Vom Allgäu bis nach Amman

Im Mai fand die zum 10. Mal die Allgäu-Orient Rallye statt, eine "Low-Budget-Tour" mit alten Autos und moralischen Ansprüchen. Sie führte von Oberstaufen bis Amman in Jordanien. Mit dabei waren diesmal zwei inklusive Teams aus Deutschland. Begleitet wurden sie von einer Redakteurin und einem Kameramann der ZDF-Sendung "Menschen - das Magazin". Was sie erlebt haben, schildern sie hier.

René Autor, Aktion Mensch

7000 Km lang ist die Tour von Oberstaufen bis Amman. Die Route darf jedes Team sebst bestimmen, nur Autobahnen sind tabu. Stattdessen nutzen die Teams oft Nebenstraßen oder Feldwege als Abkürzung, wie hier in der Türkei.

Text Hiltrud Fischer-Taubert
 

„Ich schaff das“, sagt Lena selbstbewusst vor dem Start der wohl außergewöhnlichsten Rallye der Welt. „Es wäre cool, wenn wir das Kamel gewinnen würden“. Denn das wartet am Ziel in Jordanien auf die Gewinner. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: von Oberstaufen durch Österreich, Ungarn, Rumänien, Serbien, Bulgarien, der Türkei , Israel bis nach Jordanien.

Die 18-jährige Schülerin mit Down-Syndrom aus Würmlingen ist die jüngste unter 600 Rallye-Teilnehmern. Drei Fahrzeuge für sechs Team-Mitglieder sind die Regel, weil man immer damit rechnen muss, dass ein Auto kaputtgeht oder liegenbleibt. Denn es werden nur solche Fahrzeuge zugelassen, die mindestens 20 Jahre alt oder nachweislich höchstens 1.111,11 Euro wert sind. Zum Schluss werden alle Autos in Jordanien für einen wohltätigen Zweck gespendet.

Hiltrud Fischer-Taubert, Aktion Mensch

Uwe Gräfenhein entdeckt auf der Tour, was in ihm steckt.

Zum dritten Mal geht Teamchef Björn Vissering von der Lebenshilfe Rottenburg gemeinsam mit Menschen mit Behinderung an den Start. Er liebt die Tour – auch, weil ein unkompliziertes Miteinander bei dieser Rallye ganz selbstverständlich ist. Neben Lena gehört Uwe Gräfenhain zum Lebenshilfe-Team. Autofahren ist seine große Leidenschaft. Die Orient-Rallye, die auch für erfahrene Fahrer eine Herausforderung darstellt, macht er bereits zum zweiten Mal mit. Im Alltag arbeitet der Leipziger in einer Behindertenwerkstatt. Seit ein paar Jahren besitzt er einen Führerschein, fährt aber daheim nur Strecken, die er gut kennt. Im vergangenen Jahr ist er aber schon in der Wüste gefahren. Und in diesem Jahr schafft er auch deutlich befahrenere Strecken, selbst im dichten Verkehr von Istanbul und Amman – und er entdeckt dabei, was in ihm steckt. „Das Schönste an der Rallye finde ich, die schönen Landschaften zu sehen und wie die Leute in den Ländern sind“, sagt Uwe.

Für Lena sind die ersten Tage ohne Eltern und Geschwister schwer. In den langen Stunden im Auto über holprige Landstraßen auf dem Balkan denkt sie oft darüber nach, abzubrechen. Aber sie will es jenen in der Schule beweisen, die ihr das nicht zugetraut haben. Und nach einigen Tagen, als die Rallye Istanbul erreicht, ist Abbruch kein Thema mehr. Locker skypt und telefoniert sie mit den Eltern und kann unter anderem über die türkische Gastfreundschaft berichten, die sie während einer ausgedehnten Einkaufstour erleben konnte. Eine große Prüfung steht ihr noch bevor: Der erste Flug ihres Lebens. Um Syrien zu umgehen, werden die Autos verschifft und die Rallyeteilnehmer fliegen von Adana im Südosten der Türkei nach Tel Aviv. Im Flugzeug ist Lena nervös. Doch sie schafft es, ihre Flugangst zu überwinden und nach der Landung freut sie sich sogar auf den nächsten Flug in wenigen Tagen, der sie von Amman nach Hause bringen wird.

Hiltrud Fischer-Taubert, Aktion Mensch

Lena Wolff und Björn Vissering vom Team der Lebenshilfe Rottenburg bei der morgendlichen Besprechung.

