Mehr Schwung, bitte!

Es weist weltweit auf Toiletten und Parkplätze für Menschen mit Behinderung hin: ein Strichmännchen im Rollstuhl. Eine US-Designerin hat das Icon neu erfunden.
 

Text und Fotos:
Markus Huth

Eigentlich wollte sie bloß ihrem Sohn helfen, wegen seiner Behinderung nicht stigmatisiert zu werden. Dass Sara Hendren eine illegale Guerilla-Straßenkunst-Aktion auslösen würde, ihr Name im New Yorker Museum of Modern Art stehen und vielerorts über ihr neues Symbol für Barrierefreiheit diskutiert werden würde – das alles ahnte sie nicht, als sie zum Stift griff.

Sie hat das Logo entworfen: Die 42-Jährige Designerin Sara Hendren

„Ich war immer das brave Mädchen aus der Provinz, Rebellion liegt nicht in meiner Natur“, sagt die 42-Jährige, die mit ihrer Familie bei Boston im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts lebt. Das änderte sich, als sie vor neun Jahren einen Jungen mit Downsyndrom zur Welt brachte. „Von da an wollte ich für eine Gesellschaft kämpfen, die meinen Sohn teilhaben lässt, anstatt ihn zu bemitleiden.“ Vor allem störte sie das Symbol, das Behinderte seit vier Jahrzehnten auf der ganzen Welt repräsentieren soll: ein weißes Strichmännchen auf blauem Grund, aufrecht im Rollstuhl sitzend. „Dieser Rollstuhl fährt den Menschen, nicht der Mensch den Rollstuhl“, kritisiert Hendren. Behinderte würden als passiv stigmatisiert. Kurzerhand entwarf die Designerin ihre Version des Logos: Der Oberkörper ist nach vorn gebeugt, die Hände liegen kraftvoll an den Rädern. Athletisch wirkt das. „Eine Behinderung bedeutet ja nicht das Ende der Kontrolle über das eigene Leben“, begründet Hendren das Design.

Ihr Strichmännchen würde aber wohl nur in ihrer Schreibtischschublade rasen, hätte sie nicht ­Brian Glenney getroffen. Der war als Jugendlicher nachts durch ­Seattle gezogen und hatte Wände, Züge oder Brücken besprüht. Heute, mit 40, ist er Familienvater und lehrt Philosophie an einem College bei Boston. Seinem Hobby geht er nur noch legal an ausgewiesenen Graffitiwänden nach. Eigentlich. Denn als Hendren von ihrem neuen Logo erzählte, entschied Glenney: Davon muss die Welt erfahren. Er ließ das rasende Rollstuhlmännchen in Orange auf Hunderte durchsichtige Aufkleber drucken. Mit befreundeten Straßenkünstlern zog der Dozent im Winter 2011 nachts durch Boston und klebte Sticker auf Hunderte Behindertenschilder – auf Parkplätzen und U-Bahn-Stationen. Als die Stadt rätselte, wer dahintersteckte, wandten sich Hendren und Glenney an die Presse. Bald war das Guerilla-Rollstuhl-Logo auf der Titelseite des „Boston Globe“ und landesweit bei CNN zu sehen. Menschen aus aller Welt fanden es toll.

Er hat es in Umlauf gebracht: Brian Glenney hat mit Freunden zusammen durch Streetart-Aktionen dafür gesorgt, dass Hendrens Logo bekannt wurde.

Hendren gab die Rechte an ihrem Logo frei, damit es jeder kostenlos nutzen kann. Seit Sommer 2014 ersetzt der US-Bundesstaat New York das alte Logo durch das neue Symbol für Barrierefreiheit. Die ersten neuen Schilder hingen in New York City. Das gefällt nicht jedem. Denn das bestehende internationale Logo ist geschützt und standardisiert. Durch die Vereinheitlichung sollen Menschen mit Behinderung auch ohne Sprachkenntnisse auf der ganzen Welt barrierefreie Zugänge oder Behindertenparkplätze finden können. Die US-amerikanische Transportbehörde erklärte daher, dass sie Hendrens Logo trotz Akzeptanz von regionalen US-Verwaltungen nicht anerkenne.

Auch in Deutschland könnte es das rasende Rollstuhlmännchen schwer haben. „Zu viele Variationen sind nicht gut, das verwirrt zum Beispiel Touristen“, kritisiert Ilja Seifert, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbands. Doch das Logo ist nicht mehr zu stoppen. In Venedig etwa prangt es schon auf den neuen rollstuhltauglichen Gondeln. Besonders stolz ist Sara Hendren darauf, dass ihr Männchen im Museum of Modern Art in New York hängt. Nicht an einer Toilettentür, sondern in der Ausstellung „Eine Sammlung von Ideen“.


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