Was für ein Saftladen!

Wo hängen die schönsten Äpfel? Genau: In Nachbars Garten. Der Hamburger Jan Schierhorn machte daraus eine Geschäftsidee. Stehlen lässt er die Äpfel natürlich nicht. Vielmehr lässt er sie ganz legal pflücken und aufklauben – von Menschen mit Behinderung und aus schwierigen sozialen Situationen. Jan Schierhon produziert Saft. Sein Unternehmen heißt „Das Geld hängt an den Bäumen“.


 

Tobias Schiebel

Text: Nicola Meier
Fotos: Sascha Montag

Ein Vormittag im Oktober, kalter Herbstwind pfeift über die Wiesen in Hamburg-Bergedorf, der Himmel ist regengrau. Noch aber fallen keine Tropfen, noch kann Tobias Schiebel Äpfel ernten. Das ist sein Job, jedes Jahr für zwei Monate. Dann steht er von morgens halb acht bis nachmittags halb vier auf einer Apfelwiese im Hamburger Umland, in der Hand eine meterlange Pflückstange mit zwei gebogenen Greifhaken an der Spitze. Die verhakt Schiebel in den Ästen der Bäume und schüttelt die Äpfel herunter.

Tobias Schiebel ist 34 Jahre alt, er hat eine geistige Behinderung. Normalerweise bedeutet so etwas: Arbeit in einer betreuten Werkstätte. Dort kommt Schiebel auch her, aber als Apfelpflücker arbeitet er für die Firma „Das Geld hängt an den Bäumen“. Aus den Äpfeln, die er von den Bäumen schüttelt, wird eine Slow-Food-Mosterei später naturtrüben Apfelsaft pressen, der in den Regalen von Ökomärkten und Feinkostläden stehen wird. Er heißt „Nachbars Garten“, man kann ihn in vielen Hamburger Cafés und Feinkostläden kaufen oder im Direktvertrieb, auch Firmen

„Es regnet Äpfel“, ruft Tobias Schiebel, wenn die rot-grünen Früchte von den Ästen mit einem dumpfen Klong auf den Boden kullern, Klong Klong Klong. Seine Kollegen klauben die Äpfel dann vom Boden auf und lassen sie in einen schwarzen Eimer fallen. Zehn Mann sind sie heute, und würden sie die Äpfel nicht abernten, würden sie an den Bäumen vergammeln.

Jan Schierhorn

Mit faulen Äpfeln hat vor einigen Jahren alles begonnen. Jan Schierhorn, 45,  Inhaber einer Promotion-Agentur, war 2008 gerade umgezogen. Die Etagenwohnung war zu klein geworden für ein Leben mit zwei Kindern, mittlerweile sind es drei. Nun hatte die Familie ein Haus mit einem Garten. Darin stand ein Apfelbaum, der viele Früchte trug. Schierhorn und seine Frau buken Apfelkuchen und Apfelpfannkuchen, sie verschenkten Äpfel an Freunde, aber es waren immer noch zu viele. Die Äpfel vergammelten. Und war die Saison vorbei, kauften sie wieder Äpfel im Supermarkt. „Das kann ja nicht sein“, dachte Schierhorn. „Das ist ja eine völlig verquere Art der Ressourcen-Nutzung.“

Er fragte die Nachbarn, wie die mit dem Problem in ihren Gärten umgingen. Keiner hatte eine Lösung. Aber Schierhorn glaubte, dass es eine geben musste, er war ja schließlich Unternehmer. Seine erste Firma hatte er mit 17 gegründet, da war er noch nicht mal mit der Schule fertig. Schierhorn, Arbeiterkind und Scheidungskind, hatte früh gelernt, die Dinge selber in die Hand zu nehmen, wenn niemand anders es tat. „Ich musste die Karotte immer selber wegwerfen, damit ich hinterherlaufen konnte“, sagt er. Was also wäre, wenn man Saft aus den Äpfeln machte? „Ich habe dann ein Verhältnis mit meinem Taschenrechner begonnen.“

Schierhorn rechnete aus, wie viele Äpfel man brauchte für eine Flasche Saft: etwa ein Kilo für einen Dreiviertelliter. Er überschlug, wie lange das Ernten wohl dauern würde. Er sprach Bekannte an, ob sie ihr Obst spenden würden. Er dachte darüber nach, dass doch arbeitslose Menschen die Äpfel ernten könnten, so hätten sie einen Job.  Er schrieb ein Konzept. Auf einer Stadtteilversammlung in Groß-Borstel stellte er die Idee vor, dass Hartz-IV-Empfänger die Äpfel der Umgebung pflücken sollten. „Es war ein Desaster“, sagt er, die Leute hätten ihn ausgebuht. „Man warf mir vor, ich wollte Arbeitslose erniedrigen.“ Erstmal vergaß er die Idee.

