Das freie Leben gewinnen

In China wurden Menschen mit Behinderung lange Zeit versteckt. Kinder wurden ausgesetzt und von den Eltern verstoßen, weil diese überfordert waren. Die Ein-Kind-Politik hat das Schicksal von behinderten Kindern verschärft. Langsam werden Änderungen sichtbar.

Text  Jobst Rüthers
Fotos  Kathrin Harms

Tian Dabao, die von Ihren Eltern wegen ihrer Behinderung an Armen und Beinen ausgesetzt wurde, reiht Perlen auf eine Schnur.

Was für ein schöner Name: Tian Dabao. Die 29-jährige junge Frau lächelt, als sie dem Besucher aus Deutschland ihren chinesischen Namen erklärt. Tian heißt Himmel, und im Chinesischen wird der Nachname zuerst genannt. Dann an zweiter Stelle der Vorname: Dabao. Das heißt „Großer Schatz.“ Dass Tian einen solch wunderbaren Namen erhalten hat – wer wird schon mit „Großer Schatz“ angesprochen –, steht so ganz im Widerspruch zu den schrecklichen Erfahrungen, denen sie als Kleinkind ausgesetzt war. Kurz nach der Geburt wurde das Mädchen ausgesetzt. Ihre Eltern waren überfordert, vor allem damit, dass Dabao starke Behinderungen an Armen und Beinen aufwies.

„Jemand aus der Nachbarschaft kam gerade vorbei und sah am Straßenrand einen kleinen Karton, darin lag ich“, berichtet Dabao von ihrer eigenen Geschichte. Dabao wird in einem kleinen Heim der Ordensschwestern von der Heiligen Theresa aufgenommen. Sie ist auf Unterstützung angewiesen, um alltägliche Dinge zu verrichten. Und zugleich hat sie besondere Fähigkeiten entwickelt, ihre Einschränkungen auszugleichen, beispielsweise mit dem Mund. Mit großer Geschicklichkeit führt Dabao beim Malen den Pinsel mit dem Mund und zieht beim Perlensticken den Faden durch das Öhr einer dünnen Nadel und reiht dann Perle an Perle.

Nicht der Norm entsprechend: Tian Cici wurde wegen ihrer Pigmentstörung von den Eltern ausgesetzt.

Staatlicher Druck, ein "perfektes" Kind zu bekommen

Mädchen und behindert – bis heute ist das eine in China lebensgefährliche Konstellation. In dem Riesenland mit mehr als 1,4 Milliarden Menschen gab es bis vor kurzem eine rigide Ein-Kind-Politik. Wer mehr als das staatlich erlaubte Kind bekam, wurde mit hohen Gebühren und gesellschaftlichen Nachteilen bestraft. Das führte auch dazu, das vor allem weibliche Föten abgetrieben wurden. Und: Die Ein-Kind-Politik hat über Jahrzehnte auf Eltern den Druck ausgeübt, ein „perfektes Kind“ zu bekommen. Wenn sich abzeichnete, dass der Nachwuchs Behinderungen oder gesundheitliche Einschränkungen aufwies, sahen viele Eltern einen Ausweg nur darin, das eigene Kind auszusetzen. Wie die Eltern von Tian Dabao. Und wie die Eltern von 600 weiteren Kindern, die seit 1988 an der Bischofskirche in Biancun ausgesetzt wurden – wohl in der Hoffnung, dass die Babys rechtzeitig gefunden und versorgt werden. Schwestern von der Heiligen Teresa gründeten das erste Waisenhaus und nannten es Liming Family. Die meisten Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in China sind Nicht-Regierungs-Organisationen, der Staat hat sich lange nicht zuständig gefühlt. Liming Familiy ist kontinuierlich gewachsen, immer mehr Kinder wurden aufgenommen und neue Häuser gegründet.

Förderung: Schwester Wang (Mi.) leitet drei Häuser mit unterschiedlichen Therapieangeboten.

In China gibt es zu wenig Fördereinrichtungen und gezielte Unterstützungsprogramme.

Schwester Wang, die heutige Leiterin, hat viele Jahre um öffentliche Anerkennung kämpfen müssen. Es gibt viele Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen in China, Schätzungen sprechen von etwa 80 Millionen. Weil es bis heute zu wenig Fördereinrichtungen und gezielte Unterstützungsprogramme für Behinderte gibt, wird deren Existenz oftmals geleugnet. „In der nahegelegenen Kreisstadt Ningjin gibt es nur eine Schule für Sehbehinderte und keine Schule für Menschen mit geistiger Behinderung“, klagt Schwester Wang. In den Familien leben viele Menschen mit einer geistigen Behinderung ohne jegliche Förderung und Unterstützung, so die Beobachtung der 45-jährigen  Ordensschwester.

Familie Gu: Die beiden Söhne haben geistige Behinderungen, die Großmutter ist gehbehindert.

Der Staat zahlt nur eine geringe finanzielle Unterstützung.

So auch in der Familie Gu. Die beiden Eltern haben Sorge um beide Söhne, die seit der Geburt geistig behindert sind. Der jüngere Gu Bingbing ist 29, zwei Jahre älter sein Bruder Gu Zongzong. Er wird von seinen Eltern als besonders pflegebedürftig eingeschätzt, benötigt viel Versorgung und Betreuung. Der Staat zahlt nur eine geringe finanzielle Unterstützung, an schulische oder sonstige Fördermöglichkeiten für ihn ist nicht zu denken. Ob für den jüngeren Sohn wohl irgendwann ein Platz  in einer Werkstatt gefunden werden kann? Schwester Wang würde das begrüßen, für die Familie wäre das eine große Entlastung. Zugleich zeigt sie sich skeptisch. Sie schätzt, dass es in diesem Ort mit seinen rund 10.000 Einwohnern 30 Kinder mit Behinderungen gibt, die auf Fördermöglichkeiten warten, bisher vergeblich. Der Staat zahlt für jeden Heimbewohner einen monatlichen Zuschuss von gerade mal umgerechnet fünf Euro. Für Operationen, die viele Jugendlichen aufgrund ihrer Behinderung brauchten, gibt es keinerlei finanzielle Unterstützung.

Schwester Wang freut sich über Lebensmittel- und Sachspenden aus der Nachbarschaft von Liming Family. Und sie schätzt die zahlreichen Hände, die unentgeltlich anpacken. In der Nachbarschaft finden sich Freiwillige, die für kürzere oder längere Zeit mit zupacken. Die pädagogische und pflegerische Arbeit leisten neun Ordensschwestern, zumeist ohne fachliche Vorkenntnisse.

 


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