Flucht mit Behinderung

Auch Menschen mit Behinderung sind vor dem Bürgerkrieg in der Ukraine auf der Flucht. Zwei Fälle zeigen, wie überlebenswichtig dabei die Familie ist.
 

Text und Fotos: Markus Huth

 Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk dem Angriff der Separatisten auf Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen.

Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr blieben. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? „Danke und passt auf euch auf“, rief man einander zu. Und dann zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, haben frühkindlichen Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abweicht. Bei der Flucht vor einem Granatangriff wirkte die Geste nun seltsam untertrieben. „Feuerwerk kennen sie. Und der Gedanke hat sie ein bisschen beruhigt“, sagt Mutter Julia (41), die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.

Schwarze Erinnerungen

Bombardierung, der Verlust von Haus und Heimat oder der Tod von Bekannten: Krieg ist für jeden Menschen traumatisch, ganz besonders für Kinder. Wie aber verarbeiten autistische Kinder diese Erfahrung? Dass ihre Töchter anders sind, merkten die Tratschuks früh. Normalerweise suchen Babys die körperliche Nähe der Mutter. Die Zwillinge hingegen schienen sie abzulehnen. Mieden Blickkontakt. Und reagierten nicht auf die lustigen Grimassen, mit denen Erwachsene Kleinkinder zum Lachen bringen wollen.

Als die Mädchen zwei waren, dann die Gewissheit: frühkindlicher Autismus, eine genetisch bedingte Störung des zentralen Nervensystems. Seitdem haben sich ihre kommunikativen Fähigkeiten kaum weiterentwickelt. Gegenstände wie Anspitzer und Stifte sind für sie interessanter als jeder Mensch. „Sie können nicht mit uns kommunizieren“, sagt Vater Oleg (46).

In der Maltherapie auf einer Sonderschule in Luhansk haben sie gelernt, Gefühle mit Farben auszudrücken. „Nach unserer Flucht benutzten sie monatelang nur Schwarz“, sagt Mutter Julia. Schwarze Blumen, schwarze Sonnen, schwarze Soldaten.

Das Ehepaar sitzt auf dem mit Stofftieren bestückten Sofa im Büro von Psychologin Olga Laschenko. Die 59-Jährige betreut im Auftrag der Caritas Flüchtlinge aus der Ostukraine, darunter viele Kinder. Im Raum sind lauter Dinge, die schlimme Erinnerungen aussperren sollen: Wie ein plüschiger Türsteher bewacht ein großer Teddybär den Eingang, ein farbenfroh gezeichneter Baum wächst an der Wand hinter dem Sofa und in der Mitte des Raums bedecken bunte Stifte einen Tisch. Daran sitzen die eineiigen Zwillinge und malen. Würde nicht Viktoria einen rosa Pulli tragen und Veronika einen grauen, man könnte die beiden Mädchen mit den großen braunen Augen nicht voneinander unterscheiden.

„Autisten finden Halt in Gewohnheiten und einer vertrauten Umgebung, jede unerwartete Veränderung bedeutet für sie Stress“, sagt die Psychologin. Doch die vertraute Umgebung der Zwillinge ist nur noch ein Haufen Trümmer. Weil sie in der Nähe des Luhansker Rathauses wohnten, sei ihr Haus beim Angriff der Separatisten ins Visier der Artillerie geraten, berichten die Tratschuks.

Es ist schwer genug für Menschen ohne Behinderung, sich aus so einer Situation zu retten. Für Menschen mit Behinderung ist es ohne Hilfe nahezu unmöglich. Nach Angaben der „Ukrainischen Nationalversammlung der Behinderten“ haben von den insgesamt etwa 6,6 Millionen Einwohnern der umkämpften Gebiete Luhansk und Donezk rund 372.000 eine geistige oder körperliche Behinderung. Wie viele von ihnen unter den offiziell 6.000 Todesopfern sind, die der Konflikt zwischen dem Ausbruch im Februar 2014 und April 2015 schon gefordert hat, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass die Vereinten Nationen nur 51.400 Behinderte unter den 1,2 Millionen ukrainischen Binnenflüchtlingen registriert haben. Das bedeutet, dass der Großteil in den Separatistengebieten ausharren muss, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen ist.

