Datenschutz und Datensolidarität

Der Trend zur digitalen Selbstvermessung eröffnet Krankenversicherern neue Möglichkeiten, ihre Versicherten zu überwachen und zu steuern. Wer mitmacht, verliert.
 

Paragraphenzeichen

Big Data macht nun möglich, wovon Krankenversicherungsmanager schon lange träumen: Mit Gesundheits- und Verhaltensdaten, die Handys, Tracker und Wearables vom Aufwachen bis zum Tiefschlaf in hoher Präzision erfassen, können persönliche Risikoprofile erstellt werden. Und mehr noch: Die Versicherungen planen, mit maßgeschneiderten Anreizen das Verhalten ihrer Versicherten auch zu steuern. Die Selbstvermessung dient so dazu, die Selbstoptimierung zu vervollkommnen. Das kann man für ein klassisches Win-win-Szenario halten, in dem alle profitieren: die Versicherungen, weil sie ihre Ausgaben begrenzen können, die Versicherten, weil sie Vergünstigungen erhalten, und die Gesellschaft, weil die Menschen, die in ihnen leben, gesünder werden. Das setzt aber voraus, dass man darauf vertraut, dass der Mensch nicht viel mehr ist als die Summe seiner Daten. Und dass man den Grundsatz der Datensparsamkeit, der ein Kernelement des Datenschutzrechtes ist, für überkommen hält. Datensparsamkeit sichert aber ein überaus wertvolles Gut: die Privatsphäre. Nur wer darauf verzichtet, täglich mehrmals seinen Puls, seine Laufgewohnheiten oder die verbrauchten Kalorien zu erfassen, stellt sicher, dass andere nicht an diese Daten kommen. Und nur wer den Zugang zu diesen Daten verschlossen hält, verhindert, dass andere sie zusammenführen und daraus Schlüsse ziehen, die richtig, aber auch falsch sein können. Denn was es über einen Menschen aussagt, wenn er viel läuft, wenig säuft und unentwegt Möhren isst, wissen wir nicht. Vielleicht ist es Ausdruck gesundheitsbewussten Verhaltens, vielleicht aber auch Zeichen von Einsamkeit und beginnender Depression, die in einem Absturz enden. Nicht zur großen Datensammlung beizutragen, ist auch ein Solidarbeitrag für eine inklusive Gesellschaft. Denn viele Menschen haben keine Chance, sich in einer Gesellschaft, die sich an Optimierungszielen ausrichtet, frei zu entwickeln. Wenn ihnen Daten sanft oder mit Druck abgefordert werden, dann geschieht das nicht, um ihnen freundliche Angebote zu machen. Wer kritische genetische Dispositionen hat, wegen Multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt oder eine Trisomie 21 und einen Herzfehler hat, mag die Gesellschaft noch so sehr bereichern: Versicherungstechnisch wird sie oder er stets ein Risiko sein, das man versuchen wird, außen vor zu halten oder durch hohe Prämien zu sanktionieren.


weitere Artikel

Darf ich so bleiben, wie ich bin?

Jürgen Wiebicke beschreibt die Auswirkungen der zunehmenden Möglichkeiten zur Selbstoptimierung auf die menschliche Würde.

Der Mensch 2.0
Gleiches Geld für alle?

Zwei unterschiedliche Meinungen zum Thema Grundeinkommen und dessen mögliche Bedeutung für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

Pro & Contra Grundeinkommen
Düstere Aussichten

2025 ist Inklusion abgeschlossen. Menschen mit Behinderung sind komplett integriert. Eine Horrorvision, findet der Kolumnist Martin Fromme.

Zukunfts-Visionen

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?