Auf Startposition

Das Amt des Behindertenbeauftragten des Bundes wurde 1981 im Internationalen Jahr der Behinderten geschaffen. Mit Verena Bentele hat es nun erstmals ein Mensch mit Behinderung inne.

dpa / Rainer Jensen
Andrea Nahles übergibt Verena Bentele die Ernennungsurkunde

Text Jessika Knauer

Voriges Jahr habe ich den Gipfel des Kili­mandscharo bezwungen, jetzt habe ich politische Ziele hier in Berlin“, sagte sie, als Anfang  2014 bekannt wurde, dass Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles sie für das Amt vorgeschlagen hatte. Kurze Zeit später war es dann offiziell: Die ehemalige Biathletin und mehrfache Paralympicssiegerin Verena Bentele wird neue Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen – als bisher Jüngste im Amt und als erster Mensch mit Behinderung. Das Echo von Medien und Gesellschaft war entsprechend groß, die ersten Tage nach der Amtseinführung turbulent. „Es ging gleich voll los. Als ich nach der Ernennung ins Büro kam, klingelte pausenlos mein Telefon. Seither habe ich einen Termin nach dem anderen. Die Erwartungen an mich als neue Beauftragte sind groß.“ Bis Ende April wird sie sich nun konkrete Ziele formulieren, wie sie Barrieren in Deutschland abbauen und Teilhabe fördern will.

Model

Hubert Hüppe (CDU), hier mit seinem Sohn, war von 2010 bis 2013 Bundesbehindertenbeauftragter

Eine verantwortungsvolle Aufgabe

Laut Teilhabebericht 2013 sind knapp 17 Millionen Erwachsene in Deutschland schwerbehindert oder anderweitig gesundheitlich beeinträchtigt. Das entspricht in etwa einem Viertel der Bevölkerung. Für die Belange dieser Menschen tritt der Behindertenbeauftragte ein und muss – wann immer es um Themen geht, die Menschen mit Behinderungen betreffen – von Bundesministerien und Ausschüssen als Berater hinzugezogen werden. Benteles Vorgänger Hubert Hüppe war ein offensiver Inklusionsverfechter. In seiner vierjährigen Amtszeit gestaltete er vor allem die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland mit, und er engagierte sich unter anderem für eine bessere Gesundheitsversorgung  und gegen die Präimplantationsdiagnostik.

Nun hat Verena Bentele das Ruder übernommen. Das Echo in den Medien und sozialen Netzwerken ist überwiegend positiv. Friedhelm ­Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, sieht Bentele als „Idealbesetzung“. Sie sei ein Signal, dass die Regierung „der Behindertenpolitik einen hochrangigen Stellenwert einräumt und ihr zusätzlichen Schwung gibt“. Es gab aber auch kritische Stimmen angesichts ihrer geringen politischen Erfahrung. Die sammelte die 32-Jährige bisher nur auf landespolitischer Ebene – etwa, als sie 2013 den damaligen SPD-Spitzenkandidaten Christian Ude im bayerischen Landtagswahlkampf unterstützte. Sozial engagiert war die Literaturwissenschaftlerin hingegen schon immer, unter anderem als Botschafterin der Christoffel-Blindenmission Deutschland e. V. und der Laureus Sport for Good Foundation. Bei den Aufgaben, die vor ihr liegen, sieht Bentele Parallelen zum Bergsteigen. „Einen Gipfel erreicht man nicht in zwei Stunden, sondern man läuft tagelang, muss sich extrem konzentrieren und braucht eine gute Mannschaft, damit man den Weg findet. Und genauso ist das hier auch.“ 

Und welche Bedeutung misst sie dem Umstand bei, dass sie blind ist? „Ich würde nicht sagen, dass mich das zur besseren Beauftragten macht. Was ich dadurch aber mitbringe, ist eine hohe Sensibilität, weil ich viele Anliegen aus meinem eigenen Leben kenne.“ Vertreter aus den Bundestagsfraktionen haben Verena Bentele bereits ihre Unterstützung zugesichert. Von den Menschen mit Behinderung in Deutschland erhofft sich Bentele, dass sie „sich positiv einbringen, konstruktiv mitarbeiten und lösungsorientiert denken“. Sie freue sich darauf, sich mehr politisch zu engagieren und Dinge zu verändern. Die Gelegenheit dazu wird sie als neue Behindertenbeauftragte in den nächsten vier Jahren haben.


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