Vorbilder für die Großen

Ein „Bauer“ mit Behinderung, ein „Prinz“ dessen Eltern aus Nigeria stammen, eine „Jungfrau“, die entgegen der Kölner Tradition ein Mädchen ist – das Kinderdreigestirn aus Köln-Porz lebt Vielfalt. Damit haben die Jungen den Alten im Kölner Karneval manches voraus.
 

"Herzlich willkommen im Seniorenheim!" Das Kinderdreigestirn bei einem von 108 Auftritten.

Text  Uli Kreikebaum
Fotos  Michael Bause

Alles echt: Prinz Alim

An diesem Nachmittag absolviert das Porzer Kinderdreigestirn einen seiner 108 Termine während des Kölner Karnevals. Im Münzer-Haus der Diakonie Michaelshoven in Rodenkirchen leben Menschen mit fortgeschrittener Demenz. Einige liegen im Rollstuhl, viele nutzen den Rollator. Alle tragen bunte Hütchen und sind als Clowns geschminkt. Eine alte Frau greift nach der Hand von Prinz Alim, der sie lächelnd nimmt. Die Rosen, die er mitgebracht hat, legt der 13-jährige Kinderprinz den meisten vorsichtig in den Schoß. Als die Leiterin der Einrichtung auf der Bühne zu Alim sagt, er sei so schön geschminkt, sie danke deswegen auch den Menschen, die fürs Make up zuständig seien, greift sich Alim das Mikro, und ruft: „Liebe Frau, das ist kein Make up, das ist alles echt.“

Sandra Cincinnati-Neelen, die Leiterin der Dreigestirnsschule, die Prinz Alim Robinson, Bauer Manuel Heumann und Jungfrau Lea Scheben fast ein Jahr auf die Karnevalssession vorbereitet hat, sagt ihnen kurz vor dem Einzug in den Speisesaal des Seniorenheims: „Seid nett und offen, tanzt, sagt Eure Sprüche auf, seid ganz normal. Wenn die Menschen weinen, weinen sie eher vor Freude. Wenn sie sich nicht regen, wundert euch nicht – vielen geht es nicht so gut.“ „Ist kein Thema für mich“, sagt Bauer Manuel sofort. „Ich bin eine Rampensau.“

Es ist dann auch kein Thema: Prinz Alim, Jungfrau Lea und Bauer Manuel sagen auf der Bühne ihre kölschen Sprüche auf, sie zeigen das Stippeföttche – einen traditioneller Tanz, bei dem zwei Karnevalisten Rücken an Rücken stehen und ihre Hinterteile aneinander reiben – verteilen Rosen und Orden und tanzen zu kölschen Liedklassikern wie „Superjeilezick“ – einem Lied, in dem sich die Kölschrockgruppe Brings „mit Tränen in den Augen“ an die „supergeile Zeit“ früher erinnert. Tatsächlich haben einige der Bewohner Tränen in den Augen. Möglich, dass in diesem Moment Erinnerungen zurückkehren. Für Manuel ist der Auftritt dagegen „ganz normal“. Nicht viel anders als gestern, als die drei in der Porzer Marktapotheke aufgetreten sind. Danach waren sie auf einer Karnevalsparty des „Kölner Stadt-Anzeigers“. „Wir machen ja immer dasselbe“, sagt Manuel. „Das ist kein Thema.“

Verrückt nach Karneval: Bauer Manuel

"Ein Leben ohne Karneval ginge gar nicht"
 

Als der sonst eher vorlaute Manuel erfuhr, dass er in dieser Karnevalssession im Kinderdreigestirn als Bauer durch die Säle ziehen darf, konnte er sein Glück kaum fassen. Der 15-Jährige sagt von sich selbst: „Ich bin karnevalsverrückt.“ Er ist schon seit Ewigkeiten bei der Karnevalsgesellschaft Urbacher Räuber. Bei Sitzungen kellnert er, am liebsten aber steht er selbst auf der Bühne. Manuel ist auf dem rechten Auge blind, auf dem rechten Ohr taub, außerdem hat er eine Entwicklungsverzögerung .

„Die Session“, sagt Sandra Cincinnati-Neelen, „ist für Manuel das Größte.“ „Für mich auch! Ich bin der erste Karnevalsprinz aus Afrika!“, ruft Alim. „Meine Eltern mussten erstmal aufgeklärt werden, was Karneval überhaupt ist. Und jetzt stehe ich auf jeder Bühne der Stadt. Ich dachte zuerst, mein Ornat und die Stöckelschuhe, das geht gar nicht. Inzwischen fühle ich mich wie eine echter Prinz!“ „Und was ist mit mir?“, fragt Jungfrau Lea (10). „Ein Leben ohne Karneval ginge für mich gar nicht!“

In Sachen Vielfalt könnten sich das Dreigestirn der Erwachsenen beim Porzer Kinderdreigestirn manches abgucken. „Wir sind eine Familiengesellschaft, da ist das normal, dass jeder mitmacht: egal, woher er kommt, mit oder ohne Handicap“, sagt Cincinnati-Neelen. „Wir hatten schon ein Mädchen, das mit dem Rollstuhl zu den Auftritten gefahren ist, Lukas, unserem Teamchef des Kinderdreigestirns, fehlen drei Zehen am rechten Fuß und das Wadenbein. Doch was spielt das für eine Rolle?“ In der Session 2015 stand Lukas mit Krücken und Fixateur auf der Bühne.

Später einmal wollen alle drei im großen Dreigestirn mitwirken.

Im Kölner Dreigestirn der Erwachsenen sind Frauen nicht erwünscht
 

Lukas Vater Patrick Weinandy findet, das Porzer Kinderdreigestirn passe „ganz gut in die Zeit, auch als Zeichen“. Will sagen: In einer Gegenwart, in der Rechtspopulisten erstarken, in der nicht nur im Internet Hass auf Fremde und Rassismus blüht, in der ein Politiker der AfD viel Applaus für kaum verhohlene antisemitische und rassistische Reden  erhält, sind Manuel, Alim und Lea genau richtig. Vielleicht dienen sie, so hofft Sandra Cincinnati-Neelen, „als Vorbilder für die Großen“.

Bis heute sind einige der Kölner Karnevalsgesellschaften ganz den Männern vorbehalten. Im Kölner Dreigestirn – der Spitze des organisierten Karnevals - sind Frauen nicht erwünscht. Zwar gab es vor einigen Jahren einen homosexuellen Prinzen im Dreigestirn, der medial zu einem großen Thema gemacht wurde, Vorreiter in puncto Toleranz und Integration zu sein kann der organisierte Karneval allerdings nicht für sich beanspruchen, auch wenn er manche Gesellschaften soziale Projekte unterstützen. Konsequent gelebt wird Offenheit und Inklusion in den familiären Gesellschaften, wie bei den Urbacher Räubern.

Jungfrau Lea vom Porzer Kinderdreigestirn sagt, sie wolle später einmal die Jungfrau im großen Kölner Dreigestirn werden. Sie wäre dann womöglich die erste seit 1938 – erst nach dem Krieg begann die Tradition, nur Männer für das karnevalistische Spitzentrio zu nominieren. Kinderprinz Alim möchte dann der große Prinz Karneval werden, und Manuel, logisch, Bauer. Sollte es so kommen, wäre der Kölner Karneval in puncto Integration und Gleichberechtigung in der Gegenwart angekommen. Schließlich heißt es ja auch: „Jeder Jeck is anders.“


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