Anketten für mehr Freiheit

Jenny Bießmann über ihren Alltag als Rollstuhlfahrerin und ihren Einsatz als Aktivistin der Behindertenbewegung AbilityWatch.
 

 

Die 30-Jährige Jenny Bießmann ist Aktivistin von AbilityWatch. Die Studentin der Erziehungswissenschaften und Genderstudies setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein.

 

Text und Foto: Lisa Hermes

Spontaneität ist für Jenny Bießmann ein Fremdwort. Wenn sie etwa mit Freunden einen anstrengenden Uni-Tag in einer Bar ausklingen lassen möchte, ist das gar nicht so einfach. Die Studentin muss im Internet recherchieren, welches Lokal barrierefrei erreichbar und ausgestattet ist. Es gibt nicht viele in Berlin.

Jenny Bießmann lebt seit ihrer frühen Kindheit mit einer spinalen Muskelatrophie und ist, wegen des dadurch verursachten Muskelschwunds, auf einen Rollstuhl angewiesen. Spontane Aktionen wie ein Barbesuch sind für sie daher meist mit einem hohen Aufwand verbunden. „Die Teilhabe behinderter Menschen an der Gesellschaft könnte durch Gesetze erheblich vereinfacht werden“, sagt sie.

Bewegung der Inklusionstreiber

Vor über einem Jahr hat sie sich deshalb der Aktivistengruppe AbilityWatch angeschlossen. Das Kollektiv sieht sich als neue Bewegung junger „Inklusionstreiber“ und setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein. Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen, einer starken Social-Media-Präsenz, Petitionen und Gesprächen mit Politikern möchte AbilityWatch die Bedürfnisse behinderter Menschen in die Gesellschaft tragen.

So wie im Mai, als sich die Studentin und mehrere Rollstuhlaktivisten vor dem Bundestag anketteten. Anlass für die Aktion mit dem Slogan „Nicht mein Gesetz“ war die Novellierung des Behindertengleichstellungsgesetzes. „Die Politik soll nicht über uns, sondern mit uns entscheiden“, sagt Jenny Bießmann. Sie und ihre Mitstreiter forderten, dass die im Gesetz festgeschriebene Barrierefreiheit staatlicher Institutionen auf die Privatwirtschaft ausgeweitet werden soll. Ein spontaner Abend in der Bar wäre dann auch für die Studentin keine Schwierigkeit mehr. Aktuell liegt der Fokus von AbilityWatch beim Bundesteilhabegesetz (BTHG), das 2017 in Kraft treten und die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung stärken soll. „Mit Selbstbestimmung hat das BTHG allerdings wenig zu tun“, findet Jenny Bießmann. Sie befürchtet, dass das „Poolen von Leistungen“ für viele Betroffene bedeuten könnte, in Heime und Wohngemeinschaften abgeschoben zu werden, um Kosten zu sparen.

„Nicht alle Forderungen können umgesetzt werden. Erfolgreich sind wir aber trotzdem“, sagt Jenny Bießmann. „Unsere Interessen werden sichtbar, und das ist der erste wichtige Schritt für eine bleibende Veränderung.“


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