Lena ist das einzige weibliche Mitglied des Lebenshilfe-Teams, und sie sucht immer wieder die Nähe von Anne und Melanie, den beiden jungen Frauen des TurbodiEsel-Teams, einer weiteren inklusiven Teilnehmer-Gruppe. „Manchmal ist es schwer mit Männern als einzige Frau zu sein“, stellt sie fest. Nach und nach lernt sie, sich durchzusetzen und sie ist stolz darauf, „dass ich mutig bin, dass ich auf fremde Leute zugehe und rede. Und dass ich Hilfe holen kann, selbständig bin“. Auch für Benjamin, Jörg und Robert, die drei anderen Mitglieder des Lebenshilfe-Teams, ist es eine neue Situation. Sie kommen nicht aus sozialen Berufen und haben keine besondere Erfahrung im Zusammenleben mit Menschen mit Behinderung. Björn Vissering hatte sein Team bewusst für Menschen ohne Bezug zur Behindertenhilfe geöffnet, um auch in dieser Hinsicht unterwegs Grenzen zu überwinden. Gemeinsam mit Uwe und Lena lösen Benjamin, Jörg und Robert während der gesamten Tour die zahlreichen Aufgaben die die Mannschaften während der Rallye erledigen müssen. Für die Drei gilt es, immer wieder die richtige Balance im Umgang mit Lena und Uwe zu finden zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung.

Als die Rallye nach knapp drei Wochen ihr Ziel am Toten Meer in Jordanien erreicht, wartet auf das Team der Lebenshilfe noch eine besondere Überraschung: Zwar gewinnen sie nicht das Kamel, aber bei der Preisverleihung bekommen sie als Einzige Standing Ovations der anderen Rallye-Teilnehmer.

René Autor, Aktion Mensch

Monatelang hat Johannes Obermaier vor der Rallye an seinem Golf-Kombi gebastelt. Sogar ein Bett hat er eingebaut.

„Ich bin eigentlich kein richtiger Urlauber. Mir gefällt es Zuhause so gut. Das ist der erste Urlaub, wo ich so weit weg bin. Man kann ein Kamel gewinnen. Ich werde mir sicher kein Kamel in den Garten stellen. Dabeisein ist alles“, kommentiert Johannes Obermaier seine Teilnahme an der Allgäu-Orient-Rallye. 2010 hatte Johannes einen Motorradunfall. Seitdem ist er querschnittgelähmt. „Ich bin gewissermaßen schon auf Hilfe angewiesen, aber die Leute, die bei uns im Team mitfahren, auf die kann man sich hundertprozentig verlassen“, ist er überzeugt. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir durchkommen, ohne Pannen“.

Monatelang hat er mit Unterstützung der anderen die drei Autos des TurbodiEsel-Teams flott gemacht. Johannes fährt die rund 7000 km Strecke alleine, seine Lebensgefährtin Melanie als Beifahrerin. Es scheint, als habe der 31-jährige KfZ-Meister Treibstoff im Blut. „Es ist egal, ob man im Rollstuhl sitzt oder ob man zu Fuß geht. Man kann so viel machen, und das kapieren manche Leute nicht“, sagt er.

Doch einfach wird es für Johannes nicht: Allein schon Behindertentoiletten zu finden, ist eine Herausforderung. Und immer wieder muss er Barrieren überwinden. Soweit es geht, hat das TurbodieEsel-Team jedoch vorgesorgt, will möglichst unabhängig sein. Im Kombi wartet am Abend ein bequemes Bett auf Johannes und Melanie, eine Dusche ist in wenigen Minuten an einem der Autos installiert, Johannes hat selbst einen einfachen Toiletten/Dusch-Stuhl konstruiert.

Ohne Probleme schafft es das TurbodiEsel-Team dann auch von Oberstaufen nach Amman. Das ist längst nicht bei allen so. Immer wieder sind Johannes und Andy, einer seiner Team-Kollegen, gefragt, wenn andere Autos nicht mehr einsatzfähig sind. Zu helfen ist für sie selbstverständlich. Dass sie dadurch unter anderem einen Teil der legendären Wüsten-Tour in Jordanien, auf die sie sich lange gefreut haben, verpassen, das können sie leicht verschmerzen. Schwer fällt es Johannes allerdings, in Jordanien sein Auto zurückzulassen, in das er so viele Stunden Arbeit investiert hat und das ihn so sicher ans Ziel gebracht hat.


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