In der Welt der Stille

Die Gallaudet University in Washington D. C. ist die weltweit einzige Hochschule für Gehörlose. Auch zwei Deutsche haben sich hier ihren Traum von einem Studium erfüllt.

Das Hauptgebäude der Gallaudet University in Waschington D.C.

Text Marie-Charlotte Maas 
Fotos Dermot Tatlow

Ruhig liegt der weitläufige Campus der Gallaudet University in Washington da, an diesem Tag im Februar. Am Nachmittag wird es anfangen zu schneien, aber noch scheint die Sonne auf die roten Backsteinhäuser, eine amerikanische Flagge bewegt sich sanft im Wind, eine Gruppe von Studierenden läuft über den Rasen. Man hört leises Lachen, ansonsten ist es weitgehend still zwischen den verschiedenen Gebäuden. Keine lauten Gespräche, kein Rufen und Schreien von den Sportplätzen, nirgends dudelt Musik aus irgendeinem Smartphone.

Die Ruhe hat ihren Grund: Gallaudet ist die weltweit einzige Universität, die ihr Angebot ganz auf gehörlose und schwerhörige Studierende ausgerichtet hat. Kommuniziert wird hier lautlos in der American Sign Language (ASL), der amerikanischen Gebärdensprache – sowohl in den Vorlesungen und Seminaren als auch draußen auf dem Campus und in den Wohn- und Freizeitanlagen, die der Hochschule angeschlossen sind. Derzeit studieren hier rund 1.700 junge Frauen und Männer, die aus einem breiten Angebot an geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern auswählen können. Zwei von ihnen: Daniel Heidemeyer aus Oberhausen und Tobias Jacobi aus Düsseldorf.  Sie sind hergekommen, um sich den Traum von einem Studium und einem Leben zu erfüllen, in dem ihre Gehörlosigkeit Nebensache ist.

Ohne Gebärdensprache versteht man auf dem Campus nichts. Im und auch außerhalb des Unterrichts wird fast nur gebärdet.

Ein Traum, der sich in den USA leichter verwirklichen lässt als in Deutschland – nicht nur wegen der Hochschule. „Der Umgang mit Gehörlosen ist hier vollkommen anders“, schildert Daniel Heidemeyer. „Gehörlosigkeit wird in den USA nicht als Behinderung angesehen. Viele hörende Menschen sprechen Gebärdensprache, Schüler wählen sie als Fremdsprache in der Schule.“ Außerdem würden die besonderen Bedürfnisse von Gehörlosen im Alltag besser berücksichtigt: Das beginne bei der Untertitelung von Fernsehsendungen, dem Anrecht auf einen Übersetzer und ende bei einer Universität wie Gallaudet.

2014 begeht die Gallaudet University ihren 150. Jahrestag. In der langen Geschichte gab es auch Kontroversen: 2009 etwa demonstrierten die Studierenden mit Erfolg dafür, dass die Einrichtung immer von einem gehörlosen Präsidenten geleitet werden muss. Dennoch ist Gallaudet kein Ort der Abschottung – im Gegenteil: So kooperiert die Institution mit zahlreichen Hochschulen für Hörende, deren Angebote auch die Gallaudet-Studenten wahrnehmen können. Umgekehrt sind hörende Studierende auch in Gallaudet willkommen. Die Universität unterstützt ihre Studierenden dabei, Praktikumsplätze und Jobs zu finden, und ebnet ihnen damit den Weg in eine hörende Arbeitswelt. Forschung und Lehre zur Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden sind einer der Schwerpunkte von Gallaudet.

Die akademische Qualität der Universität gilt als ausgezeichnet. Nicht umsonst wird Gallaudet häufig als „Harvard der Gehörlosen“ bezeichnet. Die hervorragende Ausbildung hat ihren Preis: Wer keines der begehrten Stipendien ergattern konnte, bezahlt rund 15.000 Dollar pro Semester, wer auf dem Campus wohnt und dort verpflegt wird, sogar 22.000 Dollar. Viele Studierende haben deshalb Nebenjobs. Daniel Heidemeyer etwa arbeitet für einen Abgeordneten des US-amerikanischen Parlaments, unterstützt von einem Übersetzer, den ihm sein Arbeitgeber zur Verfügung stellt. „Als ich im Büro anfing, war bereits alles für mich vorbereitet, auch die Technik auf mich ausgerichtet – ganz selbstverständlich.“


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