 

Am Rand der Konfliktzone

Die besten Überlebenschancen haben diejenigen, die sich auf ihre Familie verlassen können. Wie der 33-jährige Iwan Sitjenko, dessen geistige Fähigkeiten seit einem Nervenzusammenbruch, den er mit Mitte 20 erlitt, stark beeinträchtigt sind. Als sich Separatisten und Regierungstruppen vergangenen Sommer heftige Gefechte in Horliwka lieferten, wurde den Sitjenkos klar, dass sie nicht in ihrer Stadt bleiben konnten. „Unsere Fensterscheiben zersprangen vom Druck der Explosionen“, erinnert sich Tatjana Sitjenko (60).

Mit Sohn Iwan, der sein Zimmer nur sehr ungern verlässt, mussten sie mit ein paar eilig gepackten Sachen ins Auto steigen. Seitdem schauen die Sitjenkos auf die Kiefernwälder von Slowjansk. Keine 100 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt liegt das Ferienlager, das ihnen und 142 weiteren Flüchtlingen zum Zuhause wurde. Kinderlachen schallt zwischen den Stämmen hindurch, Wäscheleinen spannen sich von Baum zu Baum – wären nicht alle wegen dem Krieg hier, es wäre idyllisch.

Anders als die Tratschuks wollten die Sitjenkos nicht nach Kiew oder sogar noch weiter westlich. Sie harren wie die meisten der ukrainischen Flüchtlinge am Rand der Konfliktzone aus. „Wir hatten gehofft, dass es schnell vorbeigeht und wir bald zurückkönnen“, sagt Tatjana. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Trotz der derzeitigen Waffenruhe bleibt die Lage unsicher, immer wieder gibt es Berichte von Gefechten. „Entschuldigen Sie, dass wir auf dem Bett bleiben, aber es gibt so wenig Platz“, sagt Tatjana. Es riecht nach Kohlrouladen.

Der zehn Quadratmeter große Raum ist Wohn-, Schlaf- und Esszimmer zugleich. Mitleidsvoll schauen die Jungfrau Maria und das Jesuskind jeden an, der sich an den drei Betten und dem Tisch vorbeiquetscht. Unter dem Ikonenbild thront ein großer Flachbildschirm. Darauf starrt Iwan, ein kräftiger junger Mann im dunklen Pullover. Er sehe am liebsten Nachrichten, sagt die Mutter. Manchmal setzt Iwan selbst zu einem Wort an, schaut dann aber unsicher zu den Eltern und schweigt. „Wir wissen nicht, was aus ihm werden soll, wenn wir nicht mehr sind“, sagt Vater Nikolai, der 64 Jahre alt ist.

Nach fast einem Jahr in ihrer Flüchtlingsunterkunft haben die Sitjenkos ihr Erspartes nun aufgebraucht. Von der kleinen Invalidenrente, die Iwan erhält, konnte er schon in Friedenszeiten nicht leben. Auch die staatliche Zuwendung für jeden registrierten Flüchtling reicht nicht aus: umgerechnet einmalig 45 Euro. Egal, ob Kind, krank oder Rentner. Dabei muss die Familie sogar ihre Notunterkunft selbst bezahlen. Einzig die finanzielle Unterstützung der Caritas sorgt für ein Dach über dem Kopf.

„Wir sind unpolitisch, wir wollen einfach nur Frieden und wieder nach Hause“, sagt Tatjana und blickt aus dem Fenster, vor dem teilnahmslos die Kiefern schwanken. Wann das sein wird, kann derzeit niemand sagen.

In Kiew glauben die Tratschuks jedenfalls nicht, dass sie bald nach Luhansk zurückkehren werden. Sie wollen sich ein neues Leben aufbauen, eine stabile Umgebung für ihre Töchter schaffen. Das ist nicht einfach. Denn die Stimmung in der Westukraine gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten droht zu kippen. Vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, sagt Vater Oleg, der als Journalist arbeitet.

Aber je länger der Konflikt dauert, desto mehr werden die Hunderttausenden Heimatlosen zum Problem. Die Flüchtlinge gelten inzwischen als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen Sohn. Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Nur eine hoffnungsvolle Nachricht gibt es dieser Tage: Die Zwillinge malen seit Kurzem wieder in Farbe.


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