"Würden Sie zurückkehren?"

Daniel Heidemeyer aus Oberhausen und Tobias Jacobi aus Düsseldorf studieren an der Gallaudet University für Gehörlose in Washington D.C., USA. Im Interview mit MENSCHEN. das magazin berichten die beiden über ihre Erfahrungen im deutschen und amerikanischen Bildungssystem. 
 

Daniel Heidemeyer (links) und Tobias Jacobi aus Deutschland studieren beide an der Gallaudet-University.

Das Gespräch führte Marie-Charlotte Maas 
 

Wie und warum sind Sie an die Gallaudet University gekommen?

Tobias Jacobi: Meine Schwester hat mich auf Gallaudet aufmerksam gemacht. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, denn ich dachte zunächst, dass sie scherzt. Ich habe zu ihr gesagt: Es kann nicht sein, dass es so etwas gibt.

Daniel Heidemeyer: Ich habe immer davon geträumt, Ingenieur zu werden, aber ich sah keine Chancen für mich. Dann ist meine Großmutter, die ebenfalls gehörlos war und der ich sehr nahegestanden habe, durch Zufall auf einen Artikel über die Gallaudet University gestoßen. Nach ihrem Tod habe ich beschlossen, den Schritt in die USA zu wagen; das war immer unser gemeinsamer Wunsch. Die ersten Tage auf dem Campus waren dann wie ein  Erweckungserlebnis für mich. Ich musste weinen, als ich gesehen habe, wie selbstverständlich die Menschen hier die Gebärdensprache benutzen. Ich wünschte, ich wäre früher nach Gallaudet gekommen.

Wo sehen Sie die wesentlichen Unterschiede für Gehörlose zwischen den USA und Deutschland?

TJ: Meine Gehörlosigkeit war in Deutschland immer ein Stigma. Die Menschen sind distanziert, wenn sie jemanden sehen, der anders ist. Das ist in den USA nicht so.

DH: Der Umgang mit Gehörlosen ist in den USA einfach vollkommen anders, selbstverständlicher, man traut uns mehr zu. Gehörlosigkeit wird hier nicht als Behinderung gesehen, man ist gleichwertig. Viele hörende Menschen sprechen Gebärdensprache, Schüler wählen sie als Fremdsprache. In Deutschland wird das an Schulen nicht einmal angeboten. Und unsere Rechte werden besonders geschützt. Das beginnt bei Kleinigkeiten wie der Untertitelung von Fernsehsendungen, dem Anrecht auf einen Übersetzer und endet bei einer Universität wie Gallaudet.

Zeigen sich diese Unterschiede auch ganz konkret im Bildungssystem?

TJ: Ich habe, bis ich 15 war, ein Internat für Schwerhörige und Gehörlose in Bad Camberg besucht. Dort habe ich zusammen mit Schülern gelernt, die dem Unterricht intellektuell nicht folgen konnten. Als gehörloser Mensch wird man in Deutschland schnell mit geistig Benachteiligten gleichgesetzt. An der Regelschule, auf die ich dann gewechselt bin, war es aber auch schwierig. Nur ein Beispiel: Als Gehörloser sollte ich mündliche Noten bekommen. Eine Ungerechtigkeit, finde ich.  

DH: Oft waren es Kleinigkeiten, die einem das Leben schwer gemacht haben: Der Lehrer drehte sich Richtung Tafel, während er sprach, und schon war man aufgeschmissen, weil man seine Lippenbewegungen nicht mehr sehen konnte. Das Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse von gehörlosen Schülern war einfach nicht da.

TJ: An der Uni ist das ähnlich: Wer als Gehörloser an einer deutschen Universität studieren möchte, braucht einen Dolmetscher oder muss sehen, wie er den Seminaren und Vorlesungen sonst folgen kann. Ich habe in Berlin an der Technischen Universität Mathematik studiert, bevor ich nach Washington gegangen bin. Mit 200 Kommilitonen in einem Hörsaal, Hilfe gab es keine. Das war wirklich nicht einfach. Die meisten Sachen habe ich mir im Selbststudium beigebracht. Die Prüfungen habe ich zwar bestanden, aber zufrieden hat mich die Situation nicht gemacht. 

Können Sie sich vorstellen, nach dem Studium nach Deutschland zurückzukehren?

TJ: Klar, ich vermisse Deutschland. Ich vermisse die Kultur, die Politik und sogar das Essen. Aber zurückkehren? Sicher ist das nicht, jetzt, wo ich einmal gemerkt habe, wie anders das Leben sein kann, wenn man angenommen wird, wie man ist.

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