Es ist nie zu spät

Tim-Thilo Fellmer schreibt Kinderbücher, hat einen eigenen Verlag und ist ein gefragter Referent, wenn es um Alphabetisierung und Grundbildung geht. Da er selbst funktionaler Analphabet war, ist er Experte auf dem Gebiet und Mutmacher für Betroffene.
 

Autor Tim-Thilo Fellmer besucht oft Schulklassen, um Kinder beim Lesen- und Schreiben-Lernen zu unterstützen.

Text Anja Schimanke
Fotos Erhardt Batzdorf

An seine Schulzeit denkt Tim-Thilo Fellmer nicht gern zurück, im Gegenteil. „Dann ist das Gefühl von Überforderung und Angst wieder da“, erklärt der mittlerweile 47-Jährige. Scham sei früher sein täglicher Begleiter gewesen. Fellmer spricht ganz ruhig, wählt sorgsam seine Worte. Reden konnte er schon immer gut. Lesen und schreiben war dagegen für ihn lange Zeit kaum möglich. Noch als 30-Jähriger war Fellmer funktionaler Analphabet, einer von schätzungsweise 7,5 Millionen Erwachsenen in Deutschland. Wie viele von ihnen hat auch der gebürtige Frankfurter eine Lehre gemacht. Als Kraftfahrzeugmechaniker hat er allerdings nur kurz gearbeitet. Stattdessen hat er andere Tätigkeiten ausgeübt.

Heute ist Tim-Thilo Fellmer als Autor aktiv, schreibt Kinderbücher und hat den TTF-Verlag gegründet. Als Referent engagiert er sich europaweit für Alphabetisierung und Grundbildung und unterstützt Projekte wie LegaKids, eine Initiative für Kinder mit Lernproblemen, die durch das Internetportal spielerisch einen Zugang zu Buchstaben und Zahlen bekommen. Denn Fellmer selbst hatte während seiner Schulzeit in den 1970er-Jahren große Schwierigkeiten, was Buchstaben im Allgemeinen und den Erwerb der Schriftsprache im Besonderen angeht. „Alle aus meiner Klasse konnten irgendwann lesen und schreiben, nur ich nicht!“, so der Schriftsteller. Nachmittags übte er zwar mit seiner Mutter Diktate, aber besser wurde er dadurch in der Schule auch nicht. Auch die Diagnose „Legasthenie“ – eine Lese-Rechtschreib-Störung, die bei den Betroffenen zu Problemen bei der Umsetzung der gesprochenen in geschriebene Sprache und umgekehrt führt – machte die Situation für ihn nicht leichter. Eine Förderung blieb aus, spezielle Lernmethoden konnten ihm weder die Lehrer noch seine Eltern vermitteln. Seine Schlussfolgerung: „Ich bin dumm!“ Weil er schriftlich auch auf der weiterführenden Schule nicht punkten kann, gibt Tim-Thilo mündlich alles und schafft nach elf Schuljahren seinen Hauptschulabschluss.

Wie man in einer Gesellschaft zurechtkommt, in der Lese-Schreib-Kompetenz Grundvoraussetzung ist, um als Erwachsener im Alltag allein zurechtzukommen? Indem man Vertraute hat, die einen unterstützen – und jede Menge Tricks und Ausreden kennt. „Aber es gab auch immer wieder Momente, in denen ich nach Hilfe fragen oder die Hose runterlassen musste“, erinnert sich Fellmer. „Texte konnte ich, bis ich Anfang 30 war, nur mühsam mit viel Zeitaufwand lesen – es war jedes Mal ein Kraftakt.“

Tim-Thilo Fellmer bei einer Lesung

Tim-Thilo Fellmer sitzt in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch, beantwortet kurz eine wichtige E-Mail. Auf der Buchmesse in Leipzig moderiert er täglich Veranstaltungen und liest aus seinen Texten. Um ihn herum an den Wänden stehen Regale voller Bücher. Die Werke von Paulo Coelho hat er alle gelesen, sein Lieblingsbuch ist „Der Alchimist“. Die Liebe zu Büchern war es auch, die ihn als Erwachsenen zum Lernen motiviert hat. „Aber auch die ständige Angst, von anderen für blöd gehalten zu werden“, zählt Tim-Thilo Fellmer als Grund auf, warum ihm das Lesen- und Schreibenlernen so wichtig war. Dass er Dinge, die ihn persönlich einschränken, schlecht akzeptieren kann, kam auch noch dazu. Tim-Thilo Fellmer setzt alles daran, Grenzen zu überwinden oder zumindest zu verrücken.

Dabei sei er nicht besonders ehrgeizig, gibt er zu. „Hartnäckig trifft es eher.“ Fellmer gibt sich bescheiden. Zahlreiche Kurse hat er an der Volkshochschule besucht, privat Nachhilfe genommen und Einzelunterricht bei Dozenten gezahlt, wenn es ihm finanziell möglich war. Geholfen haben ihm nicht nur die Kurse und die verschiedenen Methoden, die er dort gelernt hat. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen sei wichtig gewesen. Und das Lesen, das er geübt und geübt hat. Zehn Jahre lang hat er Zeit und Geld investiert – mit Erfolg! Manchmal kann es Tim-Thilo Fellmer selbst kaum glauben, dass er sich die Welt der Buchstaben erobert hat. Vor einigen Jahren hätte er das nicht für möglich gehalten. „Es gibt Schübe, die einen voranbringen“, weiß er heute und stuft seine Lese-Schreib-Kompetenz als „hoch“ ein. „Aus meiner vermeintlichen Schwäche habe ich eine Stärke gemacht“, lautet das selbstbewusste Resümee seiner Erfolgsgeschichte. Denn mit seiner gewonnenen Lese-Schreib-Kompetenz verschwanden auch Selbstzweifel und Schamgefühl, sein Selbstbild wurde positiver. „Es ist nie zu spät. In jedem steckt die Fähigkeit, zu lernen und sich zu entwickeln“, sagt Fellmer – eine Botschaft, die er in seinen zahlreichen Aktivitäten als Botschafter vom Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung an Betroffene weitergibt. Und auch an die Kinder, denen er begegnet, wenn er an Grundschulen aus seinem ersten Kinderbuch vorliest: „Fuffi der Wusel“, eine Geschichte übers Anderssein. Vorher erzählt Tim-Thilo von seiner Schulzeit, wie peinlich es ihm war, nicht wie die anderen Kinder lesen und schreiben zu können und anders zu sein. Schämen tut er sich dafür längst nicht mehr. Seine Geschichte hat ein Happy End.


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