Einer der Abnehmer ist ein Feinkostladen in Hamburg-Eppendorf

Naturtrüber Klassiker

Eine Lagerhalle in Hamburg-Lokstedt. Bis vor kurzem wurde hier Elektroschrott gesammelt, jetzt stapeln sich darin Saft-Kisten der Marke „Nachbars Garten“. Am besten geht der Klassiker, naturtrüber Apfelsaft, es gibt ihn in Dreiviertel-Liter-Flaschen und Viertel-Liter-Flaschen. Es gibt auch Kisten mit Mischsäften, Apfel-Johannesbeere, Apfel-Holunder und Apfel-Rhababer, der geht bei den gemischten Sorten besonders gut. Jan Schierhorn trinkt am liebsten Apfel-Birne. In einem Seitentrakt der Lagerhalle hat er sein Büro. Dort erzählt er, wie es damals weiterging mit seiner Idee. Es war nicht so, dass er seinen Agentur-Job nicht mochte, der war auch gut für die Brieftasche. „Aber Herz und Bauch wurden damals nicht angespielt“, sagt er. Er wollte etwas Neues, schon immer war er „eher Entwickler als Bewahrer“.

Jan Schierhorn sieht aus wie die gängige Version eines hippen Großstadt-Unternehmers, zerknautschtes Hemd über der Hose, derbe Boots, Hornbrille und Dreitagebart. Ein knappes Jahr nach der Pleite bei der Stadtteilversammlung hatte Schierhorn die Idee mit dem Apfelsaft immer noch nicht vergessen. Könnte man die Äpfel mit Menschen ernten, die eine geistige Behinderung hätten?, überlegte er. Er fragte bei den Elbe-Werkstätten nach, die sich im Raum Hamburg um Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung kümmerten. Und dort war man offen für eine Zusammenarbeit. Von einer Stiftung bekam Schierhorn 10.000 Euro Anschubfinanzierung und seinen ersten Auftrag für ein paar hundert Flaschen Apfelsaft.

Fünf Jahre ist es jetzt her, dass er mit einer Acht-Mann-Truppe der Elbe-Werkstätten auf einer Wiese stand und Äpfel pflückte. „Ich hatte die Hosen voll“, sagt Schierhorn. Alles ging schief. Die Bäume trugen nicht so viel wie erwartet, und alles dauerte viel länger als geplant. Seine Mitarbeiter guckten sich auch mal den Himmel an, statt zu pflücken. Natürlich kamen damals auch Schierhorn Zweifel. Aber hatte er nicht etwas gesucht, das dem Höher-Schneller-Weiter der heutigen Gesellschaft widerspricht?

Nette Idee, denkt man, aber kann man damit wirklich Geld verdienen? Schierhorn konnte. Vielleicht, weil er so schön erzählen kann, dass man ihm danach auch ein paar Kisten Apfelsaft abkaufen will. Dass er als Inhaber einer Promotion-Agentur auf ein riesiges Netzwerk an Kontakten zugreifen konnte, hat sicher auch dazu beigetragen, dass aus der Idee eine unternehmerische Erfolgsgeschichte wurde. Schon im ersten Jahr war Schierhorn in den schwarzen Zahlen, 2010 gründete er eine gemeinnützige Gesellschaft. Der Name seines Unternehmens passt: „Das Geld hängt an den Bäumen“ bietet Menschen mit Behinderung die Chance auf einen Job.

