"Das hat Biss!"

Victor Calise (43) ist als Kommissar für Menschen mit Behinderung der oberste Behindertenbeauftragte der US-amerikanischen Stadt New York. In dieser Funktion hat er sich dafür eingesetzt, dass seine Stadt als erste das dynamische Rollstuhlfahrer-Symbol offiziell einführt.
 

Victor Calise ist der oberste Behinderten-Beauftragte der Stadt New York. Von dem dynamischeren Rollstuhl-Logo war er sofort begeistert. Er lässt es sogar an der Wand in seinem Büro anbringen.

Interview und Fotos
Markus Huth

Herr Calise, die Stadt New York hat im vergangenen Sommer als erste ein neues, dynamischeres Symbol für Barrierefreiheit eingeführt und Sie waren eine treibende Kraft dahinter. Warum musste das alte Zeichen weg?

Immer wenn ich mir das alte Symbol angeschaut habe, fand ich es sehr steril. Es zeigt nicht wirklich, wie selbstbewusst Menschen mit Behinderung heute leben. Es zeigt Stillstand. Ich bin selbst Sportler und war im US-Schlittenhockey-Team bei den Winter-Paralympics 1998 in Japan dabei. Deshalb sprach mich das sportliche Design von Sara Hendrens Entwurf sofort an.

Haben Sie gewusst, dass das neue Symbol durch eine illegale Straßenkunstaktion bekannt geworden ist?

Jemand hatte mir einen Link zu dem neuen Symbol geschickt, kurz nachdem ich 2012 mein Amt angetreten hatte. Ich dachte sofort: Ja, das hat Biss, so dynamisch sollten Menschen mit Behinderung repräsentiert werden. Denn sie stehen heute mitten im Leben, sie gehen arbeiten, haben Familie und Kinder. Sie sind ein aktiver Teil der Gesellschaft. Von den Umständen, wie das Symbol entstanden ist, habe ich erst später erfahren.

Und Sie konnten einfach ein neues Logo einführen? Schließlich ist das Symbol für Barrierefreiheit international geschützt und standardisiert.

Nein, so einfach war das nicht. Das Gesetz erlaubt Abweichung vom Original, aber das größere Problem war es, die Behindertengemeinschaft davon zu überzeugen, dass das eine gute Idee ist. Ich brauchte dafür ihre Unterstützung, doch es gab viel Gegenwind.

Wo gab es Widerstände?

Besonders die Vertreter der Blindenverbände hatten Vorbehalte. Sie fanden, dass das Symbol mit dem Rollstuhlfahrer nicht alle Menschen mit Behinderung repräsentieren kann ‑ wie Blinde, Taube oder Autisten. Es weist ja nicht nur barrierefreie Zugänge aus, sondern auch Behindertenparkplätze. Andere Kritiker meinten, dass es zu männlich orientiert sei. Ich stimme ihnen zu. Aber das trifft alles auch auf das eingetragene internationale Symbol zu, und das ist nun mal der anerkannte Standard.

Seit einem Fahrradunfall 1994 sitzt Victor Calise im Rollstuhl. Sportlich aktiv blieb er dennoch. 1998 nahm er im Sledge-Hockey an den Winter-Paralympics in Japan teil. Calise ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Wie haben Sie die Kritiker überzeugt?

Ich konnte sicherlich nicht alle Kritiker überzeugen, aber zum Glück gab es auch viele Unterstützer. Mein Argument ist, dass alles, was diese Debatte anstößt, nur positiv sein kann. Das neue Symbol hat dafür gesorgt, dass die Medien über das Thema berichten, was selten genug vorkommt. Es hat viele Menschen dazu gebracht, über ihre Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung nachzudenken und sie vielleicht in einem neuen Licht zu sehen.

Die Debatte ist das eine, das praktische Leben das andere. Glauben Sie, New York City kann durch ein neues Logo auf Schildern zu einer besseren Stadt für Menschen mit Behinderung werden?

New York stellt Menschen mit Behinderung vor nicht mehr und nicht weniger Probleme als jede andere Großstadt auf der Welt. Von den acht Millionen Einwohnern leben etwa zehn Prozent mit einer Behinderung. Das ist natürlich ein großer Teil der Bevölkerung. Mein Ziel ist es, New York zur barrierefreiesten Stadt der Welt zu machen. Es gibt zum Beispiel immer mehr Fahrstühle in U-Bahn-Stationen, alle Busse des öffentlichen Nahverkehrs sind bereits für Rollstühle zugänglich. Bis 2020 sollen es 50 Prozent der Taxis auch sein. Wir wollen Straßen und Gehwege mit akustischen Signalen ausrüsten ...

... das alles kostet viel Geld. Wäre es nicht besser, die Mittel hierfür einzusetzen, statt Schilder auszutauschen?

Das haben viele Kritiker auch gesagt. „Das wird uns doch Millionen kosten!“ Nein, so ist es nicht. Reparaturbedürftige Schilder müssen irgendwann sowieso ausgetauscht werden. Der Wechsel findet fließend statt, nach und nach, so entstehen keine Mehrkosten.

Nicht nur die Stadt New York, sondern auch der Bundesstaat hat das neue Symbol inzwischen eingeführt. Betreiben Sie nun Lobbyarbeit dafür?

Nein, ich hatte damit nichts zu tun. Offenbar haben andere Menschen auf der Bundesstaatsebene Überzeugungsarbeit geleistet. Jedenfalls rief mich eines Tages ein Staatsparlamentarier an und wollte wissen, wie ich das Symbol in New York City eingeführt habe. Wir sind nun zum Vorbild für andere geworden und können mit unserer Erfahrung helfen. Inzwischen haben sogar schon Parlamentarier aus Arizona, Illinois und Nebraska hier angerufen. Ich habe gehört, dass die rollstuhltauglichen Gondeln in Venedig ebenfalls dieses Symbol verwenden. Ich bin beeindruckt, wie es sich international verbreitet und für Gesprächsstoff sorgt. Vielleicht kommt es ja bald auch nach Deutschland. Wir stehen mit unserer Erfahrung jedenfalls gerne zur Verfügung.


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