Etwas bewegen

Seit Verena Bentele zur neuen Behindertenbeauftragten des Bundes ernannt wurde, ist ihr Terminkalender prall gefüllt. Für MENSCHEN. das magazin nimmt sie sich trotzdem Zeit um über ihr neues Amt zu sprechen


Interview Jessika Knauer

 

Frau Benetele, Sie haben Ihr Amt mit Bergsteigen verglichen. Wo sehen Sie Parallelen?
Die wichtigste Parallele ist die Zielorientierung. Einen Gipfel erreicht man nicht in zwei Stunden, sondern man läuft tagelang, muss sich extrem konzentrieren und braucht klare Ziele, damit man auch weiß, was man erreicht hat und ob man auf dem richtigen Weg ist. Und man braucht eine gute Mannschaft, damit man den Weg findet. In meinem Amt bin ich auf die Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen und auf die von Menschen mit Behinderung, die sich positiv einbringen, konstruktiv mitarbeiten und lösungsorientiert denken.

Frank Bauer c/o VRH

Was bedeutet „Inklusion“ für Sie?
Für mich bedeutet Inklusion, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft seinen Platz hat, das jeder eigenständig bestimmt, wo dieser Platz sein soll, und in allen gesellschaftlichen Bereichen teilhat.

Wie wollen Sie das erreichen?
Konkrete Ziele werden derzeit definiert. Im Moment tausche ich mich mit Selbsthilfeverbänden und Interessenvertretungen aus, um konkrete Projekte zu entwickeln.

Wie kam es dazu, dass Frau Nahles Sie für das Amt vorgeschlagen hat?
Wir haben uns auf ein paar Veranstaltungen getroffen, auf den Bundesversammlungen zur Wahl des Bundespräsidenten, an den ich als Wahlfrau der SPD teilgenommen habe, und einmal auf einem Fest, bei dem sie Biathlon-Schießen ausprobiert hat.

Frau Nahles war mit Ihnen zusammen Biathlon-Schießen?
Sie hat es ausprobiert. Aber wir haben uns vor allem auf den Bundesversammlungen kennengelernt. Ihre Entscheidung war sicher eine Kombination aus persönlichem Kennen und der Beratung von anderen. Wenn man solch ein Amt besetzen will, schaut  man natürlich, wer die entsprechende Expertise hat und wer das Thema glaubwürdig vertreten kann. Und so kam sie eben auf mich.

Sie sind jetzt verantwortlich für die Belange von knapp 7,5 Millionen schwerbehinderten Menschen in Deutschland. Bereitet Ihnen die große Verantwortung Herzklopfen?
Ich spüre schon den Druck. Die Erwartungen sind einfach riesig groß und mir ist klar, dass man jetzt sehr auf alles schaut, was ich mache, und dass viele Menschen demnächst ihre Bedürfnisse anmelden werden. Für mich ist aber viel wichtiger das Wissen, dass man gemeinsam etwas erreichen kann. Darum freue ich mich auf die Herausforderung und sehe das eher positiv.

Was genau reizt Sie an der politischen Tätigkeit?
Ich finde es immer wichtig und toll, wenn man sich selber einbringen kann, wenn man mitgestalten kann. Das versuche ich auch immer anderen jungen Leuten mitzugeben. „Mensch, macht was, engagiert euch!“. Nur so können wir wirklich etwas verändern.

Was möchten Sie persönlich verändern?
Ich möchte, dass sich die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung ändert. Oft wird das wahrgenommen, was jemand nicht kann, in meinem Fall zum Beispiel nicht sehen. Das ist dann im Fokus und ich wünsche mir sehr, dass sich das ändert. Ich setze mich dafür ein, dass Menschen mit ihren Fähigkeiten wahrgenommen werden und dass wir jedem Menschen etwas zutrauen. Nur wenn wir anderen etwas zutrauen, können sie sich auch einbringen und entwickeln.

Sie selbst haben sich mal als „Stehauf-Weiblein“ bezeichnet. Wieso?
Das war nicht meine Formulierung, das kam von einem Journalisten. Aber ich bin schon ein Mensch, der aufsteht, der sich immer wieder motiviert und auf die Füße kommt. Ich renne oft genug gegen Dinge. Wortwörtlich, aber auch im übertragenen Sinne. Für mich ist es wichtig, dass ich mich davon nicht einschüchtern oder aufhalten lasse.

Woraus schöpfen Sie Kraft für Ihre Arbeit? Was treibt Sie an?
Mich treiben Ziele an. Mich treibt es an, dass ich durch Training oder durch Arbeit etwas erreichen kann. Und mich motiviert es, wenn ich am Ende sehe, was dabei herauskommt und was die Anstrengung gebracht hat.


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