Jordanien: Hilfe für syrische Flüchtlingskinder

Syrische Flüchtlingskinder haben häufig mit Kriegsverletzungen und Behinderung zu kämpfen. In Jordanien erhalten sie Unterstützung – und bringen die Inklusion voran.
 

Faisal macht im Rehazentrum und in der Schule große Fortschritte.

Text und Fotos: Claudia Mende

Basil zögert einen Moment. „Ich habe Angst“, sagt er, aber dann traut er sich. Auf dem Weg zur orthopädischen Werkstatt muss er einen Bordstein überwinden, fast 30 Zentimeter hoch. Vorsichtig stützt er sich mit dem gesunden rechten Arm auf seine Krücke und  schwingt die Hüfte leicht nach vorne.

Physiotherapeutin Rasha Qasim stützt seinen linken Armstumpf. Mit dem nächsten Schritt hat er es geschafft. Basil Al-Riyabi ist zehn Jahre alt, er hat zwei unterhalb des Oberschenkels amputierte Beine und seine linke Hand fehlt – Folge eines Luftangriffs auf sein Heimatdorf im Südosten Syriens vor zwei Jahren. Nach dem Angriff wurde der Junge gleich mit der Ambulanz nach Jordanien gefahren und operiert. Sonst hätte er nicht überlebt. Sein Vater und ein Bruder kamen ums Leben, das Schicksal seiner Mutter war zunächst ungewiss. Erst in diesem Jahr konnte er wieder Kontakt mit ihr aufnehmen.

Basil wurde bei einem Luftangriff schwer verletzt. Im Reha-Zentrum des Al-Hussein-Vereins unterstützt ihn die Physiotherapeutin Rasha Quasim.

Staatliche Unterstützung ist begrenzt

Etwa 600.000 syrische Flüchtlinge sind inzwischen offiziell beim Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Jordanien registriert, insgesamt sollen es rund 1,5 Millionen sein – bei sechs Millionen Einwohnern. Laut einer Studie von Help Age und Handicap International hat etwa ein Drittel der Flüchtlinge eine Behinderung, Kriegs­verletzung oder chronische Erkrankung.

Offiziell registrierte Flüchtlinge erhalten eine geringe Unterstützung durch die Vereinten Nationen, mehr Zuwendungen für Familien mit behinderten Kindern gibt es nicht. Sie sind auf Nichtregierungsorganisationen wie den Al-Hussein-Verein in Jordaniens Hauptstadt Amman angewiesen. Seit Beginn der Syrienkrise erhält der Verein mehr Mittel von internationalen Geldgebern. Mit Unterstützung der Christoffel-Blindenmission aus Deutschland kann er kostenlos Rollstühle, Prothesen und Gehhilfen zur Verfügung stellen und Gesundheitsstationen barrierefrei ausrüsten.

Basil geht in die Förderschule des Vereins in Amman. 90 Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen, Jordanier und Syrer, besuchen die erste bis vierte Klasse und wechseln anschließend in vielen Fällen auf eine staatliche Schule. Mit Bussen werden die Kinder morgens im gesamten Großraum Amman abgeholt und am Nachmittag wieder heimgebracht. Neben Schulunterricht gibt es Physiotherapie, Unterstützung bei Lernschwierigkeiten und auch psychologische Betreuung.

Die Psychologin Salwa Al-Jarah kümmert sich um Kinder, die durch Krieg und Flucht traumatisiert sind.

Flüchtlinge bringen Inklusion voran

In Syrien ist die Gesundheitsversorgung weitgehend zusammengebrochen. Doaa Wys ist nach Amman geflohen, weil ihr Sohn Faisal intensive Betreuung braucht. Der Sechsjährige leidet an den Folgen eines offenen Rückens.

Der aufgeweckte Junge geht in die erste Klasse. Er malt gern und ist so gut im Rechnen, dass er es auf eine weiterführende Schule schaffen kann. Eine Physiotherapeutin trainiert jede Woche mit ihm die Beweglichkeit seiner Beine, und seine Mutter wurde so geschult, dass sie auch zu Hause mit ihm üben kann. „In Syrien könnte Faisal gar nicht behandelt werden“, sagt Doaa Wys.

Durch Kinder wie Basil und Faisal ist das Thema Behinderung in Jordanien heute viel präsenter als noch vor wenigen Jahren. „Das hilft, Vorurteile abzubauen“, sagt Annie Medzhagopian Abu Hanna, die Direktorin des Al-Hussein-Vereins. „So können wir Inklusion voranbringen, für Syrer und Jordanier.“ 


Weitere Artikel

Tsunami für die Seele

Vor fünf Jahren erschütterten Tsunami und Reaktorkatastrophe Japan. Es wird dauern, bis sich Menschen mit Behinderung davon erholt haben.

Menschen mit Behinderung in Japan
Im Rollstuhl auf der Flucht

Seit Abdullah bei einer Demonstration angeschossen wurde, sitzt er im Rollstuhl. Mit Hilfe von Angehörigen floh er nach Deutschland.

Flüchtling mit Behinderung
Flucht mit Behinderung

Auch Menschen mit Behinderung sind vor dem Bürgerkrieg in der Ukraine auf der Flucht. Sie und ihre Familien stehen vor besonderen Schwierigkeiten.

Reportage aus der Ukraine

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?