Beschädigte Schönheit

Mit seinem Buch „Beschädigte Schönheit“ legt Lorenz Jäger eine Kulturgeschichte zur Ästhetik des Handicaps vor. Dem Autor selbst, der Leiter des Ressorts Gesellschaftswissenschaften bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ist, geht es aber um nichts anderes als um die tatsächliche Schönheit „beschädigter“ Körper. Dass Menschen mit physischen Makeln ihre Körper heute selbstbewusst und ästhetisch inszeniert zeigen, hält er für einen Befreiungsakt. Wir haben mit Lorenz Jäger über sein Buch gesprochen und ihn gebeten, Fotos von Models mit Behinderung für uns zu kommentieren.
 

Interview: Eva Keller

Herr Jäger, gibt es einen Unterschied zwischen Schönheitsfehler und Makel?

Für mich persönlich ist diese Unterscheidung nicht triftig. Und auch in der Gesellschaft gibt es dazu keine eindeutige Haltung. Denken Sie nur an Leberflecken und Muttermale: Im 18. Jahrhundert wurden sie künstlich appliziert, weil sie dem Gesicht einen pikanten Akzent geben. In den 80-er Jahren wurde ein Leberfleck das Markenzeichen von Cindy Crawford. Oder die Brille: In den 50-er Jahren galten Frauen mit Brille als absolut horribel. Heute ist daraus eine eigene Ästhetik geworden.

Viktoria Modesta trat bei den Londoner Paralympics 2012 als Schneekönigin auf, mit einer Prothese in Silbermetallic. Außerdem gibt es ein grandioses Musik-Video von ihr, in dem sie eine spitz zulaufende Prothese aus Metall trägt. Sie kratzt damit über eine Eisfläche und stößt das Eis schließlich auf. Sie triumphiert.

© Getty Images

Aber gilt das auch für größere Makel, wird auch körperlichen Beeinträchtigungen eine eigene Ästhetik zugestanden?

Ja, da hat sich in den letzten zehn Jahren vieles getan. Es gibt keine Fashion Show mehr, auf der nicht in irgendeiner Weise bemakelte Models auftreten. In der Antike galt: Wer bucklig war, der hatte auch Charakterfehler. Wer schielt, war neidisch. Heute sind äußere Schönheit und moralischer Wert voneinander entkoppelt. Die Entkoppelung dieser Sphären halte ich für einen ganz großen Modernitätsgewinn, so Moderne-skeptisch und konservativ ich auch sonst bin ...

Warum eigentlich sind Sie in die Kulturgeschichte abgetaucht und haben nachgeforscht, wie Behinderung früher wahrgenommen und in der Literatur beschrieben wurde?

Weil die akademischen Disability Studies, die sich ja auch der sozial- und kulturwissenschaftlichen Erforschung von Behinderung widmen, erst im 19. oder gar 20. Jahrhundert ansetzen. Ich merkte, dass das nicht reicht. Den Wandel, der sich im Moment vollzieht, verstehen wir nur, wenn wir noch weiter zurück gehen: In der Renaissance gab es die ersten Schönheitsbeschreibungen von Frauen, die schielten oder hinkten. Das war ein richtiger Boom in der Literatur! Und die Virtuosität der Dichter galt als umso größer, je prägnanter sie die Paradoxie des schönen Schönheitsfehlers beschreiben konnten.

Den Disability Studies fehlt außerdem der ästhetische Zugang zum Thema. Für meine Begriffe wird da zu viel gejammert. Die werden auch jetzt jammern, wo Models mit Behinderung auf den Laufstegen und in Magazinen angekommen sind. Die werden sagen: Das ist doch nur der Kapitalismus, das ist doch nur eine Inszenierung. Aber: So what?

Sie haben einmal klar gestellt, dass Sie sich für die „ästhetischen und erotischen Feinheiten“ der beschädigten Körper interessieren – und nicht für die Diskussionen um Toleranz und das Recht auf Gleichheit. Warum nicht?

Ich kann nichts anfangen mit pädagogischen oder moralisierenden Ansätzen. In einer Ausstellung über Behinderung stand ich mal vor einem Zerrspiegel, der mir signalisieren sollte: Auch du bist anders! Und daraus soll ich dann Toleranz fürs Anderssein entwickeln? Nee, das funktioniert bei mir nicht. Aber es ist natürlich das gute Recht und die Pflicht von Lobby-Organisationen, moralisch so zu argumentieren.

Moffy wurde in einem Interview mal auf ihren Strabismus angesprochen. Sie aber fand diesen medizinisch korrekten Begriff zu technisch – zumal er sich anhöre, als würde das Schielen ihr ganzes Leben beeinträchtigen. Sie sagt über sich selbst lieber: „I´ve just got a funny eye!“

© Getty Images

Tatsache ist, dass viele Menschen mit Behinderung sich heute selbstverständlicher und selbstbewusster in der Öffentlichkeit bewegen als noch vor 20 Jahren. Tun sie dies nicht genau deshalb, weil eben seit Jahren ganz inklusionistisch-moralisierend ihre Teilhabe an der Gesellschaft eingefordert wird – und sie so erst sichtbar wurden?

Ja, das ist durchaus möglich. Aber es bleibt eine Akzentverschiebung in der Wahrnehmung. Ich habe versucht, das für die Paralympics zu beschreiben. Während die Pekinger Paralympics 2008 noch ganz im Dienste dieser humanitären Inklusionsidee standen, haben die Londoner Paralympics 2012 auf eine ästhetische Inszenierung gesetzt – besonders in der Abschlussvorstellung mit der beinamputierten Künstlerin Viktoria Modesta.

In Ihrem Buch erwähnen Sie noch einen anderen Meilenstein in der Wahrnehmung „beschädigter Körper“: den Auftritt der doppelbein-amputierten Aimée Mullins in einer Modenschau von Alexander McQueen ...

Ja, das war damals eine absolute Sensation– und für mich der Auslöser, mich mit der Ästhetik des Handicaps zu beschäftigen. Ich erinnere mich, wie eine Kollegin zur mir ins Büro kam und mir die Zeitschrift „Dazed“ zeigte, darauf ein Foto von Mullins im Sport-Dress und mit Renn-Prothesen. Die Kollegin fand diese Darstellung takt- und geschmacklos – ich fand sie gut. Ungefähr zur selben Zeit hörte ich im Radio eine Sendung über einen Aphasie-Kongress. Dort interviewten sie nicht etwa einen Facharzt oder Logopäden zu dieser Sprachstörung, sondern einen Aphasiker selbst. Der erklärte ganz, ganz langsam, was Aphasie ist. Es war toll, wie der Sender das ganze Interview so durchgezogen hat.

Da wurde also das Objekt der Berichterstattung zum Subjekt?

Richtig. Von der Antike bis zur Neuzeit hatten diese Menschen kein Mitspracherecht. Jetzt schlagen die angeschauten Objekte gleichsam die Augen auf und erwidern den Blick: Der Aphasiker fängt an zu sprechen, das amputierte Model zeigt seinen Körper. Aber das hat ein paar hundert Jahre Vorlauf gebraucht. Selbst in den positiven Schönheitsbeschreibungen der Renaissance blieb es ja noch beim Blick von außen. Die Figuren sind völlig anonym, ihre Namen nicht mehr als eine Zierde: Belinda, Cloris ... Erst später bekommen die literarischen Figuren einen Charakter, eine richtige Lebensgeschichte. Nun haben wir den Wendepunkt erreicht – und glücklicherweise fällt er in unsere Zeit.


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