in der Vätergruppe aus. „Wir versuchen, unseren Sohn zur Selbständigkeit zu erziehen“, sagt der engagierte Vater. Wir behandeln ihn wie die anderen Kinder: Wenn er einen Fehler macht, wird er zur Verantwortung gezogen.“


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