Darf ich so bleiben, wie ich bin?

Fortschritte in der Medizin- und Computertechnik erleichtern uns nicht nur das Leben, sie verändern auch den Blick auf uns selbst. Immer perfekter können und wollen wir sein. Unsere Würde könnte dabei auf der Strecke bleiben.
 

Bettina Fürst-Fastré, MENSCHEN. das magazin

Der Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke moderiert die Rundfunksendung „Das philosophische Radio“ auf WDR 5. Er gewann 2012 den Medienethikpreis
META der Hochschule der Medien Stuttgart. Sein Buch „Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Gegen die Perfektionierung des Menschen – eine philosophische Intervention“ erschien 2013

Text Jürgen Wiebicke

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, zum ersten Mal einen Cyborg persönlich kennenzulernen. Man denkt da ja zunächst mal an merkwürdige Mischwesen aus Mensch und Maschine, wie man sie aus dem Kino kennt oder als Spielzeugfigur. Mein Gegenüber war aber aus Fleisch und Blut und zudem ausgesprochen nett. Er nennt sich selbst Cyborg, zum Glück mit Augenzwinkern, weil er Träger eines Cochlea-Implantats ist, dem er die Fähigkeit zu hören verdankt. Ein beeindruckendes Beispiel für die Leistungen der Medizintechnik, die in den kommenden Jahren gewiss noch viele Überraschungen präsentieren wird. Dass der Lahme sich erhebt und einfach losläuft, kannten wir bislang nur aus dem Neuen Testament. Künftig soll das ohne die Anwesenheit von Jesus möglich sein, mit der Hilfe von Hightechprothesen aus den Laboren der Robotik. Ob solche Technologien
menschenfreundlich sind oder nicht, wird jeder für sich selbst (und hoffentlich frei!) entscheiden müssen. Aber bereits heute tragen sie dazu bei, die Art und Weise, wie wir über den Menschen reden, zu verändern.

Der Mensch als Maschine

Wer ein Gespür für die Feinheiten in der Alltagssprache hat, wird darauf stoßen, dass wir zunehmend technizistische Begriffe benutzen, wenn wir vom menschlichen Körper sprechen. Da ist von Mensch-Maschine-Schnittstellen die Rede, vom Gehirn als Denkapparat, von einer gelöschten Festplatte, wenn die Erinnerung fehlt. Solche Veränderungen passieren nicht zufällig, denn die Sprache ist Spiegel unseres Denkens. Wir sind dabei, den Menschen allmählich so ähnlich zu sehen wie einen Computer. Von dem wissen wir ja, dass er morgen leistungsfähiger sein wird als heute. Also gilt anscheinend auch für den Menschen, dass er nicht so bleiben kann, wie er ist, sondern ständig an seinen Mängeln arbeiten, sich optimieren muss. Dass eine solche Denkweise besonders Menschen mit einer Beeinträchtigung unter zusätzlichen Druck setzt, liegt auf der Hand.

Seit einiger Zeit blühen die Fantasien des Technofuturismus. Diese intellektuelle Strömung lebt von der Vorstellung, dass wir uns am Beginn einer technologischen Entwicklung befinden, durch die die Menschheit in ihrer jetzigen Form überwunden wird. In der Zukunft sollen wir klüger, glücklicher und unverletzlicher sein als heute – und wären alle Cyborgs. Die Waghalsigsten unter den Technofuturisten glauben gar, dass wir bis zum Jahr 2045 ein Wesen schaffen werden, das Unsterblichkeit erlangt, indem es seinen Geist mit Computern verschmilzt und dadurch nicht mehr an biologische Grenzen gebunden wäre. Der Prominenteste unter ihnen ist Raymond Kurzweil, der die Prognose aufgestellt hat, dass Computer schon bald nicht bloß intelligenter als ein einzelner Mensch sein werden, sondern schlauer als Milliarden Menschen zusammen. Kurzweil ist nicht der
Vorsitzende eines Clubs toter Dichter, sondern Träger von 18 Ehrendoktortiteln amerikanischer Universitäten und Direktor für technische Entwicklung bei Google. Am Tisch der Posthumanisten sitzen also nicht bloß philosophierende Nerds, hier trifft sich beeindruckende ingenieur- und naturwissenschaftliche Intelligenz, die um üppige Forschungsgelder nicht lange bitten muss.

Selbstverständlich haben wir allen Grund, skeptisch zu sein, wenn Fortschrittseuphoriker technische Fantasien produzieren, von denen wir nicht wissen können, ob sie jemals realisiert werden. Aber bereits heute können sie es als Triumph verbuchen, eine veränderte Redeweise über den Menschen fest etabliert zu haben. Die Bilder haben sich verändert, in deren Licht wir uns selbst und unsere Welt deuten. Ob es sinnvoll ist, einen Menschen mit einer Maschine zu vergleichen, hängt nicht allein am Intelligenzquotienten der Maschine oder anderen messbaren Daten. Es ist eine Kulturfrage. Ein religiöser Mensch beispielsweise wird das niemals tun. Heute müssen wir uns entscheiden, ob wir tatsächlich mit der Vorstellung leben wollen, dass der Mensch ein defizitäres Wesen ist, das der permanenten Optimierung bedarf. Wenn wir Ja zur kalifornischen Ideologie sagen, werden wir uns nicht mehr darüber aufregen, wenn künftig Wunschbabys designt werden sollen.

Den genetischen Zufall aus der Welt schaffen

Der bioethische Streit um die Präimplantationsdiagnostik (PID) ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie der schleichende Prozess der Umwertung von Werten verläuft. Mithilfe dieser Technologie haben Ärzte und Eltern die Chance, sich den vermeintlich besten unter den künstlich hergestellten Embryonen auszusuchen, bevor er in den Leib der Mutter transferiert wird. Prinzipiell ist alles angerichtet, um den genetischen Zufall aus der Welt zu schaffen. Während in Deutschland die Befürworter der PID argumentiert haben, auf diese Weise könne schweres Leid vermieden werden, und damit auch politisch erfolgreich waren bei der gesetzlichen Öffnung der ersten Tür, sind manche Bioethiker, wie der Oxford-Professor Julian Savulescu, schon einen Schritt weiter. Ihnen geht es nicht mehr „nur“ um die Auswahl gesunder Kinder, sie fordern eine Art Bestenauslese. Die Idee der Selektion kehrt zurück. Eltern sollen sich unter ihren möglichen Kindern für dasjenige entscheiden, das schon vor der Geburt genetisch die besten Karten hat. In der Konsequenz würde ein solches Denken dazu führen, dass der Blick auf unsere Schwächen und Hinfälligkeiten immer unerbittlicher wird. Es gälte der Grundsatz: Der Sieger nimmt alles.

Bereits heute berichten ja Eltern von Kindern mit Downsyndrom oder mit schwerer körperlicher Behinderung, dass sie sich regelmäßig erklären müssen, warum denn dieses Kind überhaupt zur Welt gekommen ist. Beliebt in der Philosophie ist das Paradoxon von Theseus und seinem Schiff. Theseus, der fleißige Zimmermann, tauscht nach und nach alle Einzelteile des Schiffes aus und ersetzt sie durch neue. Unterdessen hat ein anderer Schiffbauer die ausgemusterten Teile wieder zusammengezimmert. Welches von den beiden ist nun wirklich das Schiff von Theseus? Bezogen auf den Menschen, der zunehmend als eine Art Baukasten verstanden wird, wäre dann die Theseus-Frage, ob es einen erkennbaren Kipppunkt gibt, von dem an aus einem menschlichen ein nicht mehr menschliches Wesen geworden wäre mit einer anderen Identität. Womöglich würden wir das Übertreten der Schwelle gar nicht bemerken. Es gibt beim Menschen keine klare Trennung zwischen natürlich und künstlich. Sonst müssten wir überlegen, ob schon der erste Mensch mit Brille auf der Nase ein Cyborg war. Sollen wir also bleiben, wie wir sind? Natürlich nicht.

Menschen streben immer nach Veränderungen, andernfalls würden wir ja heute noch auf allen Vieren tappen. Und ganz gewiss wird es noch zahlreiche segensreiche Erfindungen geben, die Menschen mit Behinderung das Leben leichter machen. Was heute verteidigt werden muss, ist etwas anderes, nichts Geringeres als die großartigste Erfindung, seitdem es Menschen gibt: die Idee der menschlichen Würde. Sie besagt, dass jeder Mensch, egal, ob stark oder schwach, ob mit oder ohne Behinderung, etwas ganz Besonderes, Einmaliges ist. Menschliches Leben ist unantastbar. Der abschätzige Blick auf das, was wir an uns selbst oder bei anderen als unperfekt empfinden, verletzt diese Idee. Die Sicht auf den Menschen als bloßes Biomaterial tut es erst recht. Wir sind bereits dabei, uns auf diesen Blick zu fixieren. Ganz zu schweigen von dem Druck, der auf uns lastet, wenn wir uns freiwillig dem Optimierungsgedanken ausliefern. Ein schönes Beispiel für den fließenden Übergang von Freiheit und Fremdbestimmung sind die neuen Fitnessarmbänder, die ständig Körperdaten sammeln. Sie mögen mir helfen, sportliche Disziplin aufzubringen. Aber bereits jetzt gieren Krankenkassen danach, in den Besitz dieser Daten zu gelangen.
Jeden Tag ein bisschen besser – diese Phrase sollten wir Werbeleuten und Unternehmensberatern überlassen. Der Philosoph Thomas von Aquin hat im 13. Jahrhundert dem Menschen einen Platz zwischen Tieren und Engeln reserviert. Also alles andere als perfekt, aber doch ziemlich gut.


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