Endlich darf Rima tanzen

Rima, ein Mädchen aus dem Waisenhaus, konnte sich endlich ein von Geburt an verkümmertes Bein amputieren lassen. Damit erfüllte sich ein Sehnsuchtstraum: Sie kann jetzt tanzen und begeistert mit ihren Auftritten das Publikum. Damit setzt sie ein Zeichen für die Rechte Behinderter in Nepal.

Mit ihren besten Freundinnen übt Rima (Mitte) tanzen, wann immer sie Zeit hat. Ihre Bühne ist ein abgeerntetes Reisfeld.

Text und Fotos Till Mayer

Gleich passiert das kleine Wunder. Aus der Lautsprecherbox knarzt es ein wenig blechern. Dann nimmt die Musik Fahrt auf. Eine helle Stimme singt ein altes Volkslied, und Rima Puri tanzt. Tanzt, als wäre sie mit ihren beiden Freundinnen Nitu und Anita ganz allein in der Bibliothek.
 Das Trio wirbelt über den kalten Steinboden. Ein paar Quadratmeter zwischen aufgestapelten, völlig verstaubten Büchern, Heften und Magazinen dienen als Bühne. Davor sitzt Rimas Klasse auf klapprigen Holzstühlen im Halbdunkel und staunt. Vor wenigen Minuten haben sie Rima noch die Treppe hinaufsteigen sehen. Mit dem leicht wackeligen Gang, der ihre Prothese unter dem langen Rock verrät. Aber sobald die 14-Jährige anfängt zu tanzen, ist die Behinderung wie weggezaubert. Das lässt jedes Mal Schülermünder offen stehen.

Schon als kleines Mädchen wollte Rima nur eins: tanzen. Die Mitarbeiter von Handicap International unterstützen sie dabei, ihren Wunsch zu verwirklichen.

Tanzen übte Rima heimlich – auf Krücken

Rimas Geschichte taugt für ein Bollywood-Drehbuch, auch wenn ein Happy End nicht sicher ist. Das Mädchen gehört zur Kaste der Unberührbaren und kam mit einer Behinderung zur Welt. Ihr linkes Bein war unterhalb des Knies verkümmert. Eine Katastrophe für die völlig verarmte Familie. Der Vater verließ die Familie, die Mutter gab das Kind in ein Waisenhaus. Rima war damals fünf Jahre alt.
Sie tanzte auch auf Krücken – heimlich, wenn sie allein war. „Ich habe mich geschämt. Ich will kein Mitleid oder Spott in den Augen von Menschen sehen, sondern Freude und Anerkennung“, sagt die 14-Jährige. Einige der Schüler, die jetzt klatschen, haben sie früher gemobbt.

Rimas Fall ist in Nepal nicht untypisch. Behinderte Kinder landen oft in Waisenhäusern, weil sich arme Eltern nicht anders zu helfen wissen. Andere verstecken ihre Kinder im Haus. In den unwegsamen Bergdörfern ist eine Behinderung oft eine fast untragbare Bürde. Einrichtungen für Behinderte sind im ganzen Land die Ausnahme. Das Erdbeben im April hat die medizinische Versorgung weiter verschärft.

Kinder mit Behinderung haben Nachteile

„Selbst eine leichte Sehbehinderung kann schon das Aus für den Schulbesuch bedeuten. Eine Brille können die Eltern nicht finanzieren. Das Kind erkennt nicht, was auf der Tafel steht, fällt im Lernpensum zurück und scheidet aus. Gerade auf dem Land passiert das in Nepal oft“, erklärt Sarah Blin, Leiterin des Kathmandu-Büros von Handicap International, einer internationalen Hilfsorganisation.

Bereits 2011 machte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch auf die ernste Lage von Menschen mit Behinderung in Nepal aufmerksam. Ein Großteil der 329.000 Kinder im Grundschulalter, die nicht zur Schule gehen, weisen eine Behinderung auf, räumte das Bildungsministerium damals ein. Seitdem hat sich wenig gebessert.
Das Gesundheitswesen bietet keine ausreichende Versorgung. Rima hatte deswegen kein Anrecht auf eine kostenlose Operation. Aber sie hatte Glück: Ein Reporter einer Lokalzeitung wurde auf ihr Schicksal aufmerksam.

Das Blatt berichtete, dass sie gern tanzen würde, wenn man ihr den verkümmerten Teil des linken Beins abnähme und sie endlich eine Prothese bekäme. Der Artikel bewegte viele Leserinnen und Leser. Auch Mitarbeiter von Handicap International lasen ihn und reagierten.
Mit zwölf Jahren wurde der Wunsch des Mädchens erfüllt. „Dann konnte ich endlich wirklich tanzen“, sagt Rima. Letztes Jahr wurde sie Zweite bei einem Tanzwettbewerb für Schüler.


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