Zwillinge: Einer hat das Downsyndrom

Magdalena und Benjamin sind Zwillinge. Und machen am liebsten alles gemeinsam. Verschieden sind sie trotzdem. Sie gehören zur kleinen Gruppe der sogenannten diskordanten Zwillinge: Benjamin hat das Downsyndrom, Magdalena nicht.
 

Ein Herz und eine Seele: Magdalena und Benjamin.

Text: Marie-Charlotte Maas 
Fotos: Evelyn Dragan
 

„Maggy!“, ruft Benjamin, als er ins Zimmer kommt, läuft zu seiner Schwester und umarmt sie heftig. Magdalena lacht, sie kennt Benjamins kleine Zuneigungsbekundungen, seit sie beide vor neun Jahren in einem Krankenhaus in Heilbronn auf die Welt kamen. Magdalena und Benjamin wohnen in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg und sind ein Herz und eine Seele, wie es wohl nur Zwillinge sein können. Sie lieben Erdbeereis und Taekwondo, malen gern und spielen mit ihren Puppen Krümel und Krümeline. Jeden Morgen gehen sie zusammen zu Fuß zur Schule, sie in die vierte, er in die dritte Klasse. Benjamin und Magdalena gleichen sich und sind doch verschieden.

Geschwister, die sich perfekt ergänzen

Als die beiden Kinder im April 2006 geboren werden, entdecken die Ärzte bei Benjamin das Downsyndrom. Magdalena kam ohne die Genommutation zur Welt und so gehören die beiden zur seltenen Gruppe der diskordanten Zwillinge. Wie viele dieser ungewöhnlichen Paarungen es in Deutschland gibt, weiß man nicht. Auf einer Kontaktliste der Universität des Saarlandes, die an einer Studie zu dem Thema arbeitet, findet man aktuell rund 100 Familien.

„Für Benjamin ist es ein großes Glück, dass er Magdalena an seiner Seite hat“, sagt seine Mutter Nadine Pfeil. Bis er drei Jahre alt war, konnte der Junge mit Downsyndrom nicht laufen. Kein Problem für Magdalena – sie zog ihn einfach auf dem Bauch liegend hinter sich her. Heute hilft sie ihm bei den Hausaufgaben, stellt ihm Rechenaufgaben, räumt sein Zimmer auf – „die Bruchbude“, wie sie scherzhaft sagt – und liest ihm aus seinen Lieblingsbüchern „Asterix“ und „Der Räuber Hotzenplotz“ vor.

In Magdalena hat Benjamin seine größte Förderin gefunden – und seine engste Vertraute. „Gleichzeitig“, sagt Nadine Pfeil, „ist Benjamin für Maggy ein Segen; er ist ihr Türöffner in einer fremden Umgebung.“ Benjamin, charmant und offen, immer einen witzigen Spruch auf den Lippen, ist derjenige, der fremde Menschen anspricht, und so Kontakte knüpft. Magdalena ist ruhig und besonnen. Sie beobachtet und analysiert, schenkt ihr Vertrauen langsam. Aber wenn es um Benjamin geht, kann sie zur Löwin werden. Vor einigen Wochen haben Jungs aus dem Dorf Benjamin an einer Bushaltestelle geärgert, als er sie – wie er es immer macht – einfach angesprochen hat. Doch sie hatten nicht mit Zwillingsschwester Magdalena gerechnet. „Lasst meinen Bruder in Ruhe!“, schleuderte sie ihnen entgegen.

Ein Zwilling bleibt nicht gern allein

Am liebsten verbringen die beiden Zeit miteinander, sie sind sich selbst genug, sagt auch Vater Klaus Pfeil. Streit gibt es selten, höchstens dann, wenn Magdalena Benjamin Benji nennt, denn das mag er gar nicht. „Ich heiße Benjamin. Punkt.“

Und noch eines stört den Jungen mit Downsyndrom: Dass jeder von beiden seit Kurzem ein eigenes Zimmer hat. Die Familie hat gebaut, und so zogen die Kinder aus dem gemeinsamen Zimmer mit Hochbett in zwei separate, helle Räume mit Blick auf die weite Landschaft und die Pferde der Nachbarn. „Ich liebe es, mein eigenes Reich zu haben, in dem ich mit meinen Freundinnen spielen kann“, sagt Magdalena und schaut zu Benjamin. Der grummelt ein bisschen. Manchmal wacht er nachts um drei Uhr auf. „Wo ist meine Magdalena?“, ruft er dann. Über die Frage, warum er Magdalena so gern mag, muss Benjamin nicht lange nachdenken: „Weil sie so süß ist, und weil sie mich liebt.“

Nächstes Jahr wird Magdalena auf eine weiterführende Schule gehen. Benjamin wird erst einmal auf der Grundschule bleiben, wie es danach weitergeht, wird man sehen. „Wir planen von Schuljahr zu Schuljahr“, sagt Nadine Pfeil. Ihr ist es wichtig, dass die beiden Kinder auch jeweils ihr eigenes Leben haben und Dinge ohne den anderen machen. Magdalena geht einmal die Woche allein zum Leichtathletiktraining, Benjamin zum Schwimmen und zur Physiotherapie.

Inwiefern ihr Zwillingsbruder anders als die anderen sei? Magdalena guckt fragend. Benjamin? Anders? Sie versteht die Frage nicht. Für Magdalena ist Benjamin Benjamin. Ganz einfach.


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