Tsunami für die Seele

Vor fünf Jahren erschütterten der Tsunami und die Reaktorkatastrophe Japan. Es wird lange dauern, bis sich die Menschen mit Behinderung und die wenigen Angebote, die es für sie in der Region gab, davon erholt haben.
 

Shigemitsu Miyamoto (rechts) verlor den Großvater und die Sprache. Seit er wieder in der Werkstatt arbeitet, geht es ihm etwas besser.

Text und Fotos: Michael Stürzenhofecker 
 

Als die Erde bebte und das Wasser kam, hörte Shigemitsu Miyamoto auf zu sprechen. Der damals 19-Jährige musste am 11. März 2011 mit ansehen, wie der Tsunami seinen Großvater, bei dem er lebte, fortriss. Es habe Monate gedauert, bis der Junge den Schock verkraftete, erzählt Kori Nobuko, die Leiterin von Beans, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Minamisoma, in der Miyamoto arbeitete. Helfer brachten Miyamoto in ein Nothilfelager in einer Schulturnhalle, aber das habe alles nur noch schlimmer gemacht, sagt Nobuko. Denn dort war er ohne adäquate Betreuung. Diese Zeit habe ihn vollkommen traumatisiert, sagt Nobuko.

Miyamoto war kein Einzelfall. Viele der heute zehn Mitarbeiter von Beans seien nach der Katastrophe völlig verstört gewesen. Sie hätten wichtige Bezugspersonen oder ihr Heim verloren und seien aus ihrem Alltag gerissen worden, als plötzlich die Erde bebte, die Wände zitterten und Regale, Wände und Gebäude einstürzten. Nach dem Erdbeben war auch die Werkstatt nicht mehr benutzbar.

Dann kam der zweite Schock. Im nur wenige Kilometer entfernt liegenden Kraftwerk Daiichi hatte es eine Kernschmelze in drei Reaktoren gegeben. Der Wind blies einen großen Teil der radioaktiven Teilchen aufs Meer hinaus. Dann drehte er. Am Anfang konnte niemand darüber Auskunft geben, wie gefährlich die Situation war und noch ist. Insgesamt 300.000 Menschen verließen ihr Zuhause wegen der Katastrophe. 50.000, meist ältere und sozial schwache Menschen, leben noch heute in Übergangseinrichtungen außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das Kraftwerk, viele weit entfernt von ihrer alten Heimat. Zahlreiche Orte in der Präfektur Fukushima sind weiterhin unbewohnbar.

Kori Nobuko (rechts) leitet Beans, eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Hilfe anzunehmen, gilt als Schwäche

Nach der Katastrophe 2011 waren plötzlich alle Menschen in der Gegend auf Hilfe angewiesen, nicht nur jene mit einer Behinderung. Behinderungen gelten in der japanischen Gesellschaft als Makel. Eltern verbergen ihre Kinder oft und weigern sich, Hilfe von außen anzunehmen. Denn das gilt als Zeichen von Schwäche. Das habe sich zumindest in Fukushima etwas geändert, sagt Nobuko. Aus anderen Landesteilen kommen bis heute regelmäßig Tausende freiwillige Helfer, darunter Psychologen, Studenten und Therapeuten, um die Menschen in den Übergangseinrichtungen zu unterstützen. Dadurch falle es vielen heute leichter, Hilfe anzunehmen.

In der Region Minamisoma lebten zum Zeitpunkt des Unglücks insgesamt 5.000 Menschen mit anerkannten Behinderungen. Vom Staat geförderte Einrichtungen allerdings waren selten, noch rarer waren inklusive Ansätze. Die meisten wurden von Privatleuten ins Leben gerufen und werden oft auch von ihnen geführt. Werkstätten etwa finden sich meist am Rande oder außerhalb der Gemeinden. In der gesamten Präfektur gibt es heute 87 Einrichtungen für Senioren und/oder Menschen mit Behinderungen. Zahlen zur Situation vor 2011 liegen nicht vor. Allerdings machte es der Staat im Zuge des Wiederaufbaus leichter, Einrichtungen für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen zu eröffnen. Auch die Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen dürfte Wirkung gezeigt und Initiativen vorangebracht haben.

Direkt nach dem Unglück haben sich erstmals 22 Organisationen aus der Behindertenarbeit in Fukushima zusammengeschlossen. Freiwillige suchten 200 Notunterkünfte auf und versuchten, einen Überblick zu bekommen, wie viele Menschen mit welchen Beeinträchtigungen Hilfe brauchten. Sie machten etwa eine Familie mit einem autistischen Kind aus, das in einem Auto lebte, weil es den Trubel in der Unterkunft nicht aushielt. Nach und nach wurden die Notunterkünfte zu Übergangsheimen umgebaut, Rampen oder medizinisches Gerät herbeigeschafft.

Shigemitsu Miyamoto

Nur jeder Zweite kehrte zurück

Nobuko konnte ein paar Wochen nach dem Erdbeben die Werkstatt wieder eröffnen. Freiwillige hatten sie dabei unterstützt, die Schäden zu beseitigen. Hilfe von der Regierung gab es keine. Viele derjenigen, die eigentlich nach Minamisoma zurückkehren durften, suchten anderswo in Japan den Neuanfang. Von den einst etwa 70.000 Einwohnern Minamisomas waren 60.000 geflohen, die Hälfte davon kam bislang zurück.

Viele Häuser in der Region stehen leer, auch ehemalige Einrichtungen für Behinderte. Miyamoto aber ist wieder da. Sein Zustand besserte sich, als er in der gewohnten Umgebung der Werkstatt wieder seinem gewohnten Tagesablauf nachgehen konnte. Heute näht und klebt Miyamoto mit 17 anderen geistig und psychisch behinderten Menschen Bälle oder kleine Taschen. Er lacht oft, wenn er mit den anderen zusammensitzt und arbeitet. Aber den 11. März und das Wort „Tsunami“ erwähne sie lieber nicht, solange Miyamoto anwesend ist, sagt Nobuko. Noch sind die Wunden nicht verheilt.


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