Kunst für den Kopf

Kulturangebote für Menschen mit Demenzerkrankung waren bislang Mangelware. Jetzt stellen sich Museen wie die Bundeskunsthalle auf ihre Bedürfnisse ein.

Suzanne Clements, Stocksy
Malutensilien geometrisch auf einer Tischplatte angeordnet

Text Sascha Stienen 
Fotos Ayse Tasci-Steinebach

Agnes Middendorf weiß noch nicht, was sie erwartet. Die Betreuer aus dem Altenheim Haus Katharina in Königswinter haben der fast 90-Jährigen und ihren fünf Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern nur verraten, dass sie heute einen Ausflug mit der Straßenbahn machen. Alles andere wäre zu verwirrend gewesen. Jetzt erreicht die Gruppe von Menschen mit demenzieller Erkrankung die Bonner Bundeskunsthalle. Im Foyer begrüßt Kunstvermittlerin Uschi Baetz sie zur Ausstellung „1914. Die Avantgarden im Kampf“.

Ausflug ins Museum: Agnes Middendorf (Zweite von rechts) und ihre Mitbewohnerinnen sind gespannt auf die Führung.

Der Rundgang beginnt am gedeckten Tisch im Werkraum. Bei Apfelkuchen und einem Tässchen Kaffee verteilt Uschi Baetz Namensschilder aus Kreppband. Die Kunsthistorikerin betreut für die Bundeskunsthalle eine Reihe von Inklusionsangeboten, darunter die Führungen und Workshops für Demenzkranke, Blinde und Sehbehinderte sowie für Förderschulklassen. „Wir wollen uns heute mit Ihnen einige Gemälde ansehen und dann auch ein bisschen mit Ihnen malen“, verkündet sie.

Uschi Baetz schafft einen möglichst sinnlichen Zugang zu den Exponaten. Die Kunstwerke sollen die Besucher dazu bringen, sich auszutauschen. Darum wählt sie zuvor einige geeignete Objekte aus, die gut zugänglich sind. Außerdem wichtig: Sie sollen Emotionen oder Erinnerungen wecken, die an die Lebensrealität der Gruppe anschließen.

Heute zeigt sie drei Gemälde, zunächst das „Selbstbildnis im Harnisch“ von ­Lovis Corinth von 1914. Agnes Middendorf ist begeistert von diesem „stattlichen Mann“. „Der hätte früher auch zu mir gepasst“, fügt sie verschmitzt hinzu. „Wir haben ja nicht immer so ausgesehen wie jetzt.“ Vor dem Bild „Maternità“ von Gino Severini bemerkt die Seniorin, dass man der Mutter auf dem Gemälde die Sorge um ihren Säugling ansehe. „Sie hat das Kind bestimmt lieber als ihren Mann“, meint sie. „Aber wenn man ein Kind hat, geht das vor. Vernünftige Männer wissen das.“

Ein Workshop, bei dem die Besucher selbst zum Pinsel greifen, gehört zur Führung.

Die Kunst führt aus der Sprachlosigkeit

Peter Gauchel, Leiter des Altenheims Haus Katharina, hat im letzten Jahr mit verschiedenen Bewohnern seiner Einrichtung die Bundeskunsthalle immer wieder besucht und die Angebote für Demenzkranke getestet. „Erstaunlich, wie gut unsere Bewohner das annehmen“, meint er. Demenz sei eine „stumme“ Erkrankung. „Die Betroffenen haben Angst, dass das, was sie sagen, belächelt wird, und sie nicht ernst genommen werden.“ In der Bundeskunsthalle sei das Gegenteil der Fall. „Die Mitglieder der Gruppe reden hier sogar miteinander. Im Heim ist es oft schwierig, ein Gespräch zu initiieren.“ Gerade durch das Ertasten von Gegenständen, die mit der Ausstellung zu tun haben, wie Werkzeuge oder Nahrungsmittel, kommt man leicht ins Gespräch. Aus Peter Gauchels Sicht ein weiterer kleiner Schritt aus der Isolation. So böten die Führungen eine hervorragende Mischung aus Vertrautem und Neuem: „Genau das, was Menschen mit Demenz brauchen.“

Die Angebote für Demenzkranke gehören zum Aufgabenbereich von Birgit Tellmann, die in der Bundeskunsthalle für Inklusion in Kunstvermittlung und Bildung verantwortlich ist. Sie sagt: „Es geht um kulturelle Teilhabe und darum, dass Menschen, die sich kaum in der Öffentlichkeit bewegen, in die Museen geholt werden.“ Hier hat die Bundeskunsthalle einiges zu bieten: mit Tastführungen für Blinde und Sehbehinderte, Rundgängen in Gebärdensprache, Workshops für Schüler mit Lernschwäche und geistiger Behinderung sowie mit Angeboten für Besucher, die Deutsch als Fremdsprache erlernen. Menschen mit Mobilitätseinschränkungen gelangen barrierefrei in die Ausstellungen und Veranstaltungsräume.

Uschi Baetz (oben links) steht den Teilnehmern ihrer Besuchergruppen beim Malen mit Rat und Tat zur Seite.

Für die Bundeskunsthalle sind inklusive Angebote nicht neu. Bereits vor zehn Jahren begann sie mit Workshops für lernbehinderte oder kognitiv eingeschränkte Schüler. Führungen für Gehörlose und Tastführungen gibt es noch länger. 2011 kamen die Angebote für Menschen mit Demenz hinzu. „Das ist ein aufwendiges Programm, das sehr von Netzwerken lebt und von der Zusammenarbeit mit denen, für die wir das Programm machen“, so Tellmann. Dazu gehören die Kommunikation mit Betroffenenverbänden und das Ausprobieren neuer Ausstellungen durch Testbesucher.

Menschen mit Behinderung die Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen – diese Forderung stellte die UNO 1981, dem Jahr der Behinderten, an ihre Mitgliedstaaten. Ein Anstoß, den Kultureinrichtungen in aller Welt aufnahmen. In Deutschland setzte die Hamburger Ausstellung „Dialog im Dunkeln“, in der Blinde ihre Gäste in kleinen Gruppen durch stockfinstere Räume führen, 1988 einen wichtigen Akzent in Sachen Inklusion und Umgang mit Behinderung. Inzwischen wurde sie in über 30 Ländern und mehr als 130 Städten weltweit präsentiert und beeindruckte rund acht Millionen Besucher. Ein weiterer Meilenstein war die Ausstellung „Der (im)perfekte Mensch“ im Deutschen Hygienemuseum in Dresden 2000, die den historischen und aktuellen Umgang mit Behinderung thematisierte und von der Aktion Mensch unterstützt wurde. „Das hat die Landschaft verändert“, sagt Birgit Tellmann, die sich auch auf Bundesebene in museumspädagogischen Arbeitsgruppen für Inklusion engagiert. Letztendlich haben diese Meilensteine auch den Weg für Angebote wie die Führungen  für Menschen mit Demenz geebnet. „Inzwischen gibt es Programme für Menschen mit Demenz in vielen Häusern, aber noch nicht deutschlandweit. Die  Nachfrage nach Kollegenschulungen ist groß – von Flensburg bis zum Bodensee“, so Tellmann.

im Malworkshop entstandenes Bild

Klar ist: Inklusion muss von der Geschäftsführung oder Intendanz getragen werden, nicht allein von Museumspädagogen. Überlegungen zur Barrierefreiheit gehören in die architektonischen Planungen, wenn neue Museen entstehen oder bestehende Häuser umgebaut werden. Von barrierefreien Angeboten profitieren übrigens alle Besucher. Birgit Tellmann erinnert an eine Buddhismus-Ausstellung, bei der die Bundeskunsthalle einige Jahrtausende alte Reliefs zur Lebensgeschichte des Erleuchteten ertasten ließ. „Das war einfach fantastisch.“

Die Gruppe um Agnes Middendorf greift nach der Führung selbst zu Pinsel und Farbe. Selbst kreativ zu werden, gehört fest zum Programm. Gut gelaunt lobt die Seniorin ihren Nebenmann für das tolle Haus, das er gemalt hat. Auch er ist sehr zufrieden mit seinem Bild. „Das lasse ich rahmen und hänge es auf.“


Schön gelaufen

Jeder kann schön sein! Das beweisen die Teilnehmer von inStyle, einem inklusiven Jugendprojekt rund um kreative Mode und Styling.

Die Ergebnisse sehen Sie hier
Hat der Töne

Der Hornist Felix klieser spielt sein Instrument mit den Füßen und begeistert nicht nur das Publikum, sondern auch die Fachwelt.

Ein Porträt mit Hörprobe
Künstlerduo Geiss und Vogel
Comic-Duo

Wenn die beiden Kölner Künstler Cornelius Vogel und Tanja Geiss zur Tusche und Feder greifen, steht die Welt kopf – zumindest für einen von beiden.

Einblick in ihr Attelier

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?