Christian Langrock und Jan Schierhorn

Starkes Team

Schierhorn selbst verdient sein Geld immer noch mit seiner Agentur und nicht mit dem Apfelsaft, die Leute sollen ihm nicht irgendwann vorwerfen können, dass er den Gartenzaun an seinem Haus durch Behindertenarbeit finanziert hätte. „Ich habe hier eine andere Währung“, sagt er. Wie viel das Unternehmen einnimmt, weiß er nicht mal genau. Die Frage nach dem letzten Jahresumsatz gibt er an Christian Langrock weiter, der neben ihm zweiter Geschäftsführer und für die Zahlen zuständig ist. „Schätz doch mal“, sagt Langrock zu ihm. „250.000 Euro vielleicht?“ „350.000 Euro.“

Christian Langrock, 44 Jahre alt, arbeitete in der Internetbranche. Er dachte schon seit einer Weile über den Sinn seiner Arbeit nach, als er im Urlaub zufällig einen Artikel über Schierhorns Apfelsaft-Projekt las. Er schrieb Schierhorn damals eine lange Email, kurze Zeit später stieg er Teilzeit bei „Das Geld hängt an den Bäumen“ ein. Während Jan Schierhorn ein Einfach-Loslegen-Typ ist und am liebsten intuitiv arbeitet, ist Christian Langrock eher Planer als Macher und arbeitet strukturiert. Beide ergänzen sich also ideal. Wenn man so will, ist Schierhorn das Herz des Unternehmens und Langrock der Kopf, wobei beide sagen, dass sich das manchmal auch umkehrt. Zusammen haben sie jedenfalls aus einem sozialen Projekt ein erfolgreiches Unternehmen gemacht. Im vergangenen Jahr wurden 25.000 Dreiviertel-Liter-Flaschen und 90.000 Viertel-Liter-Flaschen Saft abgefüllt. Längst spenden auch Apfelbauern und Obstbetriebe regelmäßig Äpfel für die gute Sache.

Vier Jahre nach dem Start arbeiten sieben feste Mitarbeiter für das Unternehmen. Darunter nicht nur Menschen mit Behinderung, auch Mitarbeiter mit psychischen Problemen oder Langzeitarbeitslose gehören zum Team. „Wir wollen den Menschen eine Chance geben, die sonst keine bekämen“, sagt Schierhorn. „Ob das Menschen mit Behinderung sind oder andere soziale Randgruppen, ist egal.“ Das Unternehmen sei bewusst kein Integrations-Betrieb, bei einem solchen gebe es Quoten und damit sofort wieder starre Strukturen. „Einer unserer Mitarbeiter will keinen Behindertenausweis, obwohl er einen bekommen würde“, sagt Langrock. „Niemanden zurücklassen, keinen behindern“, das sei ihr Inklusionsverständnis.

Geschüttelt wird mit Hilfe langer Stöcke

Zu den sieben Angestellten kommen die Mitarbeiter der Elbe-Werkstätten, die in den Erntemonaten die Äpfel pflücken. Eine Zeitlang waren sie fest angestellt und haben außerhalb der Pflückmonate Grünpflegearbeiten übernommen. Diesen zusätzlichen Geschäftsbereich haben Schierhorn und Langrock aber vor kurzem wieder aufgegeben und konzentrieren sich ganz auf das Apfelsaft-Geschäft, das in nächster Zeit wachsen soll. Bald wird es das Modell auch in anderen Städten geben, das ist ihr nächstes Ziel. Anfragen aus anderen Bundesländern gab es schon.

Noch aber gibt es den naturtrüben Apfelsaft der Marke „Nachbars Garten“ nur in Hamburg. „Schmeckt immer und immer anders!“ steht auf dem Etikett der Flaschen, je nachdem, welche Äpfel gesammelt wurden. In dem Alleinstellungsmerkmal hat ein Journalist mal „einen leisen Widerstand gegen die Globalisierung“ gesehen. Darüber lacht Jan Schierhorn. Natürlich, der Nachhaltigkeits-Boom der letzten Jahre hat sicher dazu beigetragen, dass der Apfelsaft im Hamburger Raum ein Renner ist. Großstädter, die Wert auf ökologisch korrekte Lebensmittel legen, gibt es in Hamburg schließlich genug. Etwas Gutes tun, ist im Trend, auf sogenannten „Social Days“ buchen seit kurzem auch Mitarbeiter großer Firmen einen Pflücktag und packen auf der Apfelwiese mit an. Geld zahlen, um etwas Gutes zu tun? Einen Tag im Jahr anpacken, um die Bilder dann auf Facebook zu posten? Auch Schierhorn weiß, dass das eine Art Ablasshandel sein kann. Und trotzdem. „Vielleicht denkt ja zu Hause doch der ein oder andere nach“, sagt Schierhorn. „Meine Hoffnung ist, dass aus dem Tropfen eine Welle wird